Colbitz l Am Donnerstag, gegen 5 Uhr. Die Motoren des gelben Porsche-Cabrios, des schwarzen 7er BMW und des roten Mercedes AMG röhren auf. Mit durchdrehenden Rädern rasen die Boliden auf dem noch nicht freigegebenen A-14-Bereich Colbitz-Tangermünde zwischen den beiden Brücken. Nach ein paar hundert Metern zieht der Mercedes in der Mitte an den beiden anderen Autos mit 230 Stundenkilometern vorbei. Die Nobelkarossen sind gerade gestohlen worden und die Autoknacker, die für eine kriminelle Kfz-Werkstatt arbeiten , die als Umrüst- und Umschlagplatz für gestohlene Autos dient, liefern sich ein Rennen.

So viel zur Szene 17, die am Donnerstag, 10. September, im Morgengrauen mehrfach gedreht wurde. Sie gehört zu einer deutsch-polnischen Filmproduktion, die den mysteriösen Thriller „Lipstick on the Glas“ (Lippenstift am Glas) dreht.

Worum es in dem Zwei-Millionen-Euro-Streifen geht, erzählt Produktionsleiter Christian Schega. „Eine Frau wird von einer androgynen Figur ,Das Etwas‘ verführt und verlässt Tochter und kriminellen Ehemann, der im krummen Autohandel mitmischt. Emerica will mit dem Mann, der sich als Frau entpuppt, ein neues Leben beginnen. Doch sie gerät in die Fänge einer Sekte. ,Das Etwas‘ spielt eine dunkle Rolle und versucht die Identität der Frau anzunehmen.“

Viele Gründe für A14

Warum die deutsch-polnische Crew gerade die Piste zwischen Colbitz und Tangerhütte ausgewählt hat, dafür gebe es mehrere Gründe, sagt Schega. „Wir brauchten für mehrere Stunden eine verkehrsfreie Autobahn. Straßen, die bereits im Betrieb sind, dafür sperren zu lassen, da gibt es sehr hohe Hürden. Aus diesem Grund kam uns die noch autofreie A 14, von der ich über drei Ecken gehört hatte, sehr entgegen.“

Aber organisatorisch einfach sei der Drehort auch nicht gewesen. „Aus logistischen Gründen, damit wir nicht immer zwischen den Sets in Polen und Deutschland hin und her reisen müssen, wollten wir eigentlich erst am 13. September hier drehen. Aber die Landesstraßenbaubehörde hat da nicht mitgespielt. Das Argument war für uns allerdings nachvollziehbar: Wenn einen Tag vor dem Banddurchschneiden etwas auf der Autobahn passiert, kommt womöglich der Freigabetermin ins Wackeln.“

Pawel Kosun, der polnische Produzent, holt das Stuntteam zusammen. Mit Taschenlampen und Walkie-Talkies zeigt er den vier Männern, die in halsbrecherischer Fahrt Richtung Norden jagen, wie er die Szene haben möchte. Er gibt die fünf Etappen des Startmodus vor. „All right?“ (alles klar?“), fragt er. Die Stuntmen nicken nur kurz. Stuntkoordinator und Fahrer des BMW, Ferdi Fischer, ist völlig entspannt. „Da gibt es schon andere Sachen, die ich machen musste“, schmunzelt der Mann, der schon bei solchen Highlight-Produktionen wie „Inglorious Bastards“ von Quentin Tarantino und im Action-Film „Bad Boys“ von Michael Bay seinen Kopf hinhalten musste. „Bis jetzt ist aber alles gutgegangen“, sagt er, „bis auf ein paar Knochenbrüche.“ Warum es die Filmemacher gerade nach Sachsen-Anhalt verschlagen hat, weiß Produktionsleiter Schega: „Hier gibt es die Mitteldeutsche Medienförderung und das ist eine finanzielle Unterstützung, die nicht zu verachten ist.“ Allerdings sei daran auch die Forderung geknüpft, als Gegenleistung Teile des Films in Mitteldeutschland zu drehen. „Und unsere Locationscouts haben auch wieder Orte gefunden, die sehr gut in den Film passen. Neben der Autobahn auch die Hafenmühle in Magdeburg. Dort arbeitete die Crew Dienstagnacht.

Auch auf Rügen gedreht

Im brandenburgischen Angermünde und auf Rügen waren weitere Drehorte. Auf der Insel wurde die Ostseekulisse ins rechte Licht gerückt. Insgesamt standen in Deutschland in neun Orten die Kameras.

Regisseur ist Kuba Czekaj, der bei der Berlinale 2017 („The Earlprince“) und 2015 den Filmfestspielen in Venedig 2015 („Baby Bump“) bereits erfolgreich war. Bekannte Schauspieler wie Lena Lauzemis, Mina Tander und Stipe Erceg gehören zum Team.

Szene 3 wird abgedreht, als es schon hell zwischen den A-14-Brücken ist und langsam der Bodennebel aus dem Wald kriecht. Die Autobahn ist (für den Film) schon gut gefüllt. Der schwarze BMW ist auf der Flucht und als rasender „Lückenspringer“ unterwegs.

Gegen 9 Uhr packt das Filmteam seine Sachen zusammen. Es geht zurück nach Magdeburg. Dort wird noch eine Verkehrsszene auf dem Ring gedreht. „Aber da muss nichts abgesperrt werden“, so Schega. Mehr Action gab es danach am Kulturhistorischen Museum in Magdeburg. Das Gebäude wurde für ein paar Stunden ein Revier der Policja mit Komparsen in polnischen Polizeiuniformen.

Zum Schluss verrät Schega noch das Geheimnis des Filmtitels: „,Lipstick on the Glas‘ ist der Titel einer polnischen Punkband. Und der wird auch zu hören sein.“