Barleben l Bei Familie Klose aus Jersleben macht sich Unruhe breit. So ist ihnen zu Ohren gekommen, dass das Erholungsgebiet Jersleber See bis zum September geschlossen bleiben soll. Und das, obwohl die aktuellen Verordnungen zur Eindämmung des Coronavirus der Landesregierung eine Öffnung von Bädern mittlerweile zulassen.

„Das wäre völlig inakzeptabel für uns Anwohner, insbesondere für die Kinder. Dort befindet sich der einzige Spielplatz der Umgebung“, teilte Familienvater Steffen Klose schriftlich der Volksstimme mit. Die zeitliche Länge der Sperrung sei von den Barleber Gemeinderatsmitgliedern so nicht gewollt, will der Leser erfahren haben. Auch Schichtpläne und Öffnungszeiten seien bereits erarbeitet sowie Mitarbeiter eingestellt worden.

Alternative zu Fernreisen

„Mangels Reisealternative ins Ausland beziehungsweise begrenzter Kapazitäten in Deutschland sind unsere regionalen Seen für viele Menschen die einzige Möglichkeit, zu urlauben und zu entspannen“, gibt Steffen Klose weiter zu bedenken und fügt hinzu: „Zudem wäre es für das Naherholungszentrum und den Campingplatz die Chance, viele Gäste zu empfangen, den See wirtschaftlich zu betreiben und die im vergangenen Jahr getätigten Investitionen in neue Parkscheinautomaten zu rechtfertigen.“

In einem Gespräch mit der Volksstimme hat Bürgermeister Frank Nase das bisherige Vorgehen der Verwaltung verteidigt. Zugleich teilte er ganz offiziell mit: Ab Dienstag, 2. Juni, wird der Jersleber See wieder für Dauercamper geöffnet sein. Für Bader und Kurzzeitcamper bleibt das Haupttor jedoch bis auf weiteres verschlossen.

„Wir haben jetzt die sechste Eindämmungsverordnung der Landesregierung. Die Bürger fragen schon seit neun Wochen, wie es denn weitergeht“, erklärte Frank Nase dazu und ergänzte: „Wir haben seither immer gesagt: Wenn es keine neuen Verordnungen gibt, bleibt uns nichts weiter übrig, als den See geschlossen zu halten.“ So habe er immer zu den jeweiligen Zeitpunkten und nur zur entsprechend aktuellen Verordnung antworten können. „Wir haben trotzdem hinter den Kulissen gefragt, was wir tun können, so zum Beispiel, ob wir für Camper öffnen oder nur für Dauercamper, welche Abstandsregelungen wir anwenden können zum Beispiel am Strand oder in den sanitären Einrichtungen. Das haben wir schon etliche Male durchgespielt, auch vor den Hintergrund der aktuellen Verordnung“, sagte der Rathauschef weiter. So seien diverse Handlungsvorschläge durchgearbeitet worden. „Ergebnis war, dass alle öffentlichen Gebäude am 9. Juni wieder öffnen“, führte Nase weiter aus.

Entwicklung beobachten

Nun soll die pandemische Entwicklung seit dem Herrentag bis nach Pfingsten beobachtet werden, um die Ergebnisse für die Handlungsstrategie zu berücksichtigen. So sei es im Krisenstab am Donnerstag entschieden worden. „Wir haben uns darauf verständigt, weitere Entscheidungen erst in der Woche nach Pfingsten fällen zu wollen“, hob der Bürgermeister hervor. Er hält die Öffnung des Badebetriebes in diesem Jahr aber grundsätzlich für möglich. So sei die Verwaltung bereits auf der Suche nach Rettungsschwimmern und Einlasskäften.

Unter dessen werde im Rahmen des Krisenstabes und mit den Mitarbeiterin des Jersleber Sees weiter hinter den Kulissen gearbeitet. „Wir haben uns auch entsprechende Konzepte von anderen Bäderbetrieben zusenden lassen, um die für uns richtigen Schlüsse zu ziehen. Nur muss man verstehen: Wenn etwas passiert, sind wir in der Verantwortung.“

Die bisherige Haltung stößt in Teilen der Kommunalpolitik auf Unverständnis. „Ich fordere die sofortige Öffnung des Badebetriebes am Jersleber See“, erklärte Gemeinderatsmitglied Edgar Appenrodt (FWG/Grüne). Die Bedenken des Bürgermeisters lässt das Gemeinderatsmitglied nicht gelten. „Wir verschaffen uns einen Wettbewerbsnachteil“, untermauerte der Politiker seine Forderung. Mit seiner Aussage bezieht er sich auf Magdeburg. Hier ist das Baden im Barleber See sowie im Neustädter See bereits seit Donnerstag wieder erlaubt.

