Wolmirstedt l Die Skepsis während der letzten Chorprobe war spürbar. Wird es ein Fest zum Jubiläum geben? Oder ist es demnächst besser, voneinander wegzubleiben? Inzwischen ist es klar: Abstand wahren ist der beste Schutz vor Ansteckung mit dem Coronavirus. Gemeinsamer Chorgesang wurde eingestellt, die Montagsproben wurden ausgesetzt. Doch seit 20 Jahren schon wird im Glindenberger Chor gesungen. Eine stolze Zeit, die den Sängerinnen und Sängern um Chorleiterin Christine Bauer viel bedeutet und auf die sie gern zurückblicken.

Das Chorleben gestaltet sich für gewöhnlich so: Es ist Montagabend, 19 Uhr. Die Männer und Frauen kommen im Sportraum zusammen, setzen sich in einen Kreis, lockern die Stimme und fangen an zu singen. Volkslieder, englische Lieder, vor allem besinnliche Melodien erklingen. „Wir können auch fröhlich“, behaupten die Chormitglieder und singen weit schwungvoller vom Sunshine, vom Sonnenschein. Diesmal auf englisch. Das ist nicht unbedingt die Regel. „Wir pflegen das klassische deutsche Volksliedgut“, nennt Christine Bauer eine Philosophie des Chorgesangs.

Doch beinahe von Beginn an, also seit 20 Jahren, studieren die Glindenberger auch englische Titel ein. „Damals haben wir noch eine Nische besetzt“, sagt Christine Bauer, „inzwischen gehören englische Titel bei fast allen Chören der Region zum Repertoire.“

Nach drei Übungen straffen sich die Körper

Doch der Chor bietet mehr, als Liedersingen, er schafft eine Gemeinschaft,die regelmäßig und verlässlich zusammenkommt und Kraft spendet. „Montagabend ist eigentlich die Energie raus“, beobachtet Christine Bauer bei ihren Chormitgliedern, „aber nach drei Übungen straffen sich die Körper.“

Jeder ist willkommen, Notenkenntnisse sind nicht erforderlich, auch vorsingen muss niemand. Wer nicht als Pavarotti auf die Welt gekommen ist, singt trotzdem mit. „Wir sagen immer: Schön, dass du dabei bist“, betont Christine Bauer, „das Wichtigste ist: Im Chor kann man mit allen anderen etwas tun, ohne, dass man sie gut kennen muss.“

Chorsingen und Töne halten ist erlernbar

Außerdem sei Chorsingen erlernbar. Den Ton zu treffen und zu halten, lasse sich trainieren. Mit Übungen zu Hause und gemeinsam bei der Chorprobe. Das bestätigt Gabi Fischer-Zufelde. „Niemand ist allein in seiner Stimme. Voraussetzung ist, auf die anderen zu hören.“ Das nutzt Kerstin Andrée: „Ich brauche eine Leitstimme, dann kann ich gut mitsingen.“

Steffi Seifert ist eine der Leitstimmen, sie gehört zum Herz des Glindenberger Chores und schätzt die Herausforderung, den Chor vierstimmig klingen zu lassen. „Daran arbeitet Christine Bauer unermüdlich.“

Die Chorleiterin gibt jeder Stimme das notwendige Handwerk mit und singen alle gemeinsam, geht ihr das Herz auf. Die Chorleiterin beschreibt: „Das ist so eine Harmonie, der Chor wirkt wie ein einziger Körper, der das gleiche tut.“

Und doch plagen den Chor Nachwuchssorgen. „Junge Leute haben so viele andere Interessen“, mutmaßt Monika Martin. „Oder sie singen in den jungen Chören Magdeburgs“, meint Holger Bauer. Er ist der Vorsitzende des Chorvereins.

Ohne Vereinsgründung ließe sich ein Chorleben schwer aufrechtzuerhalten. Als Verein kann der Chor Unterstützung der öffentlichen Hand bekommen, auch von der Stadt Wolmirstedt. Die fördert den Glindenberger Chor mit Geld, das zählt zu den freiwilligen Aufgaben und muss jedes Jahr von Neuem vom Stadtrat abgesegnet werden.

Neuerdings singen auch junge Leute mit

Kurz vor dem 20. Chorjubiläum gab es eine Überraschung. Zwei junge Leute haben sich dazugesellt. Karl Kleinsorg ist 19 Jahre alt und hat das Weihnachtskonzert des Chors erlebt. Das habe ihm so gut gefallen, dass er seither mitsingt. Sehr zur Freude von Thomas Schlenker, der den Tenor zehn Jahre lang allein vertreten musste und nun Unterstützung hat.

Junge Leute wie Karl Kleinsorg machen auch Steffi Seifert Hoffnung. Sie glaubt, dass sich nach einer Berufs- und Familienfindungsphase viele wieder dem örtlichen Leben, also auch dem Chor, zuwenden.„Wer einmal im Chor gesungen hat, weiß, was das mit einem macht und der kommt später vielleicht wieder.“

Die Glindenberger Chormitglieder singen anderen Menschen gerne vor, gehören bei Glindenberger Festen zum Advent oder Erntedank unbedingt dazu. „Vor Publikum zu singen macht uns Freude“, gesteht Monika Martin, „wir geben was zurück. Steffi Seifert ergänzt: Es ist auch schön, wenn die Menschen im Publikum mitsingen.“

Am 16. Mai sollte es ein gemeinsames Singen geben. Dem hat Corona vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Chormitglieder hoffen, dass sie bald wieder zusammen singen können. Wenn der Virus irgendwann bezwungen ist.