Wolmirstedt l Freddy sitzt behäbig auf der Federwippe in der Kita „Storchennest“. Der dicke Teddy trägt eine Warnweste, denn er beobachtet eine Baustelle. Dort wird der Platz für ein neues Spielgerät vorbereitet, das Montag geliefert wird. „Die Kinder haben sich sehr auf die Bauarbeiten gefreut“, weiß Kita-Leiterin Ina Ehrhardt, „es wäre toll gewesen, wenn sie die Bagger erlebt hätten.“ Doch die meisten Kinder bleiben wegen der Corona-Krise zu Hause.

Zurzeit werden im „Storchennest“ 34 Kinder betreut. Deren Eltern arbeiten in sogenannten systemrelevanten Berufen, haben Anspruch auf eine Notbetreuung. Diese Notbetreuung unterliegt strengen Hygieneauflagen.

Fünf Kinder pro Gruppe

Es dürfen nur fünf Kinder in einer Gruppe betreut werden, jedem Kind müssen im Raum fünf Quadratmeter zur Verfügung stehen. Im Sanitärbereich dürfen sich nur zwei Kinder gleichzeitig aufhalten. In der Kita „Storchennest“ sind die Kinder deshalb auf alle sieben Gruppenräume verteilt. „Sammelgruppen gibt es nicht“, betont Ina Ehrhardt. Es läuft gut. Aber wie lange?

Längst drängen Probleme ins Blickfeld, denn nach der neuesten Corona-Verodnung haben weit mehr Eltern Anspruch auf die Notbetreuung ihrer Kinder. Die Verordnung ist am 16. April in Kraft getreten und seither spüren die Einrichtungen deutlich, dass die Kinderzahlen steigen. Noch seien die Kapazitätsgrenzen zumeist auch unter Corona-Bedingungen nicht erreicht. Ab dem 4. Mai wird sich das ändern.

Dann öffnen beispielsweise Frisörgeschäfte, in den Schulen werden zusätzlich zu den Abschlussklassen auch die neunten und vierten Klassen unterrichtet. Das heißt unter anderem, Frisörinnen kehren an den Arbeitsplatz zurück, Lehrerinnen aus dem Homeoffice. Diejenigen, die kleine Kinder haben, benötigen spätestens ab da einen Kita-Platz.

Antrag beim Gesundheitsamt

Norman Girmann ist zuständig für die Kitas in der Trägerschaft des Bodelschwingh-Hauses, dazu gehört das „Storchennest“. Er sagt: „Wenn die Grenze erreicht ist, können wir keine Kinder mehr aufnehmen. Es sei denn, das Gesundheitsamt des Landkreises gibt grünes Licht. Den Antrag, dazu hat er schon gestellt.

Auch Andrea Weimeister berichtet von steigenden Kinderzahlen in den Kitas. „Weitere Anmeldungen liegen bereits vor.“ Sie ist Geschäftsführerin der Sozialen Bürgerinitiative Glindenberg (SBI). In deren Trägerschaft agieren sieben Kitas, vier allein in Wolmirstedt.

Besonders die Kitas in Farsleben und in Glindenberg werden spätestens ab dem 4. Mai ihre Kapazitätsgrenzen erreichen. Auch die Kitas „Ohrespatzen“ und „Pusteblume“ in der „Deutschen Einheit“ werden sich diesen Grenzen nähern. „Nach jetzigem Stand kann es sein, dass wir Kinder aus Farsleben und Glindenberg in die Wolmirstedter Kitas umleiten“, sagt Andrea Weimeister.

Kinderzahl steigt an

Die steigende Kinderzahl in Kitas ist im Jugendamt des Landkreises bekannt. Matthias Schlitte verweist auf die Möglichkeit, dass Kita-Träger, eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Die große Hoffnung liegt jedoch auf einem Erlass des Landes Sachsen-Anhalt, der zurzeit überarbeitet wird. Am Montag, 27. April, soll eine neue Fassung vorliegen. Dann wird sich zeigen, wie dem steigenden Anspruch auf die Notbetreuung begegnet wird.

Matthias Schlitte betont, dass trotz aller Lockerungen weiterhin nur eine Notbetreuung angeboten wird. „Nach wie vor wird angestrebt, dass Eltern prüfen, ob ihre Kinder anderweitig betreut werden können.“ Sei es, weil Eltern ihre Arbeitszeit flexibel gestalten können oder eine andere Person aus dem familiären Umfeld die Betreuung übernehmen kann. Letztlich seien die Träger der Einrichtung gefragt, bei den Eltern zu vermitteln. „Sie haben ihre Kitas im Blick.“

Norman Girmann setzt auf Verständnis. Einerseits weiß er: „Bei vielen Eltern liegen Nerven blank“. Andererseits müssen die Kitas die Abstandsgebote einhalten. In einem Brief bittet er die Eltern, im Interesse der Gesundheit alle Betreuungsmöglichkeiten im Kreise der Verwandten und Bekannten zu suchen, beziehungsweise mit dem Arbeitgeber in einen konstruktiven Lösungsdialog zu kommen.

Nur eine Notbetreuung

Ebenso betont Andrea Weimeister: „Wir bieten weiterhin nur eine Notbetreuung an, das heißt, Eltern sollten nur die äußerst notwendige Betreuungszeit in Anspruch nehmen.“ Heißt: Weniger Stunden als gewöhnlich oder nur einzelne Wochentage.

Auch „Storchennest“-Leiterin Ina Ehrhardt hofft, dass Eltern andere Betreuungsmöglichkeiten finden. Damit die Knirpse trotzdem am Kita-Leben teilhaben, hängt sie jeden Freitag eine Bildergeschichte in die Eingangstür. Teddy Freddy taucht auf jedem Foto auf und berichtet, was im „Storchennest“ passiert. Spaziergänger können dort verweilen.