Museum

Kunsthistoriker sucht im Wolmirstedter Museum nach Raubgut

Im Museum von Wolmirstedt werden zur Zeit die Archive akribisch durchforstet. Kein Objekt aus einem bestimmten Zeitraum bleibt unbeachtet. Es geht um Historie, Kunst und mutmaßliches Unrecht.

Von Tom Wunderlich 05.08.2021, 18:10
Anette Pilz und Sven Pabstmann suchen nach Hinweisen auf einem alten Gemälde. Im Rahmen des Erstchecks für NS-Raubgüter werden alle Einlieferungen  aus dem Zeitraum von 1933 bis 1945 akribisch untersucht.
Anette Pilz und Sven Pabstmann suchen nach Hinweisen auf einem alten Gemälde. Im Rahmen des Erstchecks für NS-Raubgüter werden alle Einlieferungen aus dem Zeitraum von 1933 bis 1945 akribisch untersucht. Fotos (3): Tom Wunderlich

Wolmirstedt - Mit einer Lupe untersucht Sven Pabstmann ein Gemälde in der oberen Etage des Wolmirstedter Museums. Plötzlich hält er inne und betrachtet die Stelle genauer. Er macht sich einige Notizen und wendet das Gemälde. Auch hier ist nichts auffälliges zu finden. Sorgsam packt er zusammen mit Museumsleiterin Anette Pilz das Kunstwerk wieder ein. Beide wirken erleichtert.

So arbeiten die beiden bereits seit letzter Woche in Wolmirstedt zusammen. Für sie beide bedeutet das nun Halbzeit bei ihrer wichtigen Aufgabe. „Es ist so ein bisschen wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen“, erklärt Sven Pabstmann. Er ist im Auftrag des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt e.V. nach Wolmirstedt gekommen, um nach sogenanntem NS-Raubgut zu fahnden. Hierbei handelt es sich um ein sogenanntes Provenienzforschungsprojekt. „Ich bin nach Wolmirstedt gekommen, um hier einen sogenannten Erstcheck durchzuführen“, erklärt er. Das bedeute konkret, dass er anhand historischer Dokumente die Erwerbungen des Museums im Zeitraum von 1933 bis 1945 genauer unter die Lupe nehme. „Konkret suche ich nach Einlieferungen von damaligen Behörden, wie zum Beispiel der Polizei, oder Organisationen der Nationalsozialisten. Hier könnte sich eine erste Spur auf eventuelles Raubgut finden.“ Dafür muss der Kunsthistoriker alle Unterlagen aus der damaligen Zeit untersuchen. Aus diesen geht meist hervor, wer die Objekte angeliefert hat und wer der vorherige Eigentümer war. „Dabei kann es sich um jüdische Menschen handeln, aber auch um Organisationen, die von den Nationalsozialisten verboten wurden.“

Komplexe Fahndungsarbeit

Insgesamt drei Wochen hat Sven Pabstmann Zeit, um eventuelles Raubgut aufzuspüren und vorab zu untersuchen. „Die Zeit dafür ist wirklich sehr knapp bemessen, denn die Suche ist extrem komplex.“ Schon vorab habe er sich zum Beispiel mit der Geschichte der Stadt auseinandersetzen müssen. „Zum Beispiel muss ich bereits vorher wissen, ob es hier einmal eine jüdische Gemeinde gab und wie deren Mitglieder hießen. Genauso wichtig ist für mich, wer damals das Museum leitete, wer dafür verantwortlich war und wie die NS-Strukturen in der Stadt waren.“ Gerade die Namen der jüdischen Familien seien dabei eine Herausforderung. „Wer denkt, man müsse nach den typischen Namen wie zum Beispiel Rosenkranz oder Goldschmidt suchen, der täuscht sich. Die Familien hat auch damals schon unscheinbare Namen, wie Schmidt oder Müller.“ Genau das sei aber für ihn der gewisse Reiz an der Arbeit. „Ich muss hierfür diverse Archive durchsuchen, so ein bisschen wie ein Detektiv.“

Der Erstcheck, den Pabstmann aktuell vornimmt, sei aber nur eine erste Maßnahme auf der Suche nach Raubgut. „Ich werde hier noch nicht vertiefend tätig, sondern suche nach konkreten Verdachtsmomenten.“ Wenn er dann fündig werde, dann teile er dies dem Museumsverband mit und empfiehlt weitere Recherchen. Der Verband entscheidet dann, inwiefern die Spur weiter verfolgt wird und welche Gelder hierfür zur Verfügung gestellt werden. Allerdings sei man dann von einer Restitution des Raubgutes noch weit entfernt.

Wie viele Raubgüter die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 tatsächlich illegal beschlagnahmt und verschleppt haben, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Allein bei Kunstwerken vermutet man, dass es sich um rund 600000 Objekte handelt. Allein 200000 davon sollen in Deutschland erbeutet worden sein. Aufgrund von Erstchecks und weiterer vertiefender Recherchen konnten im Rahmen der Provenienzforschung 2019 in Bayern 362 Gemälde, Bücher und Instrumente restituiert werden.

Kein Platz für Illegales

Für Museumsleiterin Anette Pilz ist das Projekt des Museumsverbandes ein wahrer Segen. „Wir haben als kleines Museum gar nicht die personelle Möglichkeit, um solchen Dingen auf den Grund zu gehen“, erklärt. Deswegen freue sie sich über die Hilfe von Sven Pabstmann.

„Es ist wirklich wichtig, dass die Erstchecks in den kleinen Museen durchgeführt werden. Wer will denn schon illegal beschaffte Gegenstände bei sich ausstellen.“ Man wolle als Museum, dass hinter allen ausgestellten Objekten kein Unrecht stehe. „Und da unterstützen wir natürlich gerne und vor allem so gut es geht.

Nach fast zwei Wochen in Wolmirstedt kann Sven Pabstmann schon ein erstes positives Resümee ziehen. „Wir haben jetzt schon sehr viele Objekte im Inventar untersucht und kaum etwas kritisches gefunden“, erzählt der Kunsthistoriker weiter.

Gefunden habe man zum Beispiel einen Gegenstand, welcher 1934 eingeliefert wurde. „Hierbei handelt es sich um eine Fahne der Kommunistischen Partei Deutschland. Ich gehe davon aus, dass diese durch die Sturmabteilung der Nationalsozialistischen Partei beschlagnahmt wurde. Immerhin steht die SA als Einlieferer im Inventarbuch.“

Was bisher sehr positiv zu vermerken sei, sei die Tatsache, dass noch keine Raubgüter aus jüdischem Besitz aufgetaucht seien. „Vielmehr handelt es sich um private Einlieferungen von Familien, welche schon vor 1933 das Museum mit Leihgaben unterstützt haben.“