Wolmirstedt l Waagenbauer. Wer von diesen Beruf hört, denkt zuerst an Fahrzeuge, kaum jemand zieht in Erwägung, dass jemand Waagen baut, die mit Doppel-A geschrieben werden. Auch Hans Martin war dieser Beruf fremd, solange, bis er ihn ergriffen hat.

Eigentlich sollte er Schneider werden, erzählt der Glindenberger, das wollten seine Eltern, denn: Schneider seien immer schick gekleidet. Doch drei Tage vor Lehrbeginn gab der Schneidermeister seine Werkstatt auf. So kurz vor Lehrjahresbeginn blieb nur eine Möglichkeit: Hans Martin konnte im Magdeburger Stadtteil Sudenburg den Beruf des Waagenbauers lernen. „Das habe ich bis heute nicht bereut.“

Eigentlich sollte er Schneider werden

Waagen haben die Menschheit von Anbeginn begleitet. „Es wurden 500.000 Jahre alte Exemplare gefunden“, weiß der Meister. Die Balkenwaage ist immerhin etwa 2000 Jahre alt. Das sind Waagen, an deren Balken links und rechts die Waagschalen befestigt sind. „Früher wurde oft mit Steinen aufgewogen.“

Bilder

Ein paar besonders hübsche Waagen-Exemplare stehen in der Martinschen Werkstatt, Hans Martin hat sie über die Jahre hinweg gesammelt. Es sind Museumsstücke, die heute kaum einer mehr benutzt, und am liebsten hätte er noch mehr. Doch Sohn Oliver braucht den Platz, er führt den Betrieb weiter, auch wenn er keine Waagen baut. Auch in der Wägetechnik ist die Digitalisierung angekommen, Waagen werden noch justiert und repariert, gebaut werden sie in großen Werken weitab von Glindenberg.

Sohn führt Betrieb fort

Doch ob mechanisch oder digital, wegzudenken aus dem Alltag sind Waagen keineswegs. „Eigentlich wird alles gewogen“, sagt Hans Martin, „Kühe, Kartoffeln, Waggons, Feuchtigkeit oder Blattläuse.“ Für jede mögliche Gewichtsklasse hat er Waagen schon gebaut.

Waagenbauer sind viel unterwegs, denn viele Waagen lassen sich nicht einfach in die Werkstatt bringen. Vor allem diese Umtriebigkeit hat Hans Martin an seinem Beruf gefallen. Der Meister zeigt ein Fotoalbum. Ein Bild zeigt eine Gleiswaage. Die wird zwischen den Schienenstrang gesetzt und sobald ein Güterwaggon darauf steht, kann er samt Fracht gewogen werden. Damit die Waage stimmt, kommt regelmäßig ein Eichwagen gefahren.

Waagenbauer sind viel unterwegs

Auch Bauernhöfe hat Hans Martin oft besucht. Dort baute, prüfte oder reparierte er die Viehwaagen. Auf denen ist eine Art Stall installiert, ähnlich einem Gitterbett für Kinder. Darin wurden Schweine oder Kühe festgehalten, bis der Bauer wusste, ob sein Tier fett genug und schlachtreif ist.

Landwirte und Fischer kennen die guten alten Dezimalwaagen. Auf deren Plattform standen die Fischfässer, Mehl- oder Kartoffelsäcke, auf der anderen Seite des Hebelarms wurden die Gewichte aufgelegt. Auch Küchenwaagen, Briefwaagen oder die alten Kaufmannsladenwaagen sind den meisten Menschen wohlbekannt. Dunkel ist das Kapitel der mittelalterlichen Hexenwaagen, auf denen Frauen aufgewogen wurden. Waren die Unglücklichen zu leicht, galten sie als Hexen.

In der Landschaft verbaute Waagen

Was aber sind Feuchtigkeitswaagen? „Die sind in der Colbitz-Letzlinger Heide verbaut“, erklärt Hans Martin. Er zeigt Fotos, die zeigen Kreise in der Heidelandschaft, so als wären Außerirdische gelandet. Fachleute sagen zu diesen Waagen Lysimeter. Die Wägetechnik ist dicht unter dem Erdboden verbaut und die Waagen messen, wieviel Tau, Regen oder Schnee auf dem Heideboden liegt und wieder verdunstet. „Es gibt aber auch Waagen, die zeigen das Gewicht von Blattläusen.“

So groß manche Waagen auch sind, wenn sie geprüft werden, ist Akribie vonnöten. Hans Martin streift die weißen Handschuhe über und greift nach einem der Gewichte. Kein Fingerabdruck darf verfälschen, die Gewichte sind der Maßstab für die Genauigkeit der Waage. Er setzt das Gewicht auf eine alte Tafelwaage, auf der vor gut 200 Jahren ein Kaufmann Bonbons abgewogen hat, und zeigt, sie stimmt noch immer.

Sie zeigt die exakte Grammzahl, wie auch die anderen mechanischen Waagen seiner Sammlung, zum Beispiel eine Eierwaage. „Die werden heute noch benutzt“, weiß Hans Martin und setzt ein Ei in den kleinen Eierwiegebecher. Die alten Waagen schätzt Hans Martin vor allem deshalb, weil sie sich gut justieren und reparieren lassen. „Wir haben früher keine Waagen weggeworfen.“ Waren die Messgeräte aus dem Gleichgewicht geraten, wurde vom Balken oder Hebel sachte etwas abgeschliffen, bis alles wieder stimmte. Gibt es in der Sammlung eine Lieblingswaage? Hans Martin schaut sich um. Sein Blick bleibt an einer chromglänzenden Tafelwaage hängen: „Das Meisterstück des Sohnes.“