Historisches

Wie die Kartoffel in die Region kam

Für die Einen ist es historische Tatsache, für Andere eine unbelegbare Anekdote: Die Einführung der Kartoffel im 18. Jahrhundert auf deutschen Boden durch Friedrich den Großen. Ob der Preußenkönig tatsächlich die treibende Kraft und warum die Region an der Ohre ein wichtiges Revier für das neuartige Gemüse war, legen aktuelle Recherchen des Historikers Wilfried Lübeck offen.

Von Sebastian Pötzsch
Auf ausgedehnten Inspektionsreisen prüfte Friedrich II. immer wieder persönlich die Durchführung des Kartoffelanbaus als Grundnahrungsmittel der Bevölkerung, hier in Begleitung seines Flügeladjutanten und in Anwesenheit des Gutsinspektors. Gemälde von Günter Dorn aus "Friedrich der Große und sein Friedenswerk".
Auf ausgedehnten Inspektionsreisen prüfte Friedrich II. immer wieder persönlich die Durchführung des Kartoffelanbaus als Grundnahrungsmittel der Bevölkerung, hier in Begleitung seines Flügeladjutanten und in Anwesenheit des Gutsinspektors. Gemälde von Günter Dorn aus "Friedrich der Große und sein Friedenswerk". Repro: Sebastian Pötzsch

Groß Ammensleben - „Bereits um das Jahr 1580 hatten die Spanier in Peru die Kartoffel entdeckt, die den Einheimischen als Nahrungsmittel dienten“, beginnt Wilfried Lübeck aus Groß Ammensleben zu berichten. Vier Jahre später kam das Gemüse in die Niederlande und von dort als „Tartufolo“ nach Spanien und Italien. Beim Anblick der schrumpeligen Knolle dachten die Südländer nämlich an die Trüffel und gaben der Erdfrucht diesen Namen.

Richtig bekannt machte die Erdfrucht aber erst Friedrich II. Noch heute legen Besucher von ‚Schloss Sanssouci‘ am Grabe des Preußenkönigs Kartoffeln ab“

Historiker Wilfried Lübeck.

Auch am königlichen Hofe von Ludwig XIV. in Frankreich habe die Kartoffel zunächst nur als exotische Zierpflanze gedient. Im Jahr 1738 kam das Gemüse bereits mit den protestantischen Pfälzern nach Preußen. Die Kolonisten bauten die Kartoffel als Nahrungsquelle an.

„Richtig bekannt machte die Kartoffel aber erst Friedrich II. Noch heute legen Besucher von ‚Schloss Sanssouci‘ am Grabe des Preußenkönigs Kartoffeln ab“, berichtet Wilfried Lübeck. So habe Friedrich auch über kleine Strafen den Massenanbau der Kartoffel durchgesetzt. Zu dieser Zeit soll von Soldaten folgender Satz geboren worden sein: „Wie die Verpflegung, so die Bewegung.“

„Der König, der vielseitige Preuße, der sein Land durch viele Kriege zur europäischen Großmacht führte, wusste, dass ein Volk, das hungert, schlecht kämpft und Opfer bringt“, sagt Wilfried Lübeck. Am 18. Juli 1748 - es herrschte gerade Frieden - hat Friedrich von Berlin aus an die Landräte von Gardelegen, Haldensleben und Wolmirstedt geschrieben: „Nachdem wir bey unserer allerhöchsten Anwesenheit in Pommern das Pflanzen der Tartuffeln mit sehr gutem Nutzen eingeführt haben, muss besonders in den Orten, wo das Terrain besonders inparat (geeignet) ist, auf deren Cultur mit Fleiß geschehe und Hand ans Werk gelegt werden. Ihr habt also unsere allerhöchster Willensmeinung zu folgen, den Bau der Tartuffeln Euch bestens angelegen sein zu lassen und die Unterthanen gleichfalls dazu anzuhalten und ihnen den tarauf zu hoffenden Nutzen recht begreiflich zu machen. Ihr habt all diese bestens und mit Fleiß im Monat September zu berichten, in welchen Orten und wieviel Scheffel Taruffel gebauet.“

Der König befahl also schlicht den Anbau der Kartoffel in besonders geeigneten Regionen seines Herrschaftsgebietes. Außerdem sollte über den Erfolg berichtet werden. Ein Scheffel entsprach dabei etwa heutigen 25 Kilogramm.

