Wolmirstedt l Vielleicht liegt es am Kopftuch? Gheenwa (28) und Dalia (34) sind aus Syrien gekommen und haben gerade den elfmonatigen Integrationskurs abgeschlossen. Sie sprechen Deutsch, sind fröhlich und haben Lust, mit anderen zu reden. Das ist nicht immer leicht. So wie die beiden Frauen haben viele Migrantinnen erlebt, dass ihre Grüße nicht erwidert werden, dass es Kinder gibt, die nicht mit ihren Kindern spielen dürfen. Das macht die Kinder traurig und die Eltern auch. Vielleicht liegt es am Kopftuch?

Ihre Männer, so erzählen sie, werden eher zurückgegrüßt, während sie sich beinahe unsichtbar daneben fühlen. Dabei sind die Männer Syrer wie sie selbst, werden aber womöglich anders wahrgenommen. Weil sie ihre Haare zeigen?

Keine Pflicht, aber Alltag

Mitteleuropäer sind daran gewöhnt, Menschen an Gesicht und Körperbau, aber auch an der Haarfarbe, Haarlänge, dem Haarschnitt schon von weitem zu erkennen. Bei Frauen, die ein Kopftuch tragen, sind diese Merkmale verborgen. Was wäre, wenn diese Frauen kein Kopftuch trügen?

Das kommt für Dalia und Gheenwa nicht in Frage. Es sei keine Pflicht, beteuern sie, aber das Kopftuch gehört für viele Musliminnen zum alltäglichen Erscheinungsbild. So wie für Mitteleuropäer Jacke, Hose und Pullover oder für manche das Tattoo. Die schönen schwarzen Haare zu bedecken hat religiöse Gründe. „Ich fühle mich Gott näher“, sagt Dalia. Und es gibt auch ein sehr irdisches Motiv. Frauen gelten als sehr kostbar, erzählen sie, so kostbar wie ein Diamant. Deshalb zeigen sie sich ihren Ehemännern, auch den Vätern, Brüdern, Onkel, aber niemals Fremden. „Es kann schon sein“, erzählt Dalia, „dass wir eine Hochzeit feiern und alle Frauen ohne Kopftuch kommen, weil alle Gäste zur Familie gehören.“

Frauen gelten als kostbar wie Diamanten

Das alles würden sie erzählen, wenn sie jemand fragt. „Das Fragen gehört zu unserer Kultur dazu“, ermutigen die Syrerinnen. „Naja“, relativiert Achmed, der ebenfalls aus Syrien gekommen ist, „mein Nachbar hat gefragt, warum meine Frau ein Kopftuch trägt. Ich habe ihm gesagt, es gehe ihn nichts an.“ Oha. Die Frauen tauschen Blicke. Und dann entspinnt sich eine Diskussion, ob auch die Töchter Kopftuch tragen werden.

Noch sind die Kinder von Achmed, Dalia und Gheenwa zu jung, besuchen Wolmirstedter Kindergärten, Grundschulen. Dalias Älteste, Amal, geht aufs Gymnasium.

Dalia wird die Entscheidung ihren Töchtern überlassen. Amal hat sich schon entschieden. „Ich werde kein Kopftuch tragen“, sagt die Fünftklässlerin, die ihre langen schwarzen Haare zu dicken Zöpfen flicht. Ihre kleine Schwester allerdings tendiert bisher dazu, beizeiten auch ein Kopftuch umzubinden. Sie möchte es, so wie die Mama.

Manche Töchter wählen

Gheenwa kennt da keine Kompromisse. Wird ihre Tochter 15 Jahre alt, wird sie ein Kopftuch tragen. Auch Achmed aus Syrien hätte Schwierigkeiten, wenn seine Frau plötzlich ohne Kopftuch auf die Straße gehen würde. „Ich möchte schon, dass sie eins trägt.“ Achmed aus Afghanistan hingegen fände es sehr seltsam, wenn seine Frau ein Kopftuch trüge.

Zehn, zwölf Kopftücher haben sie im Schrank, erzählen Dalia und Gheenwa, sie kaufen sie als Schals im Einkaufszentrum, passend zur Bekleidung. Damit sie ordentlich festsitzen, wird zunächst eine Art Haube aufgesetzt, die ist schwarz und nennt sich Kampta. Daran werden die bunten Tücher mit Nadeln festgesteckt.

Lehrerin fühlt mit

Dalia möchte Erzieherin werden, ein Praktikum im Kindergarten hat sie bereits absolviert. „Die Kinder haben oft gefragt, warum ich Kopftuch trage“, lacht sie. Inzwischen spricht sie so gut Deutsch, dass sie das im Detail erklären kann.

Christina Kurzhals betreut die Integrationskurse der Volkshochschule seit vier Jahren, hat selbst lange im Ausland gelebt, lehrt nun Deutsch und Politik, und oft tut es ihr im Herzen weh, wenn die Frauen sich zurückgewiesen fühlen, wenn sie davon erzählen, dass andere Eltern in der Kita die Grüße nicht erwidern. Vielleicht liegt es am Kopftuch?

Höflichkeit lässt allgemein nach

Kindergärtnerinnen erzählen, dass Höflichkeit allgemein nicht mehr so ausgeprägt gelebt wird, dass weniger gegrüßt wird, als vor ein paar Jahren üblich. Nicht jede Mutter, jeder Vater findet für nette Formeln Zeit. Das tröstet, weil es vielleicht nicht am Kopftuch liegt, aber Nettsein macht das Leben schöner. Meint auch Gheenwa, doch manchmal mag sie keinen Guten Tag mehr wünschen, wenn sie fürchtet, dass der Gruß ins Leere geht.

Dalia, Gheenwa und die anderen haben die B1-Prüfung abgelegt, die ihnen bescheinigt, sie können die deutsche Sprache selbstständig verwenden. Sie möchten sprechen, von sich erzählen, gern von Syrien, als ihr Leben dort noch heil war. Auch von ihrer Flucht aus einem Krieg, der bis heute tobt, aus einem Land, in dem Häuser zu Schutthaufen zerbombt sind, dessen Bewohner auf der Flucht sind, viele in Camps in Jordanien oder dem Libanon gestrandet sind, wo Kinder nicht zur Schule gehen, die Hoffnung und die Zukunft langsam stirbt und niemand weiß, ob eine Rückkehr in die Heimat Sicherheit bedeutet.

Gheenwa ist mit zwei Kindern und der Schwester in einem Boot nach Griechenland gefahren, war zehn Tage unterwegs. Der Mann war schon vorausgegangen, das dritte Kind wurde in Deutschlands Sicherheit geboren.

Gesehen, wie Menschen ertrinken

Auch der Syrer Achmed flüchtete in einem Boot, hat gesehen, wie Menschen im Meer ertrinken. Dalia harrte mit den drei Kindern in der Türkei aus, von Syrien waren sie dorthin gelaufen. Ihr Mann war ebenfalls vorausgegangen, konnte ihnen eine Wolmirstedter Wohnung bieten, als die Botschaft Dalia und den drei Kindern die Papiere für die Ausreise nach Deutschland übergeben hatte. Sie kamen Silvester vor gut zwei Jahren an.

Lehrerin Christina Kurzhals hofft, dass ihre Schützlinge Fuß fassen in Wolmirstedt, dass die Kinder unbefangen miteinander spielen, egal, in welchem Land sie geboren sind. „Wir sind keine Terroristen“, sagt Dalia, die natürlich auch die Berichte von solch fürchterlichen Taten kennt, vom Berliner Weihnachtsmarkt zum Beispiel. Wenn deutsche Kinder mit ihren Kindern spielen möchten und die Eltern skeptisch sind, sieht sie die Lösung ganz pragmatisch: „Dann kommen die Eltern einfach mit.“