Wolmirstedt l „1990 hatte ich noch die Hoffnung, dass sich mein Job bald als überflüssig darstellt, doch auch heute noch sind viele Tier- und Pflanzenarten bundesweit, aber auch in Wolmirstedt und Umgebung im Rückgang begriffen“, bedauert Jörg Brämer. Er engagiert sich bereits seit seiner Jugend für den Schutz der heimischen Flora und Fauna und ist Mitbegründer des Landesverbands des Naturschutzbundes (Nabu) in Sachsen-Anhalt. Zudem ist Brämer Leiter der 2001 gegründeten Nabu-Ortsgruppe in Barleben, der derzeit rund 140 Mitglieder angehören.

Mit seinen Kollegen hat er bereits einige Naturschutz-Projekte verwirklicht. Im Technologiepark Ostfalen beispielsweise wurde in Kooperation mit dem Landkreis und dem Technologiepark eine Maßnahme ins Leben gerufen, „um die Biodiversität zu erhöhen“, wie Brämer sagt. Dazu sollen vor allem Pflanzenarten, die vor Ort verschwunden sind, neu angesiedelt werden.

Zahlreiche Projekte

Die Saat dafür stammt unter anderem von einem weiteren Nabu-Projekt: „In Samswegen haben wir seit 2015 eine 20 Hektar große Ganzjahresweide mit zehn Kühen darauf und beobachten nun, wie sich die Artenvielfalt dort entwickelt.“ Der Rückgang der Freilandhaltung sei nämlich ein Grund für den Artenschwund, da die Kühe beziehungsweise ihr Dung eine wichtige Grundlage in der Nahrungspyramide liefere. „Die Fladen sind Nahrungsgrundlage für Insekten und Würmer, die wiederum ein wichtiges Vogelfutter darstellen.“

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Die weitverbreiteten Ackerflächen böten indes nur einen geringe Artenvielfalt. Zugleich hat Brämer aber auch Verständnis dafür, dass die Freilandhaltung immer mehr zurückgeht, da die Weidewirtschaft sehr aufwendig und vor allem nicht mehr rentabel sei. Auch die Landwirte und deren Einsatz von Insektiziden wie den sogenannten Neonicotinoiden kann Brämer nachvollziehen, obwohl durch das Schädlingsgift nachweislich auch nutzbringende Insekten wie Bienen und Hummeln beeinträchtigt werden.

Einen weiteren Grund für den Artenrückgang beschreibt Brämer so: „Die natürliche Viehtrift hat dafür gesorgt, dass Tier- und Pflanzenarten weiträumig verbreitet werden. Das gibt es so heute nicht mehr. Die Flächen sind zerschnitten und das führt zur Inselbildung, also dazu, dass viele Arten nur noch in kleinräumigen Gebieten vorkommen.“

Probleme durch moderne Landwirtschaft

Doch Brämer kann auch Positives berichten. „Der Biber war in unserer Region fast ausgestorben, inzwischen hat sich der Bestand jedoch wieder stabilisiert. Sachsen-Anhalt und vor allem das Elbe-Gebiet kann als Zentrum seiner Rettung angesehen werden.“ Und auch die Zahl der Fischotter habe wieder zugenommen.

Beim Nabu findet man es zudem wichtig, mit dem Naturschutzgedanken bereits bei den Jüngsten anzusetzen. Aus diesem Grund bietet die Organisation an den Grundschulen in Barleben, Hermsdorf und Zielitz Arbeitsgemeinschaften an. „Dabei machen die Kollegen mit den Kindern beispielsweise sogenannte ‚Tümpeltouren‘, gehen also raus in die Natur, zeigen und erklären die dort vorhandene Tier- und Pflanzenwelt. Außerdem bauen sie mit ihnen Nistkästen und zeigen, was man alles so aus Naturmaterialien herstellen kann“, erklärt Brämer das Konzept.

Biber-Bestand stabilisiert

Doch auch als Privatperson kann man einiges zum Naturschutz beitragen, wie Brämer sagt: „In den heimischen Gärten kann man eine möglichst natürliche Umgebung erhalten und so die Artenvielfalt unterstützen. Wir werben beispielsweise dafür, eine Ecke wachsen zu lassen und höchstens zwei mal im Jahr zu mähen. Dort können sich dann diverse Insektenarten tummeln.“

Immer häufiger kämen zudem Menschen zum Nabu, die Igel gefunden haben. „Das wäre nicht nötig, wenn ein Laubhaufen im Garten gelassen wird, in dem die Tiere überwintern können“, so Brämer. Als positiv bewertet der Naturschützer, dass viele Menschen Gartenteiche besitzen, in denen sich unter anderem Insekten und Frösche heimisch fühlen. Der Nabu unterstützt die Menschen auch dabei. So bietet die Organisation beispielsweise Informationsmaterialien und Anleitungen für den Bau von Nistkästen, Wasserstellen und Insektenhotels.

Obwohl in Sachen Naturschutz also schon einiges erreicht werden konnte, bleibt doch noch vieles zu tun. „Wenn wir es als reiches Land nicht schaffen, unsere Natur ordentlich zu schützen, können wir das auch nicht von ärmeren Ländern erwarten“, zieht Brämer ein recht trauriges Fazit, fügt aber hinzu: „Wir sind aber trotzdem Optimisten, ansonsten könnten wir unseren Beruf nicht machen.“