Ilsenburg l Dass die Stadt Ilsenburg auch heute noch viel Ursprüngliches zu bieten hat, ist vor 75 Jahren unter anderem dem Arzt Dr. Thilo Blick zu verdanken gewesen. Er gilt nach übereinstimmenden Überlieferungen als derjenige, der wenige Tage vor der letztlichen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 den Amerikanern die Stadt kampflos übergab. Dieser Fakt ist unbestritten.

Unklar scheint allerdings der Ablauf der damaligen Ereignisse. Eine Quelle ist eine DVD, die Ilsenburgs jetziger Bürgermeister Denis Loeffke (CDU) vor einigen Jahren von den Nachfahren Thilo Blicks geschenkt bekam. Auf dem Datenträger befindet sich eine von Thilo Blick selbst gesprochene Schilderung der damaligen Abläufe, die Blick zu DDR-Zeiten darlegte und zusammengefasst folgenden Inhalt hatte:

Lazarett-Kommandant gegen Kampfhandlungen

Dr. Thilo Blick war Anfang 1945 Wehrmachtsangehöriger und Kommandant des Reservelazaretts Ilsenburg. Dieses Lazarett bestand aus 17 Häusern, Hotels und Pensionen. 1200 Verwundete waren hier untergebracht und wurden laut Blick von sechs Ärzten, 60 Schwestern, 50 Sanitätern und „umfangreichem zivilen Gefolge“ betreut. Auch fünf Verwaltungsbeamte gehörten zur Kommandantur.

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Aus dem Tondokument wird auch deutlich, dass Dr. Thilo Blick Ende März 1945, als die Amerikaner aus Richtung Niedersachsen anrückten, 400 deutsche Soldaten aus dem Wehrdienst entlassen habe. Am 11. April selbst soll Thilo Blick morgens eine Meldung erhalten haben, aus der hervorging, dass eine SS-Einheit am Eckerkrug eine Verteidigungsstellung errichtet. Blick sei dann in Begleitung von Albert Lüttge, einem Pensionsinhaber, mit dem Fahrrad losgeradelt. Während der Fahrt seien sie auch auf einen zerschossenen Pkw gestoßen, seien selbst aber nicht beschossen worden. Am Eckerkrug selbst seien sie dann auf einen Zug SS-Soldaten (Zug sind 13 bis 60 Soldaten) getroffen, die mit Maschinengewehren und Granatwerfern ausgerüstet gewesen seien. Blick zitiert sich auf der DVD wie folgt: „Freunde, wir haben 1200 Verwundete, die haben bereits geblutet, also geht ins Gebirge“.

Er bat sie, die Stadt Ilsenburg nicht zu verteidigen da dies eine Lazarettstadt sei. Blick soll den SS-Leuten gesagt haben „Ihr habt sie am Kanal nicht aufgehalten, da wird das an der Ecker auch nichts“. Die Soldaten sollen ihn gefragt haben, ob er wohl die Hosen voll habe, und Blick soll geantwortet haben „Wir waren schon vor 25 Jahren vor Verdun, da lagt ihr noch in den Windeln“.

Zeugen für diese Dialoge gibt es nicht mehr, aber den Fakt, dass die SS ihre Stellung verließ und abrückte. Damit war der Krieg für Ilsenburg vorbei. Blick spricht auf der DVD rückblickend über sich selbst. Wir „handelten als vernünftige, klar denkende Männer, die das Urteil der Geschichte nicht zu scheuen brauchen“, ist zu hören.

Eine andere Quelle für die damaligen Geschehnisse ist die Chronik, die zur 1000-Jahr-Feier Ilsenburgs vor 25 Jahren von der Stadt Ilsenburg herausgegeben wurde. Die Ergebnisse der Recherchen des Chronik-Redaktionsteams weisen leider keine konkreten namentlichen Quellen auf, so dass deren Richtigkeit nur schwer zu bestätigen ist. In der Chronik werden die Ereignisse im Großen und Ganzen ähnlich geschildert, aber unterschiedlichen Ereignisorten zugeschrieben.

Keine namentlichen Quellen

So soll es bereits am 5. April ein Treffen von Dr. Thilo Blick mit dem Leiter einer Vorhut der Wehrmacht gekommen sein. Zufällig sei deren Befehlshaber mit Major Lutz Vorhauer ein entfernter Verwandter Thilo Blicks gewesen. Die beiden Offiziere hätten sich insofern verständigt, dass eine Verteidigung Ilsenburgs sinnlos sei. Eine positive Rolle soll in jenen Tagen auch der damalige Ilsenburger Bürgermeister Willi Pech gehabt haben, der beim Kreisleiter in Wernigerode gegen Kampfhandlungen argumentiert haben soll.

Am 11. April soll es in den Morgenstunden laut Stadtchronik zu leichten Kampfhandlungen am westlichen Stadtrand im Bereich des Wienbergs gegeben haben. Thilo Blick und Albert Lüttge hätten die deutschen Verteidiger von der Sinnlosigkeit dem Kampfes überzeugt, so dass das Feuergefecht die wahrscheinlich einzige Kampfhandlung in der Stadt gewesen sein dürfte.

Gegen 11 Uhr des 11. Aprils seien die ersten amerikanischen Panzer in die Stadt eingerollt und Bürgermeister Pech soll ihnen offiziell die Stadt übergeben haben.

Soweit der Rückblick auf die damaligen Ereignisse. Dr. Thilo Blick blieb nach Kriegsende weiter als Arzt in Ilsenburg tätig. Er verstarb am 12. Juli 1973 in der Ilsestadt und ist auf dem städtischen Friedhof am Veckenstedter Weg beigesetzt.

Postume Ehrung für den Retter der Stadt

Nach der Wende verlieh ihm der Ilsenburger Stadtrat posthum die Ehrenbürgerschaft der Stadt Ilsenburg. Erst vor wenigen Jahren traf der Stadtrat mehrheitlich eine weitere Entscheidung im Zusammenhang mit der mutigen Tat des Mediziners. So trägt die Hauptstraße des noch im Bau befindlichen neuen Wohngebietes am Schützenberg den Namen des Stadtretters.