Im September sei tatsächlich ein Bericht der Landräte über die damalige Kriegs- und Domänenkammer zu Magdeburg an seine Majestät gegangen. „Allerdings hatten sie nur Sorgenvolles zu berichten“, erzählt der Historiker. Denn Bauern und Gartenbesitzer wussten nichts über den Anbau der Kartoffel. Sie hätten Pflanzkartoffeln erhalten und reingebissen, gekaut und wieder ausgespuckt. Viele hätten die Reste erbrochen und seien sogar erkrankt. „Auch die Hunde wollten sie nicht. Andere warfen die Kartoffeln in ein Loch, wo sie verfaulten, andere dachten, sie würden wachsen wie Apfelbäume. Einige aßen die grünen Knollen und starben“, berichtet der Groß Ammensleber weiter.

Ich befehle Euch hierdurch in Gnade diesen Platz, wenn er zu nichts anderes gebraucht werden kann und niemand dadurch geringsten Schaden geschieht zum Anbau auswählen zu lassen.“

König Friedrich II.

Die Landräte und die Beamten der Kammer schrieben am 18. November 1748 an den König: „Haben zugleich königliche Beamte aus Letzlingen und Colbitz einen Platz zur Verfügung zu stellen beordert. Es gab aber keinen, der einen Platz dazustellte. Also hat sich eine große Fläche in der Heide gefunden bei Solchau von mehr als 200 Morgen. Es gehört zu Eurer königlichen Majestät Forsten und auch Niemand zur Nutzung dafür eine Contraktion (Vertrag, Anmerkung der Redaktion) hat.

Hierzu merkt Wilfried Lübeck an, dass der Ort Solchau seit 1935 durch den Ausbau der Heersversuchsanstalt wüst wurde. Außerdem war das ehemalige Erzbistum Magdeburg unter Friedrich II. ein Herzogtum und habe 32 Forstämter besessen. „Colbitz war mit 23036 Morgen - das entspricht rund 5800 Hektar - das größte.“ Der Oberforstmeister von Colbitz habe die Oberaufsicht über drei weitere Forstämter gehabt. „Allerdings hatte der König keine Zuneigung zur Jagd.“

Doch zurück zur Kartoffel: Eine Antwort des Königs auf das Scheiben der Domänenkammer ließ nämlich nicht lange auf sich warten: „Ich befehle Euch hierdurch in Gnade diesen Platz, wenn er zu nichts anderes gebraucht werden kann und niemand dadurch geringsten Schaden geschieht zum Anbau auswählen zu lassen.“

Damit war das sogenannte „Kartoffelinformationsfeld“, also ein Versuchsfeld zum Anbau der Erdfrucht, eröffnet. Ein Pfälzer Bürger habe mit seiner Erfahrung unterstützt. Soldaten aus Haldensleben, Wolmirstedt und Gardelegen sollen Wache gehalten haben.

Bauern der Region erhielten Informationsblätter zum Kartoffelanbau. „Die Kriegs- und Domänenkammer zu Magdeburg gab für die Frauen sogar Kochrezepte mit. So könne man 'beim Brotbacken auch Bratkartoffel mit Erbsbrei, Gemüse und Fleisch mit braten. Auch kalte, gekochte Kartoffel mit Salz sind durchaus herzhaft. Auch das Vieh nimmt es gern zu Gebrauch"', zitiert Wilfried Lübeck.

„Die Aktion ‚Kartoffel‘ brachte die Monarchen Europas zum Kopfschütteln“, berichtet der Historiker weiter und fügt an: „Als aber 1770/1771 in Mitteleuropa eine Hungersnot durch Missernten ausbrach und Tauende starben, war mit Friedrich der ‚Volksheld‘ geboren.“ Übrigens: Eine Biografie über den Preußenkönig erschien in der DDR erst im Jahr 1980. „Darin wird er unter anderem als aufgeklärter Konservativer bezeichnet“, schließt Wilfried Lübeck seine Ausführungen.