Heimatgeschichte

Die Geschichte der Hexe Wandler von Wolmirstedt

Die Ehefrau des Müllers wurde 1653 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Von gbi
Die Silhouette einer als Hexe verkleideten Frau Archivfoto: dpa

Wolmirstedt. In den „Heimatstimmen“ von 1931 ist die Geschichte der Hexe Wandler überliefert. Sie war im Jahre 1653 in Wolmirstedt auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Wie es dazu kam, lautet, leicht gekürzt, so: Im Jahre 1599 saßen an einem rauen Winterabend im Kirschner-Schraken am Johannes- Kirchof in Magdeburg drei Männer und labten sich am Zerbster Bier.

Sie trugen heruntergekommene Kleidung und ihre Gesichtszüge den Ausdruck roher Gemeinheit. Sie hießen Charschenau, Schmierlieb Kamm und Kaspar Schumlau. „Es wundert mich sehr“, nahm der riesenhafte Charschenau das Wort, „dass unser Herr heute so lange auf sich warten lässt. Es wäre auch ein schlechter Spaß von ihm, wenn er uns hier sitzen ließe und wir könnten die Zeche nicht bezahlen.“

Charschenaus Sorge war unbegründet. Ein großer, baumlanger Kerl in einem bis zur Sohle herabreichenden schwarzen Mantel trat ein, setzte sich neben die Gesellen und gab durch das Zusammenstoßen zweier Krüge das Zeichen zum Wiedereinschenken. „Seid ihr noch entschlossen in meine Dienste zu treten?“, fragte der Teufel, „ich bringe euch gutes Trinkgeld und den Vertrag. Erklärt euch!“ Charschenau fragte nach den Bedingungen. „Ich verlange nicht viel“, sagte der Teufel, „jeder liefert mir jährlich sieben Seelen und bringt mit dem 16. Jahr seine eigene. Dafür hat jeder die Kraft, sich nach Belieben unsichtbar zu machen.“

Die Seele verkauft

Die drei Gesellen willigten ein. Herr Satan steckte seine lange Kralle aus dem Mantel hervor und die drei schlugen ein. Jeder fühlte eine Schmerz beim Zurückziehen der Hand und bemerkte einige Tropfen Blut. Der Teufel ließ einen mit Gold gefüllten Beutel zurück und verschwand.

Aus Charschenau, Schmierlieb Kamm und Kaspar Schumlau wurden bald sauber und ordentlich gekleidete Menschen. Sie wurden bei ihren Diebstählen nie erwischt, weil sie sich unsichtbar machen konnten. Auch von der Pest blieben sie verschont. Außerdem führte ihnen der Teufel oftmals ein hübsches Frauenbild in die Arme. Eines Sonntags im Jahre 1615 saßen alle drei im Schenkkrug zu Barleben. Sie besprachen den Einbruch bei der jungen, reichen Witwe des Müllers Wandler in Wolmirstedt.

Kaspar Schumlau wurde auf Kundschaft ausgesandt. Er fand die Müllerin allein im Zimmer und wurde äußerst freundlich aufgenommen. Sie setzte ihm Wein und Kuchen vor und gab ihm zu verstehen, dass sie glaube, er habe die Absicht, um sie zu werben. Auch wusste sie, dass er noch zwei Freunde habe, mit denen er einen Einbruch bei ihr plane. Sie wolle ihm aber nicht z ü r n e n , wenn er in Ehren um sie werben würde.

K a s p a r Schumlau konnte nicht begreifen, woher die Witwe alles wusste, war aber von ihrer Schönheit so geblendet, dass er seine Freunde holte, damit sie Zeugen der Verlobung seien. Weit nach Mitternacht klopfte es. Frau Wandler riss die Tür auf und ließ einen baumlangen Kerl in weitem Mantel herein. Die drei Gesellen wussten nicht, ob sie erschrocken oder erfreut sein sollen, so unerwartet kam der Teufel. Der trank den Wein in einem Zug und öffnete das Fenster. Da schlug die Turmuhr Zwölf.

Der Satan packte Charschenau und Schmierlieb Kamm und gab jedem einen Stoß mit seinem runden Pferdefuß. 16 Jahre waren um. Zu Kaspar Schumlau sagte er: „Hilf mir, sie aus der Mühle zu tragen, dafür bekommst du noch ein Jahr geschenkt.“ Schumlau sah, wie Beelzebub die beiden unter seinen Mantel steckte und verschwand.

Im Sarg lag nur ein abgewetzter Besen

Ehe ein Vierteljahr verstrich, waren Kaspar Schumlau und die hübsche Müllerin verheiratet und lebten in der Mühle. Aber das Weib tat ihm täglich viel Herzeleid an. Die Heirat und den mit dem Teufel geschlossenen Vertrag verabscheute Schumlaus längst. Gegen hundert Dukaten trennte er sich von der Müllerin, verließ die Mühle und wurde Turmwächter auf St. Johannes in Magdeburg. Ein Jahr später erkrankte Schumlau schwer.

Bald fühlte er, wie ihn von hinten jemand am Genick packte und als er sich umsah, bemerkte er oben am Bettrand den Teufel, der ihn sogleich erwürgte. Zur Mitternachtsstunde sah die Leichenwärterin einen langen schwarzen Kerl ins Zimmer kommen, der den Leichnam forttragen wollte. Sie warf sich aber darüber und der Bursche verschwand. Man legte Schumlau in einen Sarg und fand am nächsten Morgen doch nur einen abgewetzten Besen darin vor.

Viele Jahre später, im Jahre 1653, sollte in Wolmirstedt eine Hexe verbrannt werden, die Hexe Wandler. Schon war der Holzstoß aufgebaut, die Zuschauer strömten herbei, nur die Sünderin fehlte. Sie war noch dabei, dem Priester zu erklären, dass sie die Ehefrau des Müllers Wandler zur Seite gebracht und deren Gestalt angenommen habe, bis sie den Müller unter die Erde und sein Vermögen an sich genommen habe.

Später sei sie die Ehefrau des Kaspar Schumlau gewesen. Sie versicherte, dass sie dreihundert Jahre alt und vom Bösen verführt worden sei. Nach diesen Bekenntnissen erinnerte man sich der sonderbaren Vorkommnisse beim Tode Kaspar Schumlaus und an das Verschwinden seiner Freunde Charschenau und Kamm sowie an das schwere Leben des Müllers Wandler.

Eine gewaltige Rauchwolke

Standhaft bestieg das Weib den Scheiterhaufen. Noch lange sah man Frau Wandler hohnlachend im Feuer, bis der verbrannte Holzstoß zusammenfiel und in eine gewaltige Rauchwolke gehüllt ward. Die Henkersknechte fanden später keine Knochen in der Asche, nicht einmal ein Glied der schweren Eisenkette, mit der Frau Wandler an dem Pfahl befestigt war. Zuschauer behaupteten, sie hätten, gerade als die Flammen am mächtigsten empor loderten, einen Gegenstand hoch in der Luft davonfliegen sehen, der die Gestalt eines alten Besens gehabt habe.