Wolmirstedt l Als die Grenzen geöffnet wurden, lag Waltraud Wolff mit Migräne im Bett. Plötzlich stand ihr Mann am Abend dieses 9. November 1989 im Wohnzimmer und schrie: „Die Grenzen sind auf.“ Er war gerade von einem Friedensgebet heimgekehrt, in den Adern pumpte Adrenalin. Waltraud Wolff sagt: „Mein erster Gedanke war: Jetzt kommen die Russen.“ Als sie am nächsten Tag in die Förderstätte zur Arbeit ging, waren nur noch zwei weitere Kolleginnen da. Die anderen waren in den Westen gefahren.

Als Waltraud Wolff erstmals die Grenze überquerte, war schon Advent. „Wir wollten uns nicht an die Schlangen anstellen.“ Die galten dem Weg über die Grenze, dem Begrüßungsgeld, allem. Schließlich haben die Wolffs dem Drängen ihrer vier Kinder nachgegeben, sind nach Helmstedt gefahren, haben gestaunt, Obst und Sahnejoghurt gekauft, sind wieder zurückgekehrt. Dabei hatte Waltraud Wolff allen Grund, mit der Deutschen Demokratischen Republik zu hadern.

Uwe Claus ist mit seiner Frau und Freunden noch in der Nacht des 9. November 1989 über die Grenze gefahren. Er wollte sich überzeugen, was dort wirklich passierte. Den ganzen Abend lang hatte er im Fernsehen nur halbgare Informationen gefunden. „Ich habe immer gesagt: Irgendwas ist da los.“ Erst um 22.40 Uhr habe er in den Tagesthemen Bilder von der Berliner Mauer gesehen. „Da habe ich zu meiner Frau gesagt: „Wir fahren an die Grenze.“ Ihre Antwort: „Du hast was getrunken.“

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Mit einem befreundeten Ehepaar und dessen Sohn haben sie sich nachts auf den Weg gemacht, Richtung Marienborn, doch der Schlagbaum war zu. Ein paar Autos standen Schlange, nicht viele, denn die Grenzpolizisten hatten die Schranke an diesem Abend schon einmal geöffnet, aber wieder geschlossen, vermutlich, weil ein offizieller Befehl fehlte.

Der Schlagbaum blieb unten

Die Grenzer stempelten dennoch den Ausweis ab, fragten, ob es eine ständige oder kurzfristige Ausreise sein solle. „Wieso ständig“, habe Uwe Claus gefragt, „wir müssen morgen wieder arbeiten.“ Trotzdem: Der Schlagbaum blieb unten. „Ich bin zum Grenzer gegangen und habe ihn gefragt, was los ist, in Berlin tanzen sie auf der Mauer und hier ist alles dicht.“ Da sei der Grenzer innerlich sichtlich gewachsen, habe so etwas gesagt, wie: Jetzt bewache ich diese Scheißgrenze schon über 20 Jahre, nun wird sie endlich geöffnet und keiner hat den Arsch in der Hose, den Befehl dazu zu geben!“ Damit habe er den Schlagbaum geöffnet und den Weg freigegeben.

„In der Nacht haben wir meine Tante besucht.“ Die habe sich nicht sehr gewundert. Sie haben sich Schaufenster angeschaut, die erste Morgenzeitung mitgenommen und sind zurückgefahren, nach Wolmirstedt. Uwe Claus lacht. „So früh, wie an diesem Morgen, bin ich wohl noch nie in der Schule gewesen.“

Waltraud Wolff saß von 1998 bis 2017 für die SPD im Deutschen Bundestag, 19 Jahre lang. Davor war sie Leiterin der Gerhard-Schöne-Schule in Wolmirstedt, einer Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Weniger erfreulich verlief ihr Berufsleben vor der Wende, in der DDR.