Lockerungen geplant

Möglich wurde dies durch die sechste Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus des Landes Sachsen-Anhalt. Diese sieht seit dem 28. Mai zahlreiche Lockerungen vor. So können Bildungs-, Kultur-, Sport- und Freizeiteinrichtungen wieder öffnen. Das gilt beispielsweise für Schwimmbäder, Sportstudios, Kinos, Theater, Freizeitparks und Volkshochschulen. Diese Verordnung bleibt zunächst bis einschließlich 1. Juli in Kraft.

Um öffnen zu können, müssen die Einrichtungen ihre Hygienepläne an das Gesundheitsamt senden. Zu den neu zu beachtenden Maßgaben laut Sachsen-Anhalt-Plan zählen auch eine Reduzierung der Gästezahl und die Sicherstellung der Einhaltung der Mindestabstände.

Edgar Appenrodt fordert die Umsetzung der Lockerung auch für den Jersleber See – und bekommt Unterstützung von Ratskollegen. Denn zur Causa Jersleber See hat er Freitagfrüh einen Antrag auf „unverzügliche Einberufung des Gemeinderates“ eingereicht. Neben ihm selbst haben das Papier auch Fraktionskollege Johannes Könitz, Cornelia Dorendorf und Franz-Ulrich Keindorff (beide FDP) sowie Reinhard Lüder und Margitta Pape (beide SPD/Die Linke) unterzeichnet. Darin heißt es: „Die Gründe für diese außerplanmäßige Gemeinderatssitzung und ihre sofortige Notwendigkeit ergeben sich aus der sechsten Eindämmungsverordnung und dem fehlenden Handeln der Verwaltung bezüglich der kompletten Öffnung des Naherholungszentrums Jersleber See.“ So befürchten die Unterzeichner finanzielle Ausfälle als auch einen enormen Image-Schaden. „Dies können wir als Gemeinderäte nicht verantworten und es wäre auch den Wählern nicht vermittelbar“, heißt es weiter. Gerade in einer Zeit, in der Bürger bezüglich ihrer Urlaubs- und Reisetätigkeit großen Restriktionen unterworfen seien, müssten alle erlaubten Möglichkeiten vor Ort sofort ausgeschöpft werden.

Auch private Eigentümer

Der Betrieb des Erholungszentrums steht unter der Verantwortung Barlebens, obwohl es auch Flächen gibt, die zur Niederen Börde, Wolmirstedt sowie privaten Eigentümern gehören. So ist es durch Zweckvereinbarungen mit den betroffenen Gemeinden geregelt. Doch dabei handelt es sich um ein Verlustgeschäft. Die Zuschüsse wurden zwar im Zuge der Haushaltskonsolidierung der vergangenen Jahre erheblich reduziert, indem Einnahmen erhöht und Kosten gesenkt wurden. Dennoch schreibt der Jersleber See alljährlich rote Zahlen. Allein 2018 musste Barleben das Geschäft mit fast 60 000 Euro bezuschussen, ein Jahr zuvor waren es sogar fast 100 000 Euro mehr.

Deshalb arbeitet die Verwaltung seit Jahresbeginn an einer Machbarkeitsstudie zur touristischen Vermarktung des Sees. Außerdem hatte der Gemeinderat auf Betreiben der Verwaltung im Dezember 2019 entschieden, dass die Gemeinde ein Konzept erarbeitet, welche die Übertragung des Betriebes Jersleber See auf einen privaten Träger vorsieht. Dies betrifft alle Aufgaben mit Ausnahme der Bungalowsiedlung.

Steffen Klose indes kann die Bedenken der Verwaltung hinsichtlich einer Öffnung des Badebetriebes nachvollziehen. Dennoch sagt der Familienvater: „Wir sind doch mit dem Thema durch. Alle wollen, dass es weitergeht.“ Wenigstens die Öffnung des Geländes für Spaziergänger hätte er sich gewünscht, gerade jetzt zu Pfingsten. „Viele bekommen Besuch. Es wäre schön gewesen, mit Gästen den Jersleber See zu genießen“, so Klose.