Groß Ammensleben l Beim Termin mit der Volksstimme auf der Domäne drängen sich der Vorsitzende der Kulturhistorischen Gesellschaft, Rüdiger Pfeiffer, Historiker Wilfried Lübeck und Anwohnerin Monika Kulas um den bewussten Stein und betrachten ihn von allen Seiten. Anwohner Frank Wapenhans erzählt von der Auffindesituation. „Ende des zurückliegenden Jahres hatten wir hier einen Kabelbrand und dann kamen Mitarbeiter der Avacon, um die Havarie zu beheben“, beschreibt er. „Der Anschluss wurde neu gemacht und dabei musste auch der Boden ausgeschachtet werden.“

Bei der Gelegenheit bewegten die Arbeiter auch einen großen flachen Stein, der bislang im Pflaster lag. Als dieser umgedreht wurde, erfassten die scharfen Augen von Wapenhans Schriftzüge. „Der Stein musste also irgend einen Wert haben“, sagt er. „Also habe ich ihn erst einmal gesichert.“ Später hat er sich an die Arbeit gemacht und Dreck und Erde entfernt. Dabei wurde eine lateinische Inschrift sichtbar.

Wapenhans informierte Eigentümerin Monika Kulas und diese wiederum meldete sich bei der Kulturhistorischen Gesellschaft. Die Tafel mit der Inschrift lockte die Historiker sofort an. Inzwischen hat Rüdiger Pfeiffer auch einen ersten Lösungsvorschlag für den Text gemacht. „Es ist die Rede vom Abt Beda Litze, der bekanntlich von 1780 bis 1795 im Amt war“, sagt Pfeiffer. „In der ersten Zeile sind verkürzte Formulierungen verwendet worden.“

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Seiner Ansicht nach wäre der lateinische Text folgendermaßen zu komplettieren: „Sub regimine monasterii Domino Beda Abbate erecta sum.“ Auf deutsch könnte sich also die Inschrift ergeben: „Unter der Leitung des Klosters von Herrn Abt Beda errichtet“.

Ende eines Bauvorhabens?

Somit kündet die Inschrift von der Vollendung eines Bauvorhabens auf dem Gelände der Klosterdomäne. Offen bleibt allerdings erst einmal, um welches Vorhaben es sich dabei handeln könnte. Der Fundort an der Domäne 1 könnte wohl Hinweise liefern. Allerdings sei es auch möglich, dass der Stein später erst dorthin gelangt ist.

Die ganze Sache hat auch Monika Kulas in den Bann gezogen. Sie wohnt seit 14 Jahren in Groß Ammensleben und hat seinerzeit einen Teil der noch stehenden Grundstücke erworben. „Ich habe im Laufe der Jahre eine ganz besondere Beziehung zu den Bauwerken und ihrer Geschichte entwickelt“, sagt sie. Sie hat zudem viel zeit und Geld in die Sanierung gesteckt. Fasziniert war sie von Beginn an von den Möglichkeiten und dem Ambiente.

Fund begeistert

„So ein Fund direkt vor der Haustür begeistert uns hier natürlich alle“, sagt sie. Sie präsentiert zudem alte Lagepläne und verweist darauf, dass sich direkt vor ihrer Haustür einst der kleine Lustgarten der Mönche befunden hat – so ist es jedenfalls verzeichnet. Einen großen Lustgarten gab es zusätzlich auf der Domäne. „Das ist schon ungewöhnlich, dass ein Kloster darüber verfügt hat“, befindet Rüdiger Pfeiffer, während Wilfried Lübeck über die Nutzung der Bereiche aufklärt. „In dem Fall ist die Benennung für uns in der heutigen Zeit etwas irreführend“, erzählt er. „Die Mönche haben sich in jene Bereiche zurückgezogen, um Predigten vorzubereiten, über Gott und die Welt nachzudenken oder einfach Gespräche miteinander zu führen.“ Einen gesonderten Kräutergarten betreuten sie übrigens außerdem noch. Lübeck finde es bedauerlich, dass über die Jahrhunderte gut 50 Prozent der alten Domänengebäude abgerissen worden sind.

„Es ist schade, dass nur wenige Aufnahmen existieren, die von der einstigen Pracht künden“, sagt er. „Aus der Zeit des Abtes Beda gibt es ja leider keine Fotografien.“

Für Rüdiger Pfeiffer ist durchaus vorstellbar, dass die Platte, die einst eingemauert war, einmal am Eingang des Lustgartens zu sehen war. „Das auf der Tafel verwendete Motiv ist eher nicht typisch geistlich“, befindet er. „Die in Stein dargestellte Aufhängung deutet eher auf weltliche Dinge hin.“

Wilfried Lübeck weiß über die Bautätigkeit zu Zeiten des bewussten Abtes zu berichten. „Dazu muss man wissen, dass Bauvorhaben durchaus vor der Amtszeit eines Abtes begonnen wurden. Sobald sie dann zum Abschluss kamen, war die in dem speziellen Fall vorgefundene Dokumentierung üblich“, beschreibt er. Die Umsetzung der vielen Projekte hatte zudem ihren Preis. Vom Abt Beda ist bekannt, dass er einen für die Zeit unglaublichen Schuldenberg hinterlassen hat. Das waren 156.000 Taler – ein unfassbare Summe. Seine Bautätigkeit ist auch auf der sanierten Kartusche im Schäfertor dokumentiert. Dieses soll in einem Projekt wieder begehbar und mit dem Rad befahrbar gemacht werden. Finanziert wird dies über Spendengelder und Leadermittel. Die Zusage ist schon erfolgt.