Wolmirstedt l Freitagabend, im Festsaal des Bürgerhauses. Junge Männer und Frauen gehen im Raum umher, scheinbar sinnlos, begrüßen einander immer wieder aufs Neue und sehr verschieden: sie umarmen sich überschwänglich, dann so, als wäre das Gegenüber ein Feind, dann wieder, als wüssten sie nicht genau, wen sie da vor sich haben. Am Ende prusten sie vor Lachen laut los.

„Das gehört zum Theaterspielen dazu“, erklärt Peter Kube, der die Probe an diesem Abend leitet. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Wolmirstedter Integrationsbündnisses und vertritt den eigentlichen Theatergruppenchef, der an diesem Abend verhindert ist. Das ist Julian Mandernach, der in Hildesheim szenische Künste studiert.

Die angehenden „Schauspieler“ gehören schon lange zum Integrationsbündnis, haben syrische oder deutsche Wurzeln und wollen keineswegs unter sich bleiben. Jeder, der mitmachen möchte, kann dazukommen. „Allerdings nur noch bis Ende Februar“, schränkt Peter Kube ein, „dann müssen wir mit einem verlässlichen Personenkreis arbeiten.“

Noch gleichen die Theaterprobe einem Spiel, einem Herantasten, sowohl an die Darstellungsformen als auch an den Inhalt des künftigen Stückes. „Wir möchten gern etwas über unser Leben erzählen, von dort, wo wir herkommen, von dem Weg, der hinter uns liegt und auch von unseren Erlebnissen in der ersten Zeit in Deutschland, von den Schwierigkeiten in der Schule“, sagt ein Junge mit syrischen Wurzeln, „vielleicht in Form eines Tagebuchs.“ Sie alle schöpfen aus einem reichen Füllhorn an Erfahrungen, das Stück soll auf wahren Erlebnissen beruhen.

Das Theaterprojekt wird mit Preisgeldern finanziert. Die gewann das Wolmirstedter Integrationsbündnis beim Wettbewerb „Kommune bewegt Welt“ bereits im Jahr 2016. Das Bündnis hatte als herausragendes Beispiel für Migration und Entwicklung einen dritten Preis errungen. Vorsitzende Christine Bauer sowie die damals noch stellvertretende Bürgermeisterin Marlies Cassuhn hatten die Ehrung in Köln in Empfang genommen.

Bei diesem Wettbewerb werden Aktionen prämiert, die das kulturelle Verständnis auf beiden Seiten durch gemeinsame Ziele und Projekte wachsen lassen. In eben diesem  Sinne agiert das Integrationsbündnis seit seiner Gründung 2015 und mit Hilfe der Preisgelder weiter.

Außer dem Theaterprojekt werden davon regelmäßige Kochabende im Bürgerhaus finanziert sowie eine Frauengruppe.

Während der Kochabende entstehen leckere Mahlzeiten. Nebenher praktizieren die jungen Menschen aus aller Herren Länder die Gleichberechtigung beim Kochen und Spülen, achten außerdem auf den nachhaltigen Umgang mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser, nutzen nach Möglichkeit fair gehandelte Lebensmittel. 

Die Frauengruppe trifft sich vormittags im Gemeinderaum der katholischen Kirche. „Frauen, die Kinder betreuen, können nur schwer zu den Abendveranstaltungen des Integrationsbündnisses kommen“, weiß Christine Bauer, „deshalb bieten einige Mitglieder unseres Bündnisses diesen Vormittagstreff an.“

Die Theatermimen widmen sich indes einem weiteren Spiel, das dreht sich um einen Koffer. Der steht mitten im Raum und jeweils zwei Akteure überlegen sich Szenen, in denen der Koffer eine wichtige Rolle spielt. Für manche ist darin Geld versteckt, dass sie mit aller Macht verteidigen wollen, andere schnappen ihn und zeigen, dass sie damit aus dem Alltag entfliehen wollen. Fluchterlebnisse spielen noch keine Rolle, bleiben zurzeit noch verschlossen. Diese Spielszenen enden, wie die Begrüßungsszenen: mit prustendem Lachen.