Zerbst l „Da werden fertig verpackte Heizkessel vom Typ GK 21 vom ehemaligen Aluminiumguß- und Heizkesselwerk Zerbst in den Handel gebracht“, erläutert Harald Meibusch. Die Tagesproduktion habe damals bei 50 Heizkesseln gelegen, die alle zwei bis drei Tage abgeholt wurden, weiß es der Zerbster genau. „Ich habe bis 1989 als Gießereiingenieur gearbeitet“, verrät er und ergänzt, dass das Anschlussgleis ebenfalls die Wema bedient hat.

„Meist wurde nachts und abends geschoben, am Tage wenig“, sagt Sieglinde Kelsch. Und auch Doris Wenzel kann sich gut an diesen Blick in die Karl-Marx-Straße erinnern. „Wir sind da immer spazieren gegangen“, erklärt sie. „Mein Vater war bei der Bahn beschäftigt und ich denke, er hat mich mal mit dem Rad mitgenommen“, kommt Gabriele Sanetra das Motiv ebenfalls vertraut vor.

„Das Gleis führte in den fünfziger und sechziger Jahren weiter über die Bahnhofstraße und die Kloßstraße bis in die Dessauer Straße“, schildert Jürgen Schmidt. „Rangiert wurde mit dem ,Dackel‘. So nannten wir Kinder die runde Lok.“ Zwei bis drei Waggons habe diese gezogen. „Wir haben uns öfter den Spaß gemacht und Pfennige auf die Gleise gelegt und geschaut, wie sie platt gefahren wurden“, blickt er schmunzelnd zurück.

Bilder

„Das war von 1957 bis 1967 mein Schulweg“, sagt Brunhild Czech. Auch sie erzählt vom „kleinen Dackel“, bei dem sie als Kinder aufs Trittbrett geklettert und mitgefahren sind. „Das haben wir nicht so kriminell gesehen“, erklärt Horst Welauer. Jahrelang hat der Eisenbahner den Güterzug rangiert und saß als Lokführer im „Dackel“. „Wir haben in Schichten von 6 bis 14 und 14 bis 22 Uhr gearbeitet“, erzählt er. „Eine ältere Dame ist die Lok auch mal gefahren“, entsinnt sich Brunhild Czech.

Pfennige auf Gleise

„Wir haben uns öfter mal den Spaß gemacht und Pfennige auf die Gleise gelegt.“

Jürgen Schmidt, Zerbst

„Das Gleis ging hinter den Gärten lang“, sagt Dieter Leps. Er ruft aus Genthin an, ist aber gebürtiger Zerbster und als solcher wohnte er früher in der Bahnhofstraße. „Die Aufnahme habe ich sofort erkannt“, reiht er sich in die vielen Anrufer ein, die das gesuchte Motiv korrekt einordnen.

Zu ihnen gehört Peter Hartwig. „1956 habe ich als Lehrling bei der Bahn die Karl-Marx-Straße gesichert, wenn Züge drüber rollten.“ Er berichtet, dass zunächst eine Kleinlok, besagter „Dackel“, die mit Drehmaschinen und anderen Fertigprodukten beladenen Waggons zog, später handelte es sich um eine Rangierlok der Baureihe 106. „106 661-2“, sagt Hans-Hermann Holländer, der die Schwarz-weiß-Aufnahme zur Verfügung stellte.

Waren des täglichen Bedarfs wurden ebenfalls auf der Eisenbahn-Nebenlinie befördert, erzählt Jürgen Schmidt von der belieferten Großhandelsgesellschaft in der Dessauer Straße – am Ende des Schienenstranges, wo sich vor 1945 die Firma Franz Braun und später die Ausbildungsstätte der Wema befand. Mit der Erweiterung der Wema an ihrem Haupt-standort sei die Strecke eingestellt worden, bemerkt er.

„Im Hintergrund sind die Silos des alten Maiswerkes zu sehen“, weist nicht nur Wolfgang Dompke auf dieses markante Detail hin. „Ich musste jahrelang über die Jannowitzbrücke, ich konnte jedes Schlagloch umfahren“, ergänzt er. „Bei Regen stand immer sehr viel Wasser auf der Straße, da schwamm man weg“, erklärt Klaus Göring aus Leitzkau.

„Auf dem Maissilo habe ich mal gearbeitet“, erinnert sich indes Harald Neupert. Recht abenteuerlich sei das gewesen, erzählt er vom Löten der Dachrinne. Zur Sicherung „habe ich mich mit einem Strick festgemacht.“

„In den siebziger Jahren habe ich in der Wema gelernt“, erläutert Helga Reinald, was sie mit dem inzwischen historischen Foto verbindet. Auch ihr Mann sei fast 30 Jahre in der Werkzeugmaschinenfabrik beschäftigt gewesen, fügt sie an. „Als Schüler haben wir in der Wema ein Praktikum absolviert“, sagt Lothar Platte aus Schora. Er hat noch die harten Bedingungen in der Gießerei vor Augen, in der den Beschäftigten einiges abverlangt wurde.

„Das ist ein schönes Foto“, freut sich Yvonne Peltzer. „Ich wohne in dem Haus links“, bezieht sie sich auf das Fachwerkgebäude.

Unterdessen kann Günter Schuckert etwas zu dem kleineren Haus davor sagen. „Der Güterzug fährt an meinem ehemaligen Eigentum vorbei“, beginnt er die Geschichte der einstigen Thermometerfabrik, die der Thüringer Günther Schmidt in Zerbst aufgebaut hat. „Vor dem Krieg ist sie allerdings bankrott gegangen, weil ein Kunde aus einem arabischen Land die Rechnung nicht bezahlt hat“, berichtet Schuckert. Während des Luftangriffs im April 1945 wurde das Fabrikgebäude zerstört genau wie das Wohnhaus, das man jedoch wieder aufbaute. „Ich habe den Lageplan vom 3. April 1946 vor mir liegen“, erzählt er, dass die Karl-Marx-Straße früher Leopoldstraße hieß. „Die Schienen gingen in die Wilhelmstraße hinein“, bemerkt Günter Schuckert.

Die Gleise sind längst verschwunden. Das gilt ebenfalls für die Jannowitzbrücke, die auf dem Foto von 1984 zu erkennen ist. Das holprige Kopfsteinpflaster ist derweil noch immer vorhanden.

Auch Andreas Indenbirken, Detlef Teßmann, Helmut Lehmann und Annemarie Gründer aus Zerbst sowie Helmut Morbach aus Güterglück wissen die richtige Antwort. Zu guter Letzt beteiligt sich Gisela Thiem aus dem Ankuhn am Lösen des wöchentlichen Rätsels. „Ich sammle alle Bilder“, verrät die Zerbsterin, dass sie dies für ihre Kinder und Enkel tut.

Unter allen Anrufern ist dieses Mal ein Regenschirm verlost worden. Diesen kann sich Harald Meibusch ab Montag in der Lokalredaktion auf der Alten Brücke abholen.