Wolmirstedt l Die Tage der „Villa Kunsterbunt“ sind gezählt. Ab Montag wird das ehemalige Ladengeschäft wieder leerstehen. Das gemeinsame Projekt vieler Hobbykünstler wird es an dieser Stelle dann nicht mehr geben. Was ist passiert?

Der Hausverwalter hat erfahren, dass Künstler in diesem Haus ihre Werke verkaufen, dass der Laden an manchen Tagen brummt und möchte einen Gegenwert haben. Bisher hat er das leere Geschäft kostenlos zur Verfügung gestellt. Wasser und Strom gab es zwar nicht, aber einige Nebenkosten fallen trotzdem für den Hauseigentümer an, beispielsweise die Grundsteuer. Nun will er die Räume nicht mehr kostenlos hergeben.

„In diesem Raum werden auch Umsätze generiert, die Aussteller haben Produkte verkauft oder ihren Bekanntheitsgrad erhöht“, sagt der Verwalter im Volksstimme-Gespräch. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, zeigt sich aber verwundert, dass offenbar niemand bereit ist, sich dem Hauseigentümer gegenüber erkenntlich zu zeigen.

Villa-Macher stehen vor Scheideweg

Zum Jahreswechsel stehen die Macher der „Villa Kunsterbunt“ nun also vor einem Scheideweg. Ein Jahr lang stand ihnen das Geschäft kostenlos zur Verfügung, ein Jahr lang haben Künstler jeweils zwei Monate lang ausgestellt und zu den Ausstellungseröffnungen viele Besucher empfangen. Und: Sowohl der Hausverwalter als auch die Hobbykünstler haben dieses Projekt als Gewinn für alle betrachtet: Der Verwalter konnte sich auf einen schönen Anblick des Hauses verlassen, auch darauf, dass vor der Tür regelmäßig gekehrt wird. Die Künstler hatten eine Bühne. Die Stadt hatte ein schön gestaltetes Schaufenster mehr. Damit soll Schluss sein?

Karin Auerbach kann sich damit nicht abfinden. Die Keramikerin hatte das Projekt vor über einem Jahr ins Leben gerufen, Mitstreiter zusammengetrommelt, die erste Ausstellung zusammen mit Kalligrafie-Künstlerin Kathleen Schladitz bestritten. Der Erfolg gab ihr Recht. Nach zwei Monaten stellte die nächste Künstlerin aus, das Konzept wurde ein Jahr lang fortgesetzt, weitere Künstler stehen in der Warteschleife. Die Besucherzahlen der Ausstellungseröffnungen sind stetig stiegen, zur Adventszauber-Aktion „Offene Höfe“ wurden 650 Gäste gezählt. Karin Auerbach sagt: „Ich hätte auf keinen Fall aufgegeben.“

Noch will keiner einen Verein gründen

Allerdings ist Karin Auerbach längst wieder nach Wismar gezogen, spricht also aus der Ferne. Die Vorort-Betreuung hat Kathleen Schladitz übernommen. Sie denkt: „Um weiterzumachen, müssten wir vielleicht einen Verein gründen.“ Bisher habe sich niemand dazu bekannt. „Außerdem“, sagt sie, „gibt es in Wolmirstedt bereits viele Vereine, es wäre wohl wichtiger, die vorhandenen Initiativen zu bündeln.“

„Für einen Verein muss sich jemand den Hut aufsetzen“, bekräftigt Gunnar Steinert, der in der „Villa Kunsterbunt“ Holzkunst ausgestellt hat. Er jedoch möchte den Hut nicht tragen, gibt aber die Hoffnung nicht auf, dass die Villa weiterbetrieben wird. „Die Villa war für uns eine Tür nach draußen. In dem Jahr ist eine Menge passiert, wir haben viele Kontakte geknüpft, das Konzept wurde von der Bevölkerung angenommen, die Hobbykünstler haben sich gegenseitig zu anderen Ausstellungen mitgenommenen.“

Das bestätigt Betonkünstlerin Kati Fleischer: „Wir haben wohl alle Blut geleckt und ich glaube, dass auch die Wolmirstedter auf so ein Projekt gewartet haben.“ Sie wäre traurig, wenn es die „Villa Kunsterbunt“ nicht mehr gäbe und hofft, dass sich das Konzept an anderer Stelle fortführen lässt. „Vielleicht im Bürgerhaus...“

Das kann sich Initiatorin Karin Auerbach nur schwer vorstellen. „Die Intention war ja, die leeren Schaufenster in der Innenstadt zu beleben, sodass es den Leuten wieder Spaß macht, in Wolmirstedt bummeln zu gehen und potentielle Käufern oder Mietern erkennen, wie attraktiv dieser Laden ist.“ Nun würde sie am liebsten aus der Ferne die Fäden wieder in die Hand nehmen, ob in der „Villa“ oder an anderer Stelle. „Es gibt viele Schaufenster, die gestaltet werden können.“

Karin Auerbach erinnert sich daran, als sie einst von Wismar nach Wolmirstedt gezogen war. Da hatte sie sich sehr am Anblick leerer Schaufenster gestört. Sie regte zum Projekt „Villa Kunsterbunt“ an, schaffte es, dieses leere Geschäft mit schönen Dingen zu füllen, Menschen zu begeistern. Und zog wieder zurück an die Ostsee. Nach Wolmirstedt kommt sie nur noch zu Besuch. „Ich war immer stolz, an diesen Schaufenstern vorbeizugehen, der Anblick hat mich immer erfreut.“

Kostenlose Nutzung keine Endlosvariante

Der Verwalter möchte das Haus in der Friedensstraße nun wieder vehementer verkaufen oder vermieten, die Schilder werden demnächst wieder sichtbar platziert. „Es war im vergangenen Jahr alles wunderbar, schick und schön“, bestätigt er, „doch wenn keiner bereit ist anzuerkennen, dass auch wir Kosten haben, geht es nicht weiter.“ Im Übrigen sei von Anfang an klar gewesen, dass die kostenlose Nutzung keine Endlosvariante sei.

Und nun? „Bestimmt dauert es nicht lange, bis die Fenster wieder mit Plakaten zugekleistert sind“, befürchtet Kati Fleischer. Die Betonkünstlerin hofft auf ein Weitermachen.

Kathleen Schladitz möchte die Idee ebenfalls fortführen, vielleicht in anderer Form. Sie wird die „Villa“ am Montag mit den anderen ausräumen und versuchen, gemeinsame Pläne zu schmieden. Vorerst geht sie auch mit einem lachenden Auge. „Wir haben gezeigt, was alles möglich ist.“