Wolmirstedt l Eine Zeit lang bekam Wolmirstedts jüdischer Friedhof viel Aufmerksamkeit. Sogar ein Gedenkstein wurde organisiert und gut sichtbar am Feldrand platziert. In Höhe der Abfahrt Wolmirstedt-Mitte ist er von der Umgehungsstraße aus gut zu erkennen. Die Enthüllung des Steins ist zehn Jahre her, um den jüdischen Friedhof ist es seither sehr ruhig geworden. Lediglich im vergangenen Jahr geriet er noch einmal ins Blickfeld der Öffentlichkeit, als eine Radtour der Arbeitsgruppe „Gestrandeter Zug“ zu den Stätten jüdischen Wirkens in Wolmirstedt führte. Inzwischen scheint er vergessen, nur das Gras wuchert munter in die Höhe. Wer kümmert sich darum? Welche Bedeutung obliegt dieser Begräbnisstätte?

Jüdische Friedhöfe für die Ewigkeit

Verantwortlich für diesen Friedhof ist der Landesverband jüdischer Gemeinden. „Einmal im Monat wird gemäht“, weiß Mitarbeiter Igor Pissetzki. In der kommenden Woche ist es soweit. Kurzgehaltenen Grün gehört zu den Grundlagen der Gestaltung jüdischer Friedhöfe, darin unterscheiden sie sich nicht von den städtischen Friedhöfen. Allerdings werde der Natur generell viel Raum gegeben. Wichtig seien vielmehr saubere Wege, eine Einfriedung und ein verschließbares Tor.

Der jüdische Friedhof ist mit Maschendraht eingezäunt, das Tor mit zwei Sternen gekennzeichnet. Maschendraht gehört dabei nicht zu den Lieblingseinfriedungen für jüdische Friedhöfe, betont Igor Pissetzki, die Erfarung habe jedoch gezeigt, dass wertvollere Zäune gestohlen werden.

Auf dem Wolmirstedter jüdischen Friedhof wurden seit 1815 bis etwa 1930 Menschen bestattet, allerdings keine Kriegsopfer. Die letzten jüdischen Familien verließen bereits 1935 die Stadt, sodass während und nach dem zweiten Weltkrieg kein weiteres Grab hinzugekommen ist. Die letzte jüdische Familie war die Familie von Otto Herrmann.

Stolpersteine verlegt

Mit deren Geschichte hatte sich die Arbeitsgruppe „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ des Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasiums unter der Federführung der Lehrerin Andrea Schlaugat lange beschäftigt. Der Gedenkstein war Teil des Projekts, drei Stolpersteine erinnern an das einstiges Wohn- und Geschäftshaus der Herrmanns in der heutigen August-Bebel-Straße, in etwa dort, wo sich heute der Brillenladen befindet. Otto Herrmann und seine Frau Regine starben im Oktober 1944 in Auschwitz. Ihre Tochter Inge Ruth Herrmann durfte als 15-Jährige mit einem Kindertransport nach Australien auswandern und starb erst vor wenigen Jahren.

Vor fast 100 Jahren letztes Begräbnis

Doch auch wenn das letzte Begräbnis beinahe einhundert Jahre her ist, der Friedhof wird wohl ewig bestehen. Juden glauben an die Wiederauferstehung, deshalb bleiben die Gräber erhalten. Begrenzte Liegezeiten wie auf christlichen und städtischen Friedhöfen gibt es nicht.

Der Landesverband jüdischer Gemeinden betreut in Sachsen-Anhalt 60 jüdische Friedhöfe, nur noch auf dreien wird bestattet, in Magdeburg, Halle und Dessau.

Inzwischen gibt es in Wolmirstedt wieder etwa 20 Menschen jüdischer Abstammung, einige der Spätaussiedler gehören dazu. Sie sind unter anderem im Katharina-Verein organisiert und haben neben dem Gedenkstein Spuren gesetzt, zwei weiße Sterne in den Boden eingelassen, mit Kieseln gefüllt und bepflanzt. Katharina-Vorsitzender Sergey Kozlov schaut regelmäßig dorthin. Ihm ist es wichtig, den jüdischen Friedhof und die Sterne in Ehren zu halten. Wenn er vor Ort ist, schiebt er die weißen Kiesel zurück in die Sterne. Die scharren die Vögel beiseite. Ansonsten ist es sehr still.