Zerbst l „70 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges war es mein Wunsch, jenen Ort wiederzusehen, an dem sich der größte Zusammenbruch meines Lebens ereignete“, sagt Heinz Lischke, ehemaliger Pfarrer in Zerbst. „Es ist der kleine Ort Gallneukirchen in Oberösterreich bei Linz.“

Mit 17 hatte sich der Breslauer freiwillig für den Wehrdienst verpflichtet. „Alle Freiwilligen trugen damals ein roten Abzeichen auf der Schulter. Darauf waren wir stolz“, erinnert er sich. „Wir waren begeistert. Krieg, das war für uns ein Abenteuer“, sagt er. „Dresden, Bombenangriffe, Auschwitz – das kannten wir alles noch nicht“, schiebt er ein. „Was diese islamistischen Selbstmörder sind, wissen wir. Wir können nicht begreifen, dass die sich freiwillig melden, um sich in die Luft zu jagen. So fanatisch waren wir auch. Für Hitler, für die Idee.“ Das könne nur jemand nachvollziehen, der dabei gewesen sei. Irrglaube, Wahnidee nennt er es heute.

„In diesem Wahn, sich für etwas Großes einsetzen zu müssen, das eigene Leben einsetzen zu müssen, sind wir jungen Bengels damals auch gewesen. In großer Zahl.“ Die meisten haben sich damals freiwillig gemeldet, sagt er. „Für uns war der Zusammenbruch besonders schwer“, sagt er heute. Es war ein totaler Zusammenbruch.

Flucht zum Amerikaner

Beim Brückenkopf in der Nähe des österreichischen Krems hatte Lischkes SS-Regiment Stellung bezogen. Bis zum Tag der Kapitulation hielten sie diese. „In der Nacht nach der Kapitulation sind wir über die Donau in Richtung Westen geflüchtet und wurden vom Amerikaner gefangen genommen." Dort hofften sie auf bessere Bedingungen als bei den Russen.

Dort, wo er in Gefangenschaft geriet, hatten die Amerikaner gerade ein Konzentrationslager befreit. „Sie hatten das Grauenhafte gesehen, was den Menschen angetan wurde. Uns haben sie dafür bestrafen wollen. Obwohl wir von der Front kamen und damit nichts zu tun hatten.“ Drei Tage lang durstete er in der Hitze des Lagers und fror in den kalten Gebirgsnächten. Gallneukirchner Diakonissen versuchten, Wasser in das Lager zu bringen. „Das gelang ihnen nicht immer“, sagt er. Weil er gegen die Russen gekämpft hatte, wurde er später dorthin ausgetauscht, wo er fünf Jahre in Gefangenschaft verbringen musste.

Total verändert

„Gallneukirchen hat mich total verändert“, sagt Lischke heute. Zumindest habe alles hier begonnen. Der Prozess habe sich dann in der russischen Gefangenschaft fort- und später festgesetzt. „Ich fand zu Gott. Sie hatten noch in Antifa-Lehrgängen versucht, mich zum Kommunisten zu machen, aber das scheiterte, weil ich meinen Glauben schon gefunden hatte.“

Für ihn seien die Jahre hinter Stacheldraht keine verlorenen gewesen. „Sie haben mich zu einer Umkehr meiner bisherigen Lebens- und Weltanschauung geführt, ich habe in Gallneukirchen meinen Herrn und Heiland Jesus Christus gefunden.“

Heinz-Lischke-Straße in Gallneukirchen

Mit Hilfe seiner Kinder besucht der 88-Jährige den Ort so oft es geht. Dort traf er sich dieses Mal auch mit dem Ehepaar Böck. Der ehemalige Bürgermeister Walter Böck und der Gallneukirchner Gemeinderat hatten 2008 beschlossen, eine Straße nach ihm zu benennen.

Lischke habe sich um die Aufarbeitung um das Gefangenenlager verdient gemacht, dass ebenso wie das KZ bei Mauthausen dort als große Katastrophe angesehen wird, der in jedem Jahr gedacht werde. Die Straße liegt neben jener, die Lischke im Mai 1945 in Richtung des Lagers beschreiten musste. Dort, wo junge Männer beim Fluchtversuch erschossen wurden. Und dort, wo für Lischke das zweite Leben seinen Anfang nahm.