Wolmirstedt l Peter Lantos ist 79 Jahre alt und in London zu Hause. Dort hat er als Professor für Neurowissenschaften sein Berufsleben verbracht. Nun hält er die Erinnerung an die Zeit des Zweiten Weltkriegs, an die Konzentrationslager, wach. „Die Überlebenden haben eine moralische Verantwortung, den Jüngeren davon zu erzählen. Wir sind die letzte Generation, die Konzentrationslager erlebt hat. Wir sind die letzten Augenzeugen.“ Peter Lantos hat seine Erfahrungen in einem Buch festgehalten, es heißt „Von Ungarn nach Bergen-Belsen und zurück. Eine Zeitreise“.

Die junge Generation erreichte er in Wolmirstedt im Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasium. Am Vormittag lauschten Schülerinnen und Schüler, Peter Lantos sprach frei und auf Englisch, berichtete, wie seine Familie aus Ungarn deportiert wurde, wie sie die Zeit im Konzentrationslager und danach erlebt hat.

Rührende Veranstaltungen

Am Abend waren alle Bürger in die Aula eingeladen. Da lasen Schülerinnen und Schüler die deutsche Übersetzungen seines Buches. Berührt haben beide Veranstaltungen. „Wir haben über die Geschichte bereits im Unterricht geredet“, sagt die 17-jährige Luise Wolff, „man kann es sowieso nie ganz nachempfinden. Aber es ist noch einmal etwas anderes, wenn jemand darüber spricht, der das selbst erlebt hat. Zeitzeugen machen Geschichte erlebbar.“

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Die Veranstaltung wurde vom Verein „Gestrandeter Zug“ organisiert. Die Mitstreiter um Geschichtslehrerin Karin Petersen und Museumsleiterin Anette Pilz arbeiten daran, dass die Ereignisse nicht vergessen werden, wollen zum 75. Jahrestag im kommenden Jahr einen Gedenkstein an den Gleisen in Farsleben aufstellen.

Jugendliche nehmen sich der Geschichte an

Die Farsleberin Rosemarie Böhnke gehört zum Verein und verfolgte die Abendveranstaltung sehr aufmerksam. „Es berührt mich sehr, was Menschen erleiden mussten und wie sie trotzdem ihr Leben meistern.“ Ihr gefällt vor allem, dass sich auch Jugendliche innerhalb einer Projektgruppe dieser Geschichte angenommen haben. „Ich hoffe sehr, dass sie das Thema verinnerlichen.“ Das helfe gegen das Vergessen, denn: „Je länger ein Ereignis zurückliegt, umso unwirklicher wird es.“

Bei Schülerinnen wie Luise Wolff fällt dieses Ansinnen auf fruchtbaren Boden. „Ich empfinde es als Pflicht einer Schule, die sich in diesem Umkreis befindet, diesen Teil der Geschichte lebendig zu halten.“

Rund 2500 Juden im Zug

Peter Lantos und seine Mutter Ilona saßen im April 1945 mit etwa 2500 anderen Juden im Zug, der in Farsleben strandete, einem Räumungstransport. Sie sollten vom Konzentrationslager Bergen-Belsen ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht werden. Peter Lantos war fünf Jahre alt, sein Vater bereits im März in Theresienstadt gestorben. Der Zug stoppte in Farsleben, die weitere Geschichte ist so überliefert: Der Heizer habe die Lok abgekoppelt, die fuhr weiter, die Waggons blieben stehen. Irgendwann hätten die Menschen die amerikanischen Panzer gesehen und sich vorsichtig aus dem Zug getraut.

Viele Zuginsassen waren stark ausgehungert, einige an Typhus erkrankt. Das Pfarrhaus, das Gemeindehaus und Webers Hof wurde zum Lazarett umfunktioniert, auch in Hillersleben wurde eine Krankenstation eingerichtet. Viele Bewohner kümmerten sich um die schwerkranken Menschen.

Typhos brachte den Tod

Einigen brachte der Typhus den Tod. In Farsleben sind 32 Menschen begraben. Auch in Hillersleben haben viele Zuginsassen ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Peter Lantos und seine Mutter blieben in Hillersleben, bis sie im Spätsommer 1945 in ihre ungarische Heimat zurückkehrten. Dort wird der Familienbetrieb enteignet, Peter Lantos verließ Ungarn, lebt seit 1968 in Großbritannien, begann dort seine wissenschaftliche Karriere. Er versteht Deutsch, er hat einige Zeit an der Martin-Luther-Universität in Halle verbracht.

Zum Jubiläum wiederkommen

Die Tage in Wolmirstedt nutze er auch für einen Abstecher nach Hillersleben und Farsleben. Bei seinem Aufenthalt in Wolmirstedt habe er sich sehr wohlgefühlt, sagt er im Volksstimme-Gespräch, im kommenden Jahr zum Jubiläum am 13. April 2020 werde er wiederkommen.

Auf die Frage, was er sich von der jungen Generation wünsche, verliert er sein Lächeln, wird deutlich: „Ich wünsche nicht, ich erwarte, dass die Jugendlichen aus dieser Geschichte für die Zukunft lernen.“