Jersleber See l Der Luftkurort Arendsee, die Stadt Dortmund am Rhein, die Gemeinde Barleben und etliche Kommunen in Deutschland haben Eines gemein: Sie haben ihre Gewässer – zumindest zeitweise – gesperrt. „Aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht ist es ... nicht möglich, Gästen den Zugang in das Strandbad zu gewährleisten“, ist dort dem 7. September auf einem Schild in Arendsee zu lesen. Die Metropole Dortmund hat es jüngst ins TV geschafft, weil sie Teile ihres Rheinufers sogar mit zwei Zäunen absperrte – aber aus eben dem selben Grund wie Arendsee sein Strandbad.

Bürger kritisieren Verbote der Verwaltung

Hintergrund ist ein Urteil vom Februar dieses Jahres gegen den Bürgermeister der nordhessischen Gemeinde Neukirchen wegen fahrlässiger Tötung von drei Kindern. Diese seien an einer Badestelle aus bisher ungeklärten Ursachen ertrunken. Laut dem Städte- und Gemeindebund könnten sogar Verwaltungsmitarbeiter haftbar gemacht werden.

Deshalb hat auch Barleben reagiert und den etwa 500 Meter langen Badebereich mit Flatterband abgesperrt. Schilder weisen zudem darauf hin, dass hier das Baden verboten ist. Kritik war vorprogrammiert, schließlich hatte es die wegen der corona-bedingten Schließung des Rundwegs um das Gewässer ja schon zu hauf gegeben. „Was woanders möglich ist, geht hier nicht. Die Barleber Verwaltung ... versucht ständig, allen Bürgern das Leben mit Verboten schwer zu machen“, schreibt beispielsweise Bungalowbesitzerin Doris Wesely.

Auch die Jersleberin Ulrike Kramer rügt die Verwaltung. „In Deutschland gibt es tausende Seen und Gewässer. Tausende Bürgermeister entscheiden sich selbst in Corona-Zeiten für das Wohlergehen und die Gesundheit ihrer Bürger und nicht für die Angst vor dem Risiko einer eventuellen personellen Haftung ...“, teilt sie ihre Meinung schriftlich mit. Genau so sieht das auch der Jersleber Ulrich Schwabe, der zudem das Absperrband kritisiert, „das verschandelt den schönen Blick über den See.“

Seit dem Frühjahr reißt die Kritik rund um den Jersleber einfach nicht ab. Erst musste das Erholungszentrum Mitte März gemäß der ersten Corona-Eindämmungsverordnung komplett gesperrt werden. Auch Spaziergängern und Kindern war der Zugang zum Rundweg sowie zum Spielplatz verwehrt. Dann wurde der Betrieb sukzessive hochgefahren: Zunächst war das Naherholungszentrum für Dauercamper geöffnet worden, dann für Kurzzeitcamper und schließlich mit dem Start der Badesaison auch für Tagesgäste. Doch der Rundweg blieb bis auf weiteres durch Bauzäune versperrt.

Laut Barleber Verwaltung war die Sperrung des Pfades notwendig, um die Corona-Auflagen des Kreisgesundheitsamtes zu erfüllen. Demnach durften sich insgesamt nur 1544 Tagesgäste zeitgleich auf dem Gelände aufhalten. Sie wurden während des Badewetters ausschließlich über das Tor an der Zufahrtsstraße eingelassen. Um zu vermeiden, dass sich Wasserratten unbemerkt über den besagten Rundweg an den Strand schleichen, wurde der Badebereich mittels Bauzäunen gesichert. Somit war Spaziergängern das Rund um den See versperrt. Es hagelte wieder Kritik aus der Bevölkerung.

Entspannung bahnte sich in der vergangenen Woche an, als mit dem Ende der Badesaison die Zäune fielen. Seither ist der Rundweg wieder frei. Doch neuer Ungemach zog über die Verwaltung her. So hatte der Buschfunk bereits Wochen zuvor vermeldet, dass das gesamte Gelände über die Wintermonate geschlossen bleiben könnte – aus Haftungsgründen. Damit wäre auch der besagte Rundweg wiederum nicht zugänglich gewesen. Bürgermeister Frank Nase und sein Amtskollege aus der Niederen Börde, Stefan Müller (beide CDU), hatten erklärt, dass nunmehr eine erhöhte Sicherungspflicht von Badegewässern bestünde. Ausschlag für die Überlegungen hatte das besagte Urteil gegen den nordhessischen Bürgermeister gegeben. Nach einer Handlungsempfehlung des Kommunalen Schadensausgleichs, dem Versicherer der Gemeinden, dürfen die Tore des Erholungszentrums tagsüber nun mehr offen bleiben und der Rundweg genutzt werden, doch das Baden in den Wintermonaten ist verboten. Nur Gruppen mit Rettungsschwimmern und vorheriger Anmeldung dürfen auch während der kalten Jahreszeit planschen.

Verwaltung sucht nach Lösungen

Doch damit will sich die Verwaltung offenbar nicht zufrieden geben. „Ich kann den Frust verstehen, doch im Moment bleibt uns keine andere Möglichkeit“, erklärte Karolin Braunsberger-Reinhold während eines neuerlichen Vor-Ort-Termins am Mittwoch. Dieses Mal dabei war Thomas Leyser, Diplomingenieur für Landschaft und Umwelt. „Wir müssen uns die gesamten Uferbereiche anschauen und nach Gefahrenquellen suchen um dann zu entscheiden, wo Maßnahmen notwendig sind, die eine eigene Haftung des Besuchers mitbringen“, berichtete der Fachmann. So müssen auch Fragen wie die nach einem Badeverbot am gesamten See untersucht werden. Pauschale Antworten könnten nicht gegeben werden.

Eine genaue Bestandsaufnahme soll folgen, die übrigens auch die acht weiteren Gewässer einschließt, die sich im Besitz oder im Teilbesitz Barlebens befinden. Das sind Steinbrüche und Regenrückhaltebecken beispielsweise. So waren sich die Anwesenden am Mittwoch noch nicht im Klaren, auf welche Weise eine Zusammenarbeit erfolgen soll, „ob Herr Leyser ein Gutachten vorlegt oder aber beratend tätig wird“, erklärte Pressesprecher Thomas Zaschke.

Übrigens hagelt es nicht nur Kritik an den Maßnahmen der Gemeindeverwaltung. Ulrich Krüger, seit 30 Jahren Stammgast unter den Dauercampern, kann die Aufregung nicht verstehen. „Würden sie eine Parzelle pachten, wenn der Campingplatz für alle geöffnet ist“, fragt der Magdeburger und spricht damit den Rundweg an. „Seit dem der geschlossen war, brauchten wir uns keine Sorgen wegen Diebstahl zu machen. Und viel ruhiger war es hier auch“, berichtet der Dauercamper. Mit der Ruhe sei es nun vorbei, seit vor einer Woche der Weg wieder geöffnet wurde. „Und schauen sie doch mal: Hundehaufen gibt es hier wieder ohne Ende auf dem Gelände.“