Wolmirstedt l Kathrin Flügel wohnt seit neun Jahren mit ihrer Familie im Wolmirstedter Bahnhof. Nun muss sie die Wohnung räumen, so wie die anderen Mieter. Dabei blutet ihr das Herz. „Ich hab das immer als cool empfunden, in einem alten Bahnhof zu wohnen“, sagt die Lehrerin. Besonders die schönen hohen Räume, der zehn Meter lange Flur, das große Bad haben es ihr angetan. „Erst heute morgen habe ich eine Träne verdrückt, als ich daran gedacht habe, dass ich künftig ein sehr kleines Bad haben werde.“

Eigentlich war der Auszug nicht geplant. Doch der Zustand der Dachbalken lässt keine andere Wahl, als Baufreiheit zu organisieren.

„Wir waren überrascht, wie marode die Dachbalken sind“, erläutert Swen Pazina. Er ist neben Peter Hugo Vorstand des Bodelschwingh-Hauses und für den Umbau des Bahnhofsgebäudes zuständig. „Das Dach muss während der Umbauarbeiten aufgemacht werden, die Wohnungen wären Wind und Wetter ausgesetzt.“ Außerdem werden die Versorgungsleitungen für Wasser und Strom vorübergehend abgeschaltet. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, die Mieter vorübergehend auszuquartieren. Das war erst im Juni klar.

Mieter waren sehr überrascht

Die Mieter waren sehr überrascht, als sie mit den Auszugsplänen konfrontiert wurden. Deshalb setzt das Bodelschwingh-Haus alle Hebel in Bewegung, um das Ungemach zu minimieren.

Allen drei Mietparteien wurden Wohnungen angeboten, in Häusern, die dem Bodelschwingh-Haus gehören. Eine Familie hat dieses Angebot in Anspruch genommen, die anderen haben sich bei anderen Anbietern eine Bleibe gesucht. Unabhängig davon ist allen garantiert, dass sie nach der Sanierung wieder in ihre Wohnungen zurückkehren können.

Auch Umzugshilfe stellt das Bodelschwingh-Haus, ebenso die Möglichkeit, Möbel vorübergehend einzulagern. Swen Pazina sagt: „Wir sind im Austausch darüber, wer welche Unterstützung benötigt.“

Das bestätigt Kathrin Flügel. „Das Bodelschwingh-Haus zeigt sich sehr hilfsbereit.“ Sie wird allerdings nicht wieder in ihre Wohnung zurückkehren, auch wenn sie mit großer Wehmut auszieht.

Bahnsteigdach wirkt wie Schallschutz

Ist es nicht sehr laut in einem Bahnhofsgebäude? „Nein“, sagt Kathrin Flügel, „die Wohnungen befinden sich ja über dem Bahnsteigdach.“ Das wirkt wie eine Schallschutzwand, S-Bahnen seien fast gar nicht zu hören. Lediglich vorbeidonnernde Güterzüge machen sich bemerkbar. Doch das gehöre dazu. „Man muss das zentrale Wohnen mögen“, sagt die Mieterin, „auch auf dem Busbahnhof ist manchmal Action.“ Sie mochte es definitiv.

Die Sanierung des Bahnhofsgebäudes soll im August 2021 fertig sein und 3,4 Millionen Euro kosten. Finanziert wird es mit Geldern aus Europa, Sachsen-Anhalt und vom Bodelschwingh-Haus. Im Untergeschoss werden eine Begegnungsstätte, ein Café, ein Pflegedienst, die Bördebusgesellschaft und die Bahn mit einer Service-Station Platz finden.

Bis Oktober 2022 will die Bahn zudem den Tunnel 20 Meter weiter samt Aufzügen fertig haben, anschließend gibt die Stadt dem Bahnhofsvorplatz und der Ladestraße ein neues Gesicht.