Wolmirstedt l „Es gibt Kneipen, die sie nicht mehr kennen können. Auch diese werde ich ihnen heute vorstellen.“ Mit diesen Worten eröffnet Museumsleiterin Anette Pilz am Freitagabend ihren Vortrag über die Gaststättenkultur längst vergangener Zeiten in Wolmirstedt. Alle Plätze im Saal sind restlos belegt – 70 zumeist rüstige Senioren lauschen den Ausführungen der Museumschefin. Aber richtig ruhig ist es nie, doch das tut dem Vortrag keinen Abbruch: Denn immer wieder werden durch die Zwischenmeldungen weitere interessante Details zu den ehemaligen Gasthöfen der Stadt erzählt.

Aus Überlieferungen gilt der einstige „Schwarzer Adler“ als die einst älteste Gaststätte in Wolmirstedt. Seit dem Jahr 1576 wurden hier in der heutigen Friedensstraße gegenüber dem Polizeigebäude Gäste mit Speis und Trank versorgt, erzählt Anette Pilz. So wie die Besitzer wechselten, wechselten auch die Namen. Als „Kurfürstenhof“ brannte das Gasthaus im 30-jährigen Krieg völlig nieder, wurde anschließend wieder aufgebaut. Im Jahr 1754 übernahm ein Musketier Widdenstedt die Gastwirtschaft. 1971 erfolgte der Abriss.

Und wo heute der Discounter Netto in der Samsweger Straße um Kunden buhlt, stand einst das „Feldschlösschen“. Biergarten und Tanzveranstaltungen lockten einst hunderte Gäste in das Restaurant.

Bilder

Auch der „Rote Adler“ lud zu Konzerten und diversen Vergnüglichkeiten ein. „Es ist heute kaum zu glauben, wie viele Gasthöfe einen Tanzsaal hatten. Hier war früher immer etwas los“, stellt die Museumsleiterin fest. „Kein Wunder, damals gab es noch keinen Fernseher“, ruft ein Zuhörer und erntet Gelächter, wohl auch weil was Wahres dran sein mag.

Tatsächlich hat es in Wolmirstedt einst eine rege Szene gegeben, sagt Anette Pilz und fügt hinzu: „Mehr als ein Dutzend Gasthäuser sorgten für ein kulturelles Leben in der Ohrestadt.“ Aberdutzende Fotos hat sie aus dem Archiv des Museums zusammengetragen. Außerdem habe sie in alten Zeitungen recherchiert. Vor allem auf teils skurrile Annoncen ist sie hier gestoßen - und die sorgen nun für Unterhaltung:

Wissenschaftliche Abendunterhaltung

So lädt das „Weiße Ross“ Ende des 19. Jahrhunderts zur „Wissenschaftlichen Abendunterhaltung“ mit „der prachtvollen Darstellung des Electrischen Lichtes“ ein. In einer andere Anzeige wirbt Ottomar Kramer im Jahr 1877, dass er bei seinem Besuch im Gasthof „Zum Braunen Hirsch“ jeden Bandwurm „binnen zwei Stunden radical und sicher“ entferne. Der Ratskeller wiederum lud ein: „Einem geehrten Publikum hierdurch die ergebene Anzeige, dass auf dem Ratskeller täglich gute Amtsmilch, frische Butter auch saure Milch zu haben ist. Wolmirstedt, den 14. Mai 1874.“

Doch nicht nur die historischen Anzeigen und alten Fotos aus dem Archiv des Museums sind es, die die Besucher amüsiert. So spickt Anette Pilz ihren Vortrag immer wieder mit Anekdoten. Im Gasthof „Zur Sonne“ im ehemaligen Rathaus – hier steht heute das Gebäude des WWAZ - soll der Bürgermeister im Frühjahr 1945 mit weißer Fahne gewedelt haben und dann von den Amerikanern abgeführt worden sein.

Für Zuhörer Franco Behrends ist die Veranstaltung etwas ganz Besonderes. „Die Bilder rufen Erinnerungen in mir wach“, sagt der Wolmirstedter. Sein Urgroßvater habe einst ein Friseurgeschäft in der Altstadt eröffnet, der Laden sei später ins Rathaus gezogen und wurde im Jahr 1961 zur PGH. „Als Dreijähriger habe ich schon im Geschäft gestanden und kann mich heute noch an das ein oder andere Lokal erinnern“, erzählt er gegenüber der Volksstimme.

Auch Karla Klimek ist begeistert von dem Abend im Museum. „Ich war Geschichtslehrerin in Wolmirstedt und interessiere mich für die Entwicklung der Stadt“ erzählt die Rentnerin. In jungen Jahren sei sie viel tanzen gewesen, so beispielsweise im „Roten Adler“ oder im „Küchenhorn“. „Dort habe ich meinen Mann kennengelernt“, verrät die rüstige Seniorin.

Nach über zwei Stunden ist der Vortrag von Anette Pilz beendet. Über 150 Fotos, sowohl alte Kneipen-Aufnahmen als auch historische Anzeigen, hat sie dem Publikum gezeigt. Dies zieht nun begeistert nach Hause und freut sich schon auf den nächsten Vortrag der Musuemsleiterin.