Erinnerungen

Als Meitzendorf 1727 fast niederbrannte

Mit einer Andacht und einem Bänkelgesang haben Meitzendorfer am Sonnabend des verheerenden Brandes vor 94 Jahren gedacht. Am 6. August 1727 zerstörte ein Feuer den gesamten Ort.

Von Sebastian Pötzsch 08.08.2021, 17:03
Pfarrer Johannes Könitz und Klaus-Dieter Balko tragen am Sonnabend den Bänkelgesang zum Dorfbrand von 1727 in der Meitzendorfer Kirche vor.
Pfarrer Johannes Könitz und Klaus-Dieter Balko tragen am Sonnabend den Bänkelgesang zum Dorfbrand von 1727 in der Meitzendorfer Kirche vor. Foto: Sebastian Pötzsch

Meitzendorf - „Leute höret die Geschichte aus ferner Vergangenheit, als ein Feuer wollte vernichten Meitzendorf für alle Zeit.“ Diese Worte, gesungen von Klaus-Dieter Balko, erfüllen am Sonnabendnachmittag die Kirche von Meitzendorf. Begleitet wird er von Pfarrer Johannes Könitz an der Elektroorgel. Die Melodie, die die dramatischen Zeilen umrahmen, erinnern stark an die klagenden Noten zu „Mecki Messer“ aus der Dreigroschenoper von Kurt Weill. Bei dem Lied handelt es sich um einen sogenannten Bänkelgesang und sind Teil einer Andacht zum Gedenken an ein einschneidendes Ereignis, dass Meitzendorf bis heute prägt.

Es ist ein warmer Sommertag am 6. August des Jahres 1727. Doch gegen 9.30 Uhr braut sich ein heftiges Gewitter über der Ortschaft zusammen. Der Himmel verdunkelt sich gespenstisch, bis es anfängt, in Strömen zu regnen. Es blitzt und donnert ohne Unterlass. Plötzlich - es ist Punkt 9.51 Uhr - erschüttert ein extrem lauter Knall den Ort. Ein Haus in Meitzendorf fängt Feuer. Hier hat ein Blitz eingeschlagen. Im Nu greifen die Flammen auf das gesamte Fachwerkgebäude über. Doch dabei bleibt es nicht. Auch die Häuser in der Nachbarschaft sind stark gefährdet. Die Anwohner laufen auf die Straßen und schlagen die Hände über ihren Köpfen zusammen. "Das ist die Strafe Gottes", rufen einige aus voller Kehle.

Tatsächlich greifen die Flammen auf weitere Häuser über. Der Regen hat schon längst aufgehört. Doch die verbliebene Nässe vermag es nicht, das Flammenmeer aufzuhalten. Immer mehr der Fachwerkgebäude inmitten des Ortes geraten in Brand. Mit Wassereimern ist der Hölle längst nicht mehr beizukommen. Nur wenige können ihre Habseligkeiten retten. Nach nur zwei Stunden ist fast das gesamte Dorf abgebrannt.

Eingestürztes Fachwerk

Übrig geblieben sind eingestürzte Fachwerke. Rußgeschwärzt ragen sie wie faule Zähne gen Himmel. An allen Ecken und Enden steigen dicke Rauchschwaden in Richtung des wolkenverhangenen Firmaments. Die Einwohner - Bürger, Groß- und Kleinbauern sowie Knechte und ihre Angehörigen - haben sich fassungslos an der Kirche eingefunden und hoffen auf himmlischen Beistand. Der Sakralbau mit seinen vier Fuß dicken Mauern aus Feldsteinen bietet Schutz vor dem Höllensturm. Tatsächlich scheint Gott die Gebete erhört zu haben. Wie durch ein Wunder bleibt die Kirche unversehrt - alle Einwohner überleben.

So oder so ähnlich mag es sich vor 294 Jahren in Meitzendorf zugetragen haben. Als Dorfbrand ging dieses infernalische Ereignis in die Geschichte ein. Neben der Kirche überstehen nur zwei Hofstellen sowie zwei kleinere Häuser die Feuersbrunst. Die Kirchenchronik berichtet von dem Inferno und den wenigen Gebäuden, die verschont geblieben sind, "wobey die göttliche Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue klärlich zu erkennen", kommentierte der damalige Pfarrer Baldamus.

„Keiner kann die Flammen zählen, denn das Dorf brennt lichterloh“, heißt es in einer der nächsten Strophen des Bänkelgesangs, die Klaus-Dieter Balko eigens vor Jahren schon getextet hat und nun in der Kirche zur gehör bringt. Zuvor hatte Pfarrer Johannes Könitz die Andacht mit einleitenden Worten und einer Fürbitte eröffnet. Auch das Gebet des Pastors Jacob Conrad Baldamus, dass dieser am Tag des Feuers im Jahre 1727 las, trug Johannes Könitz noch einmal vor.

Den Wiederaufbau feiern

„Wir wollen heute nicht nur dem Brand gedenken, sondern auch den Wiederaufbau feiern“, sagte Könitz und schlug einen Bogen in die Vorgeschichte der Feuersbrunst. Meitzendorf sei es nach dem 30-Jährigen Krieg gut ergangen, der Bördeboden habe viel hergegeben. Doch hätten die Einwohner nicht getreu nach Gottes Geboten gelebt. Den Blitzschlag habe Pfarrer Baldamus als „furchtbares Wort aus Gottes Mund“ bezeichnet.

Kein Menschenleben war zu beklagen, berichtet Könitz weiter aus der Chronik. „Fast alle Dörfer der Region halfen den Meitzendorfern beim Wiederaufbau ihres Orten - mit Korn, Bier und Fleisch. Dafür wollen wir Danke sagen.“

Und er berichtet von einer besonderen Begegnung. So hätten die Nachfahren des einstigen Pfarrers Baldamus jüngst Meitzendorf besucht. Als Geschenk habe es eine Familienchronik gegeben, die Könitz an die Vorsitzende des Heimatvereins „Geschichtskreis Meitzendorf“, Bärbel Kriege, überreicht.

Nach der Andacht in der Kirche gehen die Besucher auf den Alten Schulhof. Hier, vor der örtlichen Heimatstube, feiern die Meitzendorfer bei Kaffee und Kuchen den Wiederaufbau. Mit einem Grillschmaus am Abend wird das Ende des diesjährigen Gedenktags eingeläutet.