Wolmirstedt l Amys Kinderzimmer ähnelt den Kinderzimmern aller 14-jährigen Mädchen. Am Fenster trödelt ein roter Schaukelstuhl, daneben grinst das Monstergesicht eines knallblauen Sitzballs. Es gibt Spiegel, Haarspangen, Bücher und Bilder. Wären da nicht die Medaillen, Pokale und Urkunden. Die sind auf einem Regal hübsch in Szene gesetzt und zeigen: Hier wohnt ein Mädchen, das dem Sport verfallen ist, ein Mädchen, das Erfolge erringt.

Das Erringen ist bei Amy Keller wortwörtlich zu verstehen, denn sie hat sich dem Ringen verschrieben, trainiert intensiv an der Sportschule in Frankfurt/Oder, der deutschen Nachwuchsschmiede der Ringer. Vor wenigen Tagen ist sie ganz oben angekommen. Amy Keller ist Deutsche Meisterin in der A-Jugend.

Die deutsche Meisterschaft wurde in Berlin-Adlershof ausgetragen und wie bei den allermeisten Wettkämpfen saßen auch an diesem Tag ihre Eltern auf dem Zuschauerrang. Andreas Keller war selbst Ringer, seiner Zeit DDR-Meister, Peggy Keller fiebert auf sehr mütterliche Weise mit ihrer Tochter mit.

Bilder

Sie hat die Kämpfe mit dem Handy gefilmt und immer, wenn es sehr spannend wird, wackeln die Bilder. Am meisten jedoch am Ende, als Amys Sieg feststand und der Mama hinter der Kamera die Anspannung durchging und die Freudentränen liefen. „Sogar mein Kreislauf spielte verrückt“, gesteht Peggy Keller. Noch immer leuchten ihre Augen angesichts der Erinnerung an Töchterchens Sieg.

Sieg in letzter Sekunde

Auch bei Amy selbst war die Freude sichtlich sehr groß, sie hat erreicht, worauf sie so lange hintrainiert hat, kann es kaum fassen, denn die Gegnerinnen waren nicht leicht zu bezwingen, den Sieg holte sie buchstäblich in den letzten Sekunden.

Und doch: Auf die Frage, ob es anschließend eine große Siegesfeier gegeben habe, sagt sie sehr trocken: „Nach der deutschen Meisterschaft ist vor der deutschen Meisterschaft.“

Die Mannschaft sei am Abend wieder nach Frankfurt/Oder gefahren, nicht ohne den „Fresskorb“ zu plündern, den Mama Peggy für alle Mädels zusammengestellt hatte. „Na klar gibt es im Internat genug zu essen“, beteuert Amy. Aber Mama weiß eben viel besser, was Töchterchen und den Internatsfreundinnen schmeckt.

Im Juni feiert Amy Keller Jugendweihe. Mit ihrer ehemaligen Wolmirstedter Klasse des Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasiums wird sie den offiziellen Schritt ins Erwachsenenleben in der Magdeburger Johanniskirche gehen. „Das war lange geplant und das Ambiente gefällt uns“, sagt Peggy Keller. Das rote Kleid hängt schon im Schrank. „Hoffentlich habe ich zur Jugendweihe kein blaues Auge“, grinst Amy, aber wenn, würde das ihr Selbstbild auch zur Jugendweihe nicht stören. „Ein blaues Auge zeigt, dass man kämpfen kann.“

Amy Keller möchte später zur Polizei gehen oder einen ähnlichen Beruf ergreifen, bei dem Kraft, Taktik und Durchhaltevermögen gefragt sind. Sie rechnet sich gute Chancen aus. Seit über einem Jahr besucht sie die Sportschule in Frankfurt/Oder, fühlt sich dort wohl, Heimweh kennt sie nicht. Über die sportlichen Erfolge freuen sich alle gemeinsam, auch die Gegnerinnen, denn alle beherzigen das gleiche Prinzip: „Wir gehen als Freunde auf die Matte, kämpfen, und gehen wieder als Freunde.“

Ringen von Papa abgeguckt

Amy hat sich das Ringen von ihrem Papa abgeguckt, aber der wollte ihr die Griffe nicht zu Hause beibringen, sondern hat sie in einem Magdeburger Sportverein angemeldet. Sie trat bei Meisterschaften an und dabei wurden andere Trainer auf das zierliche Mädchen aufmerksam. Der Weg nach Frankfurt/Oder war frei.

Ein Ringkampf dauert vier Minuten. Grob gesagt gewinnt diejenige, die entweder 15 Punkte Abstand zum Gegner erkämpft oder die Gegnerin mit beiden Schultern auf die Matte drückt. So ein Kampf wirkt zunächst sehr geschmeidig, so als würden zwei Katzen einander umstreichen. Haben sich diese zwei Katzen jedoch erst einmal auf dem Boden ineinander verhakt, ist es für ungeübte Zuschauer nicht immer ganz klar, welche Arme und Beine zu welchem Kopf und Körper gehören.

„Manche Kämpfe fühlen sich ewig an“, erzählt Amy, „besonders, wenn die Gegnerin gleich stark ist, ist so ein Kampf extrem kräftezehrend.“ Das hat sie bei den deutschen Meisterschaften nur zu gut erlebt. Außerdem muss sie sowohl die aktuelle Punktzahl als auch die Uhr im Blick behalten, daneben noch die Anweisungen des Trainers wahrnehmen und sich vor allem auf die Gegnerin konzentrieren. „Da hilft nur Routine.“ Auch die Psyche spielt mit und dieses Spiel setzt Amy gezielt ein.

Mamas Handyvideos zeigen: Amy steht gern zuerst auf der Matte, erwartet die Gegnerin. Das wirkt fast majestätisch und hat bei den deutschen Meisterschaften den Zweck erfüllt, die Goldmedaille beweist das. Im Kinderzimmer, im Wolmirstedter Haus ihrer Eltern, ist das kein bisschen nötig. Da gackert Amy über ihre eigenen Witze, wie nur 14-jährige über Witze gackern können. Das steckt an. Nur der knallblaue Sitzball mit dem Monstergesicht rollt erschrocken davon.