Groß Ammensleben l Schon beim Betreten der kleinen Wohnung von Günther Hartmann wird klar: Hier ist ein passionierter Jäger zu Hause. Auf dem Fensterbrett liegen entsprechende Fachzeitschriften und an den Wänden des Wohnzimmers hängen aberdutzende Trophäen, es können auch gut 100 sein. „Zu jeder Trophäe gibt es eine Geschichte zu erzählen. Viele habe ich aber schon verschenkt und im Keller lagern auch noch einige. Ich habe über die Jahrzehnte bestimmt schon über 150 Rehböcke erlegt“, erzählt der rüstige Rentner.

Doch nicht nur die Erinnerungsstücke der Rehböcke beeindrucken. So zieren beispielsweise auch Hirschgeweihe sowie mächtige Hauer von Wildschweinkeilern den Raum. „Allerdings möchte in voranstellen, dass die Arbeit eines Jägers nur zu 20 bis 25 Prozent aus Jagd besteht. Der große Rest ist der Hege und Pflege des jeweiligen Reviers vorbehalten“, hebt Günther Hartmann hervor.

Jagdfieber vom Vater geerbt

Vom Jagdfieber erfasst wurde er bereits als Heranwachsender. „Ich habe das wohl von meinem Vater vererbt bekommen, obwohl ich ihn nur ganz selten gesehen habe“, erinnert sich der Senior. Im Jahr 1955, zwei Jahre nach dem Inkrafttreten des neues Jagdgesetzes der DDR, hat der Groß Ammensleber die Jagdeignungsprüfung abgelegt. Noch im selben Jahr wurde er Jagdleiter für das Jagdgebiet der Gemarkungen Groß Ammensleben, Klein Ammensleben und Gutenswegen. Bis zum Jahr 1989 blieb er in diesem Amt, weil das Jagdgebiet im Zuge der politischen Wende aufgelöst und neu aufgestellt worden war. „Damit war ich 65 Jahre verantwortlich für etwa 3250 Hektar“, betont der Waidmann.

Während dieser Zeit hat Günther Hartmann viel erlebt, wie er sagt. „Der Hasenbesatz war in meiner Anfangszeit noch sehr, sehr gering.“ Nur rund 20 Langohren auf 100 Hektar hätten in seinem Jagdgebiet gelebt. „Besonders wegen der Wilddieberei. Schließlich litten nach dem Krieg viele Menschen Hunger und waren arm“, schätzt der gelernte Dreher ein. Erst nach 1953 habe sich der Bestand nach und nach wieder erholt. So hätten in den 1970er Jahren auf 100 Hektar bereits 55 Hasen gelebt. Das sei auch im Vergleich zu aktuellen Zahlen der Höchststand gewesen. „Hasen haben wir damals lebend gefangen, um diese nach Frankreich zu exportieren. Dort wurden sie dann wieder ausgewildert“, berichtet der Jäger.

Die Jagd als Hege und Pflege

Dafür sei der Bestand an Hamstern zurückgegangen genau so wie Rebhuhn, Fasan, und Wildkaninchen. Und Hartmann erzählt: „Rebhuhn und Hasen werden seit 1991 in unserem Revier nicht mehr geschossen. Das haben wir so entschieden.“

Den Rückgang der Wildbestände führt der Waidmann auf den Einfluss des Menschen zurück. In der Versiegelung von Flächen und der Ausbreitung des urbanen Lebens in die Natur hinein sieht er die Hauptgründe für die negative Entwicklung an. „Es müsste viel mehr für die Natur gemacht werden, von staatswegen aus“, fordert der passionierte Jäger. „Hier werden Wüsten geschaffen, in dem mit Beton versiegelt wird.“ Das Augenmerk sollte daher vermehrt auf das Verdichten in den Ortschaften gelegt werden sowie auf die Schaffung von Rückzugsgebieten für Wild.

Doch gebe es auch Bestände, die reguliert werden müssten. „Es ist leider so, dass Jäger als Schießer verunglimpft werden. Dem ist aber ganz und gar nicht so“, betont Günther Hartmann. Tatsächlich bekomme jedes Jagdgebiet eine Bestandsaufnahme und einen Abschussplan, nach dem gehandelt werde. Als Jagdregulierung wird das bezeichnet.

Regelmäßig auf die Pirsch

Auch in seinem hohen Alter geht der Waidmann noch regelmäßig auf die Pirsch. Dabei verlässt er sich auf seine bis heute intakten Sinne wie sein Sehvermögen. Ein Schuss aus seiner Flinte verfehle nur äußerst selten sein Ziel. „Nur nachts setze ich mich nicht mehr hin wegen meiner alten Knochen“, sagt er und lacht dabei. „Früher bin ich viel zum Vollmond draußen gewesen. Ohne die richtige Frau an der Seite kann man ein solchen Hobby nicht machen.“

Vor allem Lebendfallen gehören jetzt zu seinen Hauptaufgaben. Eine dieser Fangkisten aus Metallgitter zeigt er in einem kleinen Wäldchen in der Nähe des Mittellandkanals. „Die haben wir gemeinsam konstruiert“, sagt Hartmann nicht ohne Stolz. Denn mit „wir“ meint er sich selbst und seinen Urenkel. Der 26-jährige begeistere sich auch für das Hobby unter freiem Himmel. „Er wird in meine Fußstapfen treten“, erzählt der Jäger.

Die Lebendfallen zielen vor allem auf das Raubwild wie Fuchs, Marder, Iltis, Hermelin und Waschbär ab. Aber auch Marderhund und Nutria tappen immer wieder hinein. Deren Bestände müssten reguliert werden, erst Recht, weil einige von ihnen als invasive Arten gelten, hier also eigentlich nicht zu Hause sein dürften und die natürlich vorkommenden Bestände anderer Arten gefährden. „Ich gehe jeden Tag raus und kontrolliere die Fallen. Erst gestern tappte ein Nutria hinein“, berichtet Hartmann.

Pflege der Reviere

Doch der Großteil seiner Aufgaben als Jäger bestehe in der Hege und Pflege der Reviere. Vor allem das Müllsammeln beanspruche viel Zeit. Auch er sieht wie viele seiner Jagdgenossen eine starke Zunahme an den wilden Deponien. „Das gab es auch schon vor der Wende. Doch trotz der besseren Entsorgungsmöglichkeiten heutzutage gibt es immer wider Menschen, die ihren Müll illegal in der Natur entsorgen“, erzählt der Jäger.

Die Hege dient der Erhaltung eines artenreichen und gesunden Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlagen. So gehört neben der Aufforstung von Feldholzinseln, also kleine Wäldchen inmitten der Feldmark, beispielsweise auch die Fütterung, um bestimmte Wildtierarten über Notzeiten zu helfen, zu den Aufgaben von Jürgen Hartmann. So stellt er seine neue Futterstelle vor, nur wenige hundert Meter entfernt von der Lebendfalle. Die Fasanenschütte, so wir sie im Fachjargon genannt wird, hat ein Dach und steht am Rande einer dieser Feldholzinseln. Vereinzelt liegen Maiskörner umher, doch viele sind es nicht. „Erst gestern habe ich für Nachschub gesorgt. Morgen muss ich also daran denken, neues Futter mitzubringen. Das Hobby hält einen schon in Gange.“

Wer also beim Spazierengehen durch die Feldmark einen älteren, aber rüstigen Herren in olivfarbener Kleidung und bewaffnet mit Maistüten antrifft, dann kann das nur Günther Hartmann, der älteste aktive Jäger im Landkreis Börde, sein.