Barleben l Im Frühjahr 2019 hatte die Bundesnetzagentur damit begonnen, die Frequenzen des neuen Mobilfunkstandards 5G zu versteigern. Für insgesamt sechs Milliarden Euro waren diese an die höchstbietenden Unternehmen gegangen. Doch noch lässt das neue Netz auf sich warten, das unter anderem einen hohen Datendurchsatz bei sehr geringen Reaktionszeiten verspricht.

Wenn alles gut geht, könnten im Sommer die ersten Funkmasten im Bereich des Technologieparks Ostfalen in Barleben aufgebaut werden. Damit würde die Gemeinde mit zu den ersten in Deutschland gehören, in denen 5G nutzbar wäre.

Hintergrund ist ein Innovationswettbewerb, den die Bundesregierung im vergangenen Jahr aufgelegt hat. Barleben hatte im Rahmen dieses Programms einen Förderantrag für ein Pilotprojekt mit dem Titel „5G – Industrial Working & Co-Working für den Mittelstand“ eingereicht und als eine von mehr als 50 weiteren Gemeinden einen Zuschlag in Höhe von 37.000 Euro erhalten.

Das Konzept für das Pilotprojekt stammt aus dem Hause des Digital-Spezialisten Teleport. Das Barleber Unternehmen von Geschäftsführer Marco Langhof wird das Vorhaben auch begleiten. Für ihn handelt es sich bei 5G nicht einfach nur um eine neue Entwicklungsstufe im Mobilfunk, sondern um einen gänzlich neuen Kommunikationsstandard. So soll das neue Netz künftig in der Lage sein, eine Vielzahl von Anwendungen gleichzeitig auszuführen, bei denen es im weitesten Sinn vor allem um Datenkommunikation geht.

So wird der Standard durch die wesentlich höhere Bandbreite neue Anwendungen ermöglichen. Es soll eine Vielzahl von Netzebenen geben, quasi wie bei einer Zwiebel, die parallel unterschiedliche Anwendungen bedienen können. Jede Anwendung erhält eine eigene und passende Ebene. Die Technologie ermöglicht es, das Netz sozusagen in unterschiedliche Scheiben zu schneiden.

Als Beispiel nennt der Unternehmens-Chef ein großes Automobilwerk. Hier werden an einem Fließband in einer Halle Autos montiert. Vor Produktionsstart musste die Halle jedoch erst eingerichtet werden. So wurde nicht nur das Band montiert, sondern auch die verschiedenen Maschinen für die unterschiedlichen Anwendungen. Dazu mussten auch kilometerlange Kabelstränge verlegt werden, denn die Maschinen kommunizieren untereinander und müssen von Rechnern aus gesteuert werden können.

„Nun hat sich in der Automobilindustrie viel verändert in den vergangenen Jahren. Autos werden viel schneller weiterentwickelt“, erklärt Langhof. Nun müsste die gerade erst aufwendig aufgebaute Fertigungsstraße neu eingerichtet, zumindest aber neu justiert werden. „Hier etwa ganze Kabelschächte aufzureißen und neu anzulegen dauert viel zu lange und wäre auch teuer. Da wäre doch Funk die bessere Lösung“, sagt der Experte. Doch einfach ohne Kabel per W-Lan die Maschinen zu steuern, ginge auch nicht, dafür reichten die Frequenzen nicht aus.

„Hier wird 5G künftig eine große Rolle spielen. Mit diesem Netz können Maschinen untereinander kommunizieren, und zwar in Echtzeit“, sagt Langhof. Weitere Vorteile wären eine hohe Bandbreite, die einen hohen Datendurchfluss ermöglicht, sowie eine hohe Störfestigkeit. Damit ist 5G für den Geschäftsführer weniger ein Mobilfunkstandard als ein Industrie-Kommunikationsstandard.

Doch neben seinen physikalischen Eigenschaften vermag 5G laut Langhof noch weit mehr. So klappe die Kommunikation weit besser als in einem W-Lan-Netz. „Mit 5G gibt es Verbindungen, die funktionieren, egal, was im Nebenraum geschieht.“

Doch auch als Schaltzentrale komme 5G zum Einsatz, so beispielsweise für Kräne auf Baustellen. Mit dem neuen Standard nämlich braucht es keinen Kranführer vor Ort mehr. Der sitze künftig irgendwo in einer Zentrale. Über das neue Netz kann er über mehrere Monitore hochaufgelöste Bilder empfangen sowie den Kran in Echtzeit steuern – egal, von welchem Ort auf der Erde.

„Die Zukunft der Kommunikation in der Industrie liegt bei immer niedrigeren und flexibleren Zeiten. Da braucht es auch flexiblere Infrastrukturen“, sagt der Fachmann. Große Unternehmen würden gleich ganze Frequenzen buchen, planten also bereits eigene 5G-Infrastrukturen. Der Mittelstand soll nicht warten müssen, bis die großen Unternehmen erste Erfahrungen gesammelt und ihre Vorteile daraus gezogen haben. „Und hier ist unser Ansatz: Wir müssen das Thema herholen und nicht nur Antennen aufstellen“, sagt Marco Langhof. So soll Unternehmen in Barleben aufgezeigt werden, was sie mit 5G besser machen können, als bisher. „Wir wollen Kernkompetenz verankern“, formuliert der Unternehmenschef. So könne er sich vorstellen, dass ansässige Maschinenbauer den 5G-Standard in ihre Maschinen integrieren.

Für den privaten Gebrauch hält Marco Langhof dagegen den neuen Standard für eine eher schlechten Option. So würden die Anbieter heutzutage schon bei 4G die Datenvolumen vertraglich drosseln. Wer beispielsweise 500 MB verbraucht hat, dessen mobiles Internet läuft dann wesentlich langsamer. „Wenn sie 5G-Anwendungen nutzen, wäre ja ihr Datenvolumen innerhalb weniger Sekunden verbraucht“, schätzt Langhof ein und fügt hinzu: „5G ist kein Ersatz für einen Breitbandanschluss.“

Die Entscheidung, ob und wann genau die Antenne für den 5G-Standard gebaut wird, wird wohl im Juni fallen.