Lindau/Zerbst/Möckern/Jeber-Bergfrieden l Das liebliche Rotkäppchen und der böse Wolf. Das Märchen der Brüder Grimm, das für romantisierende Heimatverbundenheit und ein tiefverwurzeltes Klischee vom Menschen fressenden Raubtier steht, ist eng mit dem Fläming verbunden. Der Wolf ist heute wieder da. Und für das Rotkäppchen, das seine Großmutter im Wald besuchen wollte, fanden die wohl bekanntesten deutschen Märchensammler einst hier die Bekleidung samt roter Kappe. Die Tracht hatten flämische Einwanderer vor gut 850 Jahren von der Nordseeküste in die hügelige und wasserreiche Waldregion mitgebracht und ihr gleich noch den Namen mitgeliefert: Fläming.

Vor zehn Jahren wurde der Naturpark Fläming für Sachsen-Anhalt aus der Taufe gehoben. Als kleinerer und jüngerer Bruder des im Brandenburgischen angelegten gleichartigen Schutzgebietes Hoher Fläming.

Als Teil des südlichen Landrückens entstand die wald- und wasserreiche Landschaft während der Eiszeit vor 130 000 bis 300 000 Jahren. Sie ist geprägt von Höhenzügen bis knapp 200 Metern, Tälern, Quellen und einem feingliedrigen Netz aus Bächen, Gräben und Flüsschen wie der Nuthe, der Ehle oder der Rossel, die das Flämingwasser zur Elbe führen.

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Am Anfang stand Albrecht der Bär

Der Fläming steht für eine spannende Geschichte über fast neun Jahrhunderte: Slawen, Deutsche, Polen lebten miteinander und bekriegten sich, Albrecht der Bär legte den Grundstein für die Erweiterung des Deutschen Reiches über die Elbe bis nach Brandenburg. Ein Netz von Burgen durchzieht den Fläming. Im waldreichen Gebiet bei Bärenthoren liegt die Wiege für die nachhaltige Bewirtschaftung des deutschen Dauerwaldes.

Der Fläming kann viele Geschichten erzählen. Das jetzt vom Naturpark-Verein mit Sitz in Jeber-Bergfrieden aufgelegte Wanderwegekonzept soll dazu beitragen, den Fläming als naturbelassene Kulturlandschaft für Besucher zu erschließen. Mit Bewegung, auf Schusters Rappen.

„Es war schon lange klar, dass wir ein solches Konzept auf den Weg bringen wollen“, erklärte Elke-Andrea Ciciewski, Geschäftsführerin des Naturpark-Vereins. Der 112. Deutsche Wandertag im Jahr 2012 hat den Fläming in den Fokus der Wanderer-Gemeinde gerückt. Das sollte genutzt werden. Mit Beginn der neuen EU-Förderperiode für die Entwicklung ländlicher Regionen musste das Konzept vorliegen. Nur so war sicherzustellen, dass dringend benötigtes Geld für die Umsetzung von 34 Wanderwegen, die das Konzept beinhaltet, auch beantragt und eingeworben werden kann.

Für die Erarbeitung des Konzeptes fand der Naturpark-Verein in der Investitionsbank Sachsen-Anhalts (IB) einen wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Partner. Mit rund 20 000 Euro von der IB war die Basis gelegt, das Konzept zu erarbeiten.

Besucher erwarten Qualität

Besucher, die wandern wollen, erwarten eine hochwertige Infrastruktur, gute Orientierung und gut ausgeschilderte und anlegte Wege. Zwei Gruppen sind es vor allem: Einheimische, die ihre nähere Umgebung mit Bewegung erkunden wollen, und in die Region reisende Touristen.

„Das Wörlitzer Gartenreich, Wittenberg und Dessau sind Besuchermagneten. Die Menschen kommen nicht des Flämings wegen“, konstatiert Elke-Andrea Ciciewski. „Wir müssen die Menschen dort abholen, um sie für uns zu gewinnen“, ist sie sicher. Auch aus der anderen Richtung, dem Hohen Fläming, hat sie bisher wenig Durchlässigkeit wahrgenommen. „Aus dem Berliner Raum kommen viele Touristen in den Hohen Fläming, aber an der Grenze nach Sachsen-Anhalt ist Schluss. Da fährt kaum jemand weiter mit dem Zug nach Jeber-Bergfrieden oder so.“ Ein ebenso interessantes Potenzial, das wartet, gehoben zu werden, findet sie.

Das Konzept soll ein wichtiger Baustein dazu sein. Auch eine Verquickung mit dem Radwandern soll neue Chancen eröffnen. Der Fläming-Radwanderweg führt durch das Zerbster Gebiet. Der Elbaradweg ist nicht weit. Auch der Europa-Fernwanderweg E 11 stößt bei Coswig in das Fläming-Gebiet.

Mit einem Rundwanderweg um die Burg in Lindau hat der Naturpark-Verein Anfang Dezember sein erstes Projekt umgesetzt. „Wir haben uns für ein solch kleineres Projekt entschieden, weil es leistbar war und weil wir auch lernen wollten, was wir zu erfüllen haben, wenn wir solche Weg anlegen wollen“, erläuterte Elke-Andrea Ciciewski.

1000 Euro je Kilometer

Neben Konzeptionellen stehen Finanzen stets oben an: Auf rund 1000 Euro je Kilometer Wanderweg werden die Kosten geschätzt. Dazu gehören zum Beispiel Genehmigungen, Anlage, Infotafeln und einheitliche Ausschilderung des Weges. Mit dem Kreis Anhalt-Bitterfeld, der anbot, kleinere Projekte zu fördern, der Stadt Zerbst, die Unterstützung über die Tourismusschiene signalisierte