Wolmirstedt l Stefanie Schneider ist erst vor ein paar Jahren in die Stadt an der Ohre gezogen. Trotzdem identifiziert sie sich auch als Neu-Wolmirstedterin mit dem Gerber. „Ich fände es äußerst schade, wenn die Figur nicht mehr aufgestellt werden oder kleiner ausfallen würde als das Original“, sagt die Volksstimme-Leserin.

Damit bezieht sie sich auf die Diskussion, die jüngst im Stadtrat zu diesem Thema geführt wurde. Die Debatte unter den Räten findet sie „total nachvollziehbar, schließlich gibt es noch andere Probleme, die gelöst werden müssen“. Dennoch, so erzählt Stefanie Schneider weiter, muss eine Stadt wie Wolmirstedt für ihre Bewohner schön und lebenswert sein. Dabei gelte die Domäne als einer der hübschesten Orte der Stadt, der bewahrt werden müsse.

Spenden sammeln

Deshalb hat sie eine Idee, wie der Gerber ungeachtet der aktuellen Meinungsbildung unter den Stadträten dennoch auf die aus dem Mittelalter stammende Burganlage zurückkehren kann. „Ich könnte mir vorstellen, dass eine Spendenaktion ins Leben gerufen wird. Ganz bestimmt sind die Wolmirstedter gern dabei, den Gerberbrunnen neu auferstehen zu lassen“, erzählt die Frau. Geld habe sie bereits dabei, am liebsten will sie sofort spenden.

Nach der Zerstörung der Figur im März dieses Jahres hatte sich der Künstler bereit erklärt, eine neue zu schaffen. Doch sind die Preise mittlerweile stark gestiegen. Die Versicherung zahlt nur den Herstellungspreis von damals 30.000 Euro. Inzwischen kostet eine neue Skulptur jedoch rund 55.000 Euro. Die Differenz könnte aus dem Stadthaushalt gestemmt werden. Eine ungeahnt höhere Gewinnausschüttung der Stadtwerke macht es möglich. Somit wandern in diesem Jahr 127.000 Euro zusätzlich ins Stadtsäckel.

Doch nicht alle Stadträte sehen die Notwendigkeit, den Gerber zu ersetzen. So berichtete die Volksstimme in ihrer Ausgabe vom 14. September, dass Fritz-Georg Meyer (CDU) während der jüngsten Ratssitzung vorschlug, dem Künstler anzutragen, dass auch ein Neuguss nicht mehr als 30.000 Euro kosten möge. Er würde dafür eine kleinere Skulptur in Kauf nehmen. Rebecca Lange (KWG Börde) ging noch einen Schritt weiter: Sie könnte sich vorstellen, dass die Stadt komplett auf den Gerber verzichtet und das Geld lieber Vereinen zugutekommen lässt. Sie meint, wenn auf der Schlossdomäne wieder eine Skulptur stehen soll, könne sich die Stadtverwaltung an eine Kunsthochschule wenden.

Entscheidung vertagt

SPD-Stadtrat Heinz Maspfuhl plädierte dagegen für einen Neuguss, damit die Skulpturen auf dem historischen Ensemble der Schlossdomäne wieder vollständig vorhanden sind. „Wir sind eine Kernstadt und besonders die Schlossdomäne ist ein Aushängeschild. Wer Wolmirstedt besucht, schaut sich zuerst die Schlossdomäne an“, hatte er gesagt.

Diese Meinung vertrat auch Eckhard Mohaupt. In einem Leserbrief hatte der Volksstimme-Leser jene Räte kritisiert, die einen Gerber nicht mehr wollen. „So wie der Schäfer als Symbol für die Geschichte dieser ehemaligen Ackerbürgerstadt steht, so ist der Gerber ein wunderbares Symbol für die industrielle Geschichte in Wolmirstedt. Sie verkörpern die besten Tugenden unserer Vorfahren im Städtchen. Sie sollen und müssen unbedingt, auch für zukünftige Generationen, ihren Platz behalten“, teilte er mit. Jeder in die Skulpturen auf der Domäne gesteckte Euro sei gut angelegtes Geld und werde weiter Früchte tragen.

Der Gerber und der Umgang mit der höheren Gewinnausschüttung der Stadtwerke war auch Thema der jüngsten Hauptausschusssitzung am Montagabend. Laut einer Beschussvorlage der Stadtverwaltung sollten die insgesamt 127.000 Euro aufgeteilt werden. 25.000 Euro würden demnach für einen Neuguss des Gerbers aufgewendet, 55.000 Euro auch in einen neuen Sonnenschutz für die Kita in der Straße der Deutschen Einheit investiert sowie 47.000 Euro für Sanierungsmaßnahmen der Sportstätte „Glück auf“ ausgegeben werden.

Neue Vorlagen formulieren

Mike Steffens von der Fraktion KWG/WWP/FDP/FUWG findet den Vorschlag gut. Dennoch schlug er vor, die Verwaltung möge die Beschlussvorlage zurücknehmen und drei neue Vorlagen formulieren, nämlich eine Vorlage für einen der drei vorgeschlagenen Posten.

Bürgermeisterin Marlies Cassuhn (parteilos), die an diesem Tag den Sitzungsvorsitz hatte, machte unterdessen auf die schwierige Kassenlage der Stadt aufmerksam. „Wir werden große Probleme bekommen, den Haushalt 2020 auszugleichen“, erklärte die Rathauschefin und schlug vor, dass die Fraktionen dieses Thema noch einmal untereinander beraten sollten.

Auch Waltraud Wolff (SPD) hat Bauchschmerzen bei diesem Thema, wie sie mitteilte. Hans-Rüdiger Lautner schlug vor, das Thema in den Dezember zu verschieben, um bis dahin mehr Einblicke in die Haushaltsplanung für das kommende Jahr zu haben. „Der Gerber sollte wiederkehren. Aber wir sollten noch einmal mit dem Künstler in Verhandlung gehen, möglicherweise wird es 4000 bis 5000 Euro billiger“, gab der Linken-Stadtrat zu bedenken. Laut Marlies Cassuhn jedoch ist das Angebot des Künstlers seriös, ein hochwertiger Bronzeguss habe nun mal seinen Preis.

Spende als Willkommensgeld

Geht es nach der AfD, sollte nicht die Stadt für den neuen Gerber aufkommen, sondern jene, die ihn zerstört haben. An ihrem Antrag von vergangener Woche, einen Teil des Geldes auch als Willkommensgeld zu verwenden, will die Fraktion laut Felix Zietmann festhalten.

Am Ende der Diskussion folgten fünf der Anwesenden Ausschussmitglieder dem Vorschlag von Mike Steffens, die bisherige Vorlage aus der Beratungsfolge zu nehmen und in drei neue Vorlagen formulieren. Zwei enthielten sich ihrer Stimme.

Volksstimme-Leserin Stefanie Schneider indes findet ihre Idee, dass Bürger für ihre Skulptur spenden können, weiterhin völlig richtig. „Vielleicht wird mit der neuen Skulptur dann besser umgegangen, weil es dann die Kunst der Bürger ist“, hofft die Wolmirstedterin. Und es müsste ja nicht unbedingt die Differenzsumme von 25.000 Euro zusammenkommen. Wenn am Ende nur ein Teil des Geldes gespendet würde, wäre weiteren zähen Diskussionen um das Für und Wider in den Ausschüssen und im Stadtrat vielleicht gänzlich die Grundlage entzogen. Nun müsste sich jedoch noch jemand finden, der die Spendenaktion für die Wolmirstedter initiiert.