Es gab keinerlei staatliche Hilfe

Waltraud Wolff stammt aus einem christlichen Elternhaus. „Wir wurden sehr kritisch erzogen.“ Das Abitur wurde ihr in der DDR verwehrt, sie wurde Grundschullehrerin. Doch als sie sich zu oft zu kritisch äußerte, wurde ihr alles aberkannt. 1980 verlor sie ihre Arbeit, ihre Anerkennung als Lehrerin, erlebte quasi ein Berufsverbot. Arbeitslosigkeit gab es im sozialistischen Staat eigentlich nicht, deshalb auch keinerlei staatliche Hilfe. Von all dem war auch ihr Mann betroffen. „Wir lebten von Freunden und von dem, was unser Garten hergab.“ Zur Familie gehörten vier Kinder. „Dass wir den Staat nicht gut finden, war klar.“

Acht Jahre lang musste Waltraud Wolff diese Berufslosigkeit ertragen, dann erlebte sie ihre persönliche Wende. „Ohne zu kämpfen, habe ich alles zurückbekommen.“ Der damalige Kreisschulrat Udo Kriege habe ihr 1990 die Leitung der Förderschule angetragen, ihre Ausbildung zur Grundschullehrerin wurde wieder anerkannt, sie durfte sich ein Team aussuchen und an den Rahmenrichtlinien mitarbeiten.

Dann wurden die kritischen Stimmen in der DDR lauter, immer mehr Menschen wollten ausreisen, die Montagsdemonstrationen begannen. „Wir haben schon früh Kerzen ins Fenster gestellt“, erinnert sich Waltraud Wolff, „irgendwann begannen die Leute zu fragen, wann wir denn ausreisen wollen.“ Wollten sie aber nicht. „Es können doch nicht alle, die kritisch sind, weggehen.“

Trotzdem, manchmal war das Hierbleiben schwer. Mit dem Weggehen der anderen fehlten die Diskutierfreunde, die Zeit ging auch an den Kindern nicht spurlos vorbei. Eines Tages bekam Familie Wolff zu Hause Besuch aus der Schule. Der Sohn, der gerade die zweite Klasse besuchte, sollte Verben beugen. Die Lehrerin hatte ihm das Wort kleben zugeteilt. Was der kleine Junge daraus machte, erschütterte die sozialistisch geprägten Pädagogen offenbar tief: Ich klebe in der DDR fest, du klebst in der DDR fest... „Ich musste lachen“, sagt Waltraud Wolff, „und habe sie gebeten zu gehen.“

Systemkritisches Leben nicht leicht

Auch wenn die Familie zusammenstand, für die Kinder war das systemkritische Leben der Wolffs wohl nicht einfach. Als die Mauer fiel, erlebten sie einen großen Befreiungsschlag, endlich. „Klassenkameraden haben gesagt: Ihr hattet wohl doch Recht.“ Inzwischen sind sie erwachsen, haben ihr Glück gefunden.

Uwe Claus war ebenfalls Lehrer. Als die Montagsdemonstrationen begannen, hat er sich mit seiner Frau abgewechselt. Einer besuchte die Friedensgebete im Dom, einer blieb bei den Kindern. „Im Dom betete ein junger Mann für den Frieden und für seinen Vater, der draußen bei den Kampfgruppen stand.“

Auch Uwe Claus hat den Staat nicht gemocht. „Ich war kein Widerstandskämpfer, aber ich habe keine Perspektive gesehen.“ Er stammt ebenfalls aus einem christlichen Elternhaus, wollte nicht in die Sozialistische Einheitspartei eintreten, doch ohne diesen Mitgliedsausweis waren manche Karrieren nicht möglich. Ausreisen wollte er dennoch nicht. „Ich bin sehr heimatbezogen.“

Den Schub hat die politische Wende gebracht. „Meine politische Karriere begann am 16. November 1989.“ In der CDU fand er Heimat, die deutsche Einheit sah er als Königsweg. Als die Schulleiterin in den Westen ging, übernahm er die Leitung, blieb Schulchef, bis er in Rente ging.