Wolmirstedt l „Yeah!“ Marion Fricke strahlt über das ganze Gesicht, boxt vor Freude in die Luft. Die Inhaberin des Modegeschäfts „Paula M“ darf ab Montag ihr Geschäft wieder öffnen. Vier Wochen war es geschlossen. „Eine lange Zeit“, sagt sie, „aber ich habe von den Kunden die ganze Zeit über eine tolle Resonanz bekommen.“ Jeden Tag war sie im Laden, hat die Frühjahrsware drapiert, fotografiert und in ihren Whatsapp-Status gestellt. Das kam gut an. „Viele haben schon ihre Lieblingsteile reserviert.“ Die Bestellungen hat sie in ein dickes Buch geschrieben, ab Montag können die Kunden persönlich kommen. Bis dahin hat sie noch alle Hände voll zu tun, denn die Corona-Ansteckungsgefahr soll ausgeschlossen werden - so weit es geht.

„Ich werde einen Mund- und Nasenschutz tragen“, sagt Marion Fricke. Zu ihrem eigenen Schutz, aber auch, damit sich die Kunden sicher fühlen. Außerdem darf nur eine bestimmte Personenzahl im Laden verweilen. Desinfektionsmittel werden zudem bereitgestellt und die Ideen sprudeln weiter: „Für diejenigen, die draußen warten müssen, stelle ich Gartenstühle bereit.“

Vier Wochen ohne Umsatz

Trotzdem: Vier Wochen ohne Umsatz, vier Wochen, in denen die Frühjahrskollektion geliefert war, aber weder an den Mann noch an die Frau gebracht werden konnte, vier Wochen keine Kunden empfangen - was heißt das?

Marion Fricke ist grundsätzlich optimistisch, aber: „Ob ich das in der fünften Woche so weitergemacht hätte? Ich weiß nicht.“ Finanziell habe sie von Rücklagen gelebt, außerdem Soforthilfe beantragt und Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiterinnen.

Unterstützung in der Krise

In dieser Zeit habe Astrid Claus sehr geholfen. Die ist zusammen mit Jolina Welzel im Landkreis für die Wirtschaftsförderung zuständig. „Ich habe alle Geschäftsinhaber, die mir bekannt sind, angesprochen“, sagt Astrid Claus. In der Region Wolmirstedt sind das um die 20 Selbstständige.

Gespräch und Aufmunterung

Dieses Nachfragen haben viele sehr dankbar angenommen. Bei manchen blieb es bei einem Gespräch, einer Aufmunterung, mit anderen ist Astrid Claus die Anträge auf Soforthilfe durchgegangen, hat weitere Möglichkeiten eröffnet, Geld zu beantragen oder Kredite, Kranken- und Rentenversicherungen zu stunden. „Meine Kollegin und ich haben aufgezeigt, welche Hilfen es gibt, jeder einzelne Geschäftsinhaber hat entschieden, was er davon nutzen möchte.“

Die versprochene Soforthilfe kommt nicht für jeden sofort. Anita Lehmann, die das Blumengeschäft „Blattwerk“ betreibt, wartet noch immer. Sie musste viele Blumen entsorgen, Saisonware einmotten, ihre Mitarbeiterinnen in die Kurzarbeit schicken, das Ostergeschäft ging flöten. Wie sie die letzten vier Wochen überstanden hat? Sie zuckt mit den Schultern, sagt so etwas wie „Es musste ja gehen.“ Nun freut sie sich auf den Montag.

Vom „Bauchschmerzen“ spricht Kerstin Andrée, wenn sie an die vergangenen vier Wochen denkt. Die Inhaberin der gleichnamigen Boutique zwingt sich zum Nachvornschauen. „Es muss ja weiterlaufen.“ Stammkunden haben ihr die Treue gehalten, den einen oder anderen Gutschein gekauft und Mut zugesprochen. Auch sie hat noch keinen Cent von der Soforthilfe gesehen.

Werben um Geduld

Astrid Claus wirbt um Geduld. „Bei der Investitionsbank Sachsen-Anhalt sind über 30 000 Anträge eingegangen. Die Mitarbeiter arbeiten auch sonnabends, schieben Überstunden. Außerdem müssen sie bei den Antragstellern oft rückfragen. All das kostet Zeit.“

Die Zeit läuft den Geschäftsinhabern davon. Auch, wenn sich jetzt bei einigen Optimismus breit macht, verhaltener. „Mal sehen, wie sich die Kunden verhalten“, sagt Blumenhändlerin Anita Lehmann. Sie wagt noch nicht die ganz große Hoffnung, weiß nicht, ob die Menschen wirklich wieder Geld für Blumensträuße, Zierpflanzen und Dekoartikel ausgeben möchten. Trotzdem wird sie neue Ware bestellen und vor allem Desinfektionsmittel neben der Eingangstür platzieren. Ihre Mitarbeiterinnen werden jedoch noch weiter zu Hause in Kurzarbeit bleiben.

Tattoos gibt es noch nicht

Während Einzelhändler nun wieder hoffen, ist Tattoo-Studio-Betreiber Julius Sell weiterhin zum Nichtstun verdammt. Frisöre dürfen zwar am 4. Mai wieder öffnen, für Kosmetik- und Tattoo-Studios gilt das nicht. Der 23-Jährige wäre schon froh, wenn die Soforthilfe käme und er die laufenden Kosten wie Miete oder Versicherungen damit abfedern könnte. Doch noch ist kein Geld auf seinem Konto eingegangen. „Zurzeit verkaufe ich höchstens Pflegemittel oder fertige Tattoo-Vorlagen gegen eine Anzahlung an“, sagt er.

Trotz allem: Diejenigen, die ab Montag weitermachen dürfen, kreiseln bereits emsig, besorgen Plexiglas, Desinfektionsmittel, Handschuhe und ordern Gesichtsmasken. Marion Fricke sagt: „Es geht wieder los.“

Wie weiter in der Kultur?

Über die Zukunft von Kultureinrichtungen ist hingegen noch nicht ernsthaft gesprochen worden. Bibliothek, Museum und Bürgerhaus halten weiterhin die Türen geschlossen. Leser können nicht in den Regalen der Bibliothek stöbern. Allerdings packt Bibliotheksleiterin Bastienne Schröter auf Leserwunsch Büchertüten zusammen. Die werden dann an der Bibliothekstür übergeben.

Wolmirstedts „Kulturmagnete 2020“ sind weitgehend begraben. Bis zum 31. August sind Großveranstaltungen untersagt. Damit ist auch die Lesung mit Toni Krahl vom Tisch. Für gekaufte Karten wird das Geld zurückerstattet, heißt es aus dem Rathaus. Auch bereits eingegangene Spenden, unter anderem für die Lasershow, werden zurücküberwiesen.