Dolle l Ruhe und Gelassenheit strahlt Klaus Benze aus. Die Anspannung der zurückliegenden Tage merkt man ihm nicht an. Dabei kommt der Schlaf kurz, wenn der Erdmeiler erst einmal angezündet ist. Mit einem Helfer gilt es, den unscheinbaren Erdhügel am Rande des Truppenübungsplatzes Altmark rund um die Uhr im Blick zu haben. Überall dampft und qualmt es. Im Inneren „reift“ Holzkohle. Echtes Köhlerhandwerk verlangt nach Erfahrung und ständiger Aufmerksamkeit, damit sie am Ende des Schwelprozesses steht.

„Ein einziger Luftzug, der in den Meiler dringt, könnte das Ergebnis in Frage stellen“, erklärt der 78-Jährige. Deshalb seien die ständigen Kontrollen unverzichtbar. Durch eine ungewollte Zufuhr von Sauerstoff würde aus dem Schwelen ein klassischer Brand und lediglich Asche bliebe übrig.

Das richtige Gespür

Klaus Benze hat das richtige Gespür für die Köhlerei. Von Zeit zu Zeit sticht er kleine Löcher in den Hügel, verschließt an anderen Stellen Öffnungen, die immer wieder entstehen. Schließlich verliert das Buchenholz in der Mitte Feuchtigkeit und damit an Volumen. Da muss er manchen Scheit nachschieben, um die Stabilität der Konstruktion zu gewährleisten. Erde, Grasnarben und Laub sorgen dafür, dass der gesamte Prozess unter Luftabschluss ablaufen kann, je dichter, je besser. Außerdem reguliert der Altmärker durch die ständige Veränderung am Meiler die Hitze im Inneren. An der Farbe des Rauches lässt sich erkennen, ob die Innentemperatur stimmt. Etwa zehn Tagen nachdem über den so genannten Quandelschacht in der Mitte der Schwelprozess in Gang gesetzt wurde, ist die Holzkohle fertig. Geraume Zeit dauert allein das Abkühlen, denn im Mailer herrschen bis zu 460 Grad Celsius.

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Köhler ist er aus Leidenschaft und aus Tradition, in vierter Generation. „Mein Urgroßvater war der Erste in der Familie, der Holzkohle herstellte. 1936 musste er Salchau verlassen, weil sich der Truppenübungsplatz ausbreitete und das Dorf von der Landkarte verschwand“, berichtet der Mann, der in Dolle lebt. Bis 1958 sei das Unternehmen privat gewesen, kam dann zum Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb. Das war auch der Zeitpunkt, an dem die Köhler sesshaft wurden und nicht mehr dem Holz hinterher reisten. 1963 schlug das Aus die Holzkohle aus der Altmark, die bis dahin vor allem in Gießereien nach Magdeburg und Tangerhütte ging. Koks aus Stein- oder Braunkohle löste das traditionsreiche Material ab. Für die Arbeitsplätze bestand keine Gefahr, in der Forst gab es genug zu tun.

Als Schüler war Klaus Benze gerade in den Ferien ständig bei den Meilern. Die Berufswahl, mit sanftem Druck des Vaters, zeigte sich vorprogrammiert. Lediglich eine „ordentliche“ Ausbildung konnte der Heranwachsende nicht absolvieren. Das Berufsbild Köhler fehlte im Portfolio der DDR-Bildung. Nach dem Besuch der Landwirtschaftlichen Berufsschule, Ordnung muss sein, gab es das nötige Wissen in der alltäglichen Arbeit. „Mit dem Ende der Holzkohleherstellung ging für mich ein Traum zu Ende, aber zum Glück hatte ich nach wie vor in der Natur zu tun“, lautet der kurze Rückblick. Dass Benze noch einmal einen Meiler anzünden würde, glaubte er damals keinesfalls.

Das beste Parfüm

Bei einer Rundfahrt durch den Harz mit einem Kumpel vor fast 20 Jahren stieg beiden am Stemberghaus ein altbekannter Duft in die Nase. „Schwelende Holzkohle ist das beste Parfüm, das hält ewig“, sagt der Altmärker und hatte in der Harzköhlerei wieder Blut geleckt. Bei anderen Kollegen in Deutschland wurde das Wissen aufgefrischt und beim Arbeiten geholfen. 2004 dann die gemeinsame Idee mit dem Bundesforst. Einmal im Jahr soll das traditionsreiche Handwerk im Norden Sachsen-Anhalts wieder lebendig werden. Revierförster Volker Wüstenberg nennt die Entscheidung von damals „genau richtig“. Es sei gut, dass die Köhlerei bewahrt werde, auch wenn sie keinen Gewinn verspricht. Buchenholz gäbe es ausreichend und die Altmärker Holzkohle, direkt ab Forsthaus verkauft, reiche nur kurze Zeit. Zugleich bringe das alljährliche Köhlerfest Anfang Juni Abwechslung in die Region.

Klaus Benze genießt die Köhlerei. „Traumhaft“ nennt er den Platz unter den Baumwipfeln am Heiderand. Für Naturmenschen wie geschaffen. Da geht es dann auch ohne Handy und Fernseher, Besucher sagen sich regelmäßig an, Langeweile scheint eine Fehlanzeige. Im spartanischen Bauwagen gibt es eine Liege und tagsüber treibt ihn höchstens ein Regenschauer unter das schützende Dach. Wasser spendet ein alter Tankwagen aus NVA-Beständen. Seit fast 60 Jahren sind Klaus und Lisa Benze verheiratet. Die alte, neue Berufung sieht die Gattin gelassen. „Inzwischen könnte ich fast mitarbeiten“, berichtet sie lachend.

Wenn der Meiler bei Dolle in Gang gesetzt wird, beginnt eine stressige Zeit. Die Versorgung will sichergestellt sein, die „Anlieferung“ erfolgt meist mit dem Rad. Auf was freut sich ihr Mann besonders? Der Rührkuchen sei es, den könne sie fast täglich backen. Außerdem, mancher Grilltermin findet am Waldrand statt und will ausgestattet sein. Die Köhler-Saison geht durch den Sommer. Und Arbeit gibt es in dieser Zeit bei Berufskollegen landauf, landab immer, eine eingeschworene Gemeinschaft hält zusammen. Benze wird zum Reisenden in Sachen Holzkohle.

Mehr als 900 Grad Celsius

Auf die aus Buchenholz schwört er. Auf mehr als 900 Grad Celsius bringt diese es durchaus auf dem Grill, das schmecke man. Klaus Benze kann sich auch hundertprozentig sicher sein, aus welchem Holz seine Holzkohle stammt. Das ist bei Holzkohle, die die meisten im Supermarkt kaufen, nämlich nicht der Fall. Das hat im Mai eine Untersuchung der Stiftung Warentest ans Licht gebracht, in fünf von 17 Produkten steckte Tropenholz, teilweise war dies nicht auf der Packung angegeben.

Holzkohle aus Tropenholz sei für ihn keine Alternative. Denn der Regenwald irgendwo in Südamerika oder Afrika werden wohl eher selten wieder aufgeforstet. Die Zerstörung der Natur und die „erbärmliche“ Arbeit vor Ort, kann Klaus Benze nicht gutheißen. Die langen Transportwege seien zudem kaum ökologisch, so Benze. Anders bei ihm. Das schätzungsweise 20 Festmeter Buchenholz kommt aus unmittelbarer Nachbarschaft, so sollte es sein.

Ach so, auch wenn es im Meiler nicht brennen darf, der Köhlergruß lautet „Gut Brand!“.