Wolmirstedt l Die Zeiten, in denen die Bedürftigen in Wolmirstedt einen vorgepackten Beutel in die Hand gedrückt bekamen, sind nun vorbei. Die Ausgabestelle der Tafel hat sich zum Dezember völlig verwandelt. Betrieben wird sie nach wie vor vom DRK-Kreisverband Börde in der Heinrich-Heine Straße in der Ohrestadt. Hier können die Bedürftigen einmal in der Woche erscheinen und sich bei den vielen Angeboten bedienen. Das geschieht nunmehr persönlich und quasi in einem Rundkurs an den Regalen vorbei. In jedem Bereich befindet sich ein Mitarbeiter, der den Kunden das Gewünschte nun aushändigt.

„Um das neue Konzept anwenden zu können, war ein entsprechender Umbau notwendig, den wir im Vorfeld vorgenommen haben“, erzählt Mandy Oelke vom DRK-Kreisverband. „Verwendet wurden dafür Gelder, die wir vom Tafel-Verband Deutschland für das Projekt bekommen haben.“ Die Räumlichkeiten haben sich nun in einen Bereich mit vielen Auslagen gewandelt. Vorher wurden hier Beutel über den „Ladentisch“ gereicht und es waren zwei Euro zu entrichten. Die kostet der einmalige Besuch in der Woche nach wie vor, allerdings können sich die Kunden nun freier bewegen.

Mit den Besuchern ins Gespräch kommen

„Das war der Gedanke, den wir damit verfolgt haben“, sagt Mandy Oelke. „Quasi an jeder Station steht jetzt ein Mitarbeiter und kommt mit dem Besucher in das Gespräch.“ Gerade diese Tatsache sei neu, aber auch von entscheidender Bedeutung. „Bei der Tafel können die Menschen so über ihre Probleme sprechen oder sich eben einfach über Alltägliches aussprechen“, erklärt sie weiter. „Das ist ein wichtiger Faktor, den wir nun gut mit einbeziehen können.“

In Wolmirstedt haben die Bedürftigen zudem genau die richtigen Ansprechpartner, denn viele der 20 oft ehrenamtlichen Mitarbeiter kennen die Probleme von Hartz IV-Beziehern, Rentnern und Sozialhilfeempfängern nämlich nur zu gut und können entsprechende Ratschläge geben.

Da gehört selbst die Erläuterung eines Kochrezeptes einfach mal mit dazu. „Wir haben hier viele frische Waren, die entsprechend weiter verarbeitet werden müssen“, sagt Michael Krause aus Wolmirstedt. Er ist von Anfang an mit dabei und hat den Standort durch sein Engagement mit aufgebaut. „Wenn exotische Früchte angeboten werden, dann benötigen unsere Kunden schon einmal den einen oder anderen Hinweis über die Verwendung.“ Wobei, Obst und Gemüse werden in der Ohrestadt ohnehin ohne Kosten für die Empfänger abgegeben.

Neues Konzept läuft gut

Das bestätigen auch Olga Ustinova, die seit zehn Jahren mit dabei ist und Margitta Klinke, die nur ein Jahr weniger hier präsent ist. „Das neue Konzept läuft auch sehr gut und es wird angenommen“, sagt sie. „In der Woche geben wir Waren für 100 Bedarfsgemeinschaften aus.“ So eine Gemeinschaft kann durchaus schon einmal aus sechs oder sieben Personen bestehen.

Bei der Wolmirstedter Tafel wird bördetypisch ein klares Wort gesprochen, das kommt ebenfalls gut an und so gibt es keine Missverständnisse. Die Mitarbeiter müssen außerdem psychologisch voll auf der Höhe sein. „Es gibt Schicksale, die nehmen uns nicht nur mit, wir nehmen sie auch mit nach Hause und denken oft darüber nach“, erzählt Maik Wahnschap nachdenklich. So manches Mal wird Trost zugesprochen und es gibt Lösungsvorschläge gratis. Auch rührende Momente erleben die Helfer.

„Eine 80-jährige Frau hat uns Kuchen vorbeigebracht“, berichtet Wahnschap. „Sie hatte Geburtstag und sonst niemanden, dem sie eine Freude bereiten konnte, weil sie völlig allein und zurückgezogen lebt.“ Gerade die Zahl der Armutsrentner sei enorm gestiegen. Für sie und Schwangere sowie gehandicapte Menschen erfolgt die Ausgabe freitags. Da sind sie dann unter sich und können Kontakte pflegen, denn die Tafel ist auch ein sozialer Treffpunkt. „Manche Leute trauen sich erst gar nicht, zu uns zu kommen“, sagt Margitta Klinke. „Niemand muss sich jedoch schämen oder Angst haben. Wir reden den Menschen oft gut zu.“ Sie kostet der Weg zur Tafel oft große Überwindung.

Lücken durch Arbeitslosigkeit

„Gerade in dieser Zeit bekommen wir die Auswirkungen der Erwerbsbiografien nach der Wende im Osten zu spüren“, bestätigt Mandy Oelke, die seit 15 Jahren die Tafeln im Kreis betreut. „Da gibt es lange Lücken durch Arbeitslosigkeit und entsprechend fallen die Renten aus. Das Geld reicht einfach nicht aus.“ Das neue Konzept passe daher nahezu optimal.

Die Standorte in Oschersleben und Haldensleben, die auch vom DRK-Kreisverband betreut werden, werden ähnlich aufgestellt wie in Wolmirstedt. „Allerdings werden auch entsprechende Gegebenheiten und Eigenarten vor Ort berücksichtigt“, versichert Mandy Oelke. „Erste Schritte in die Richtung sind dort bereits getan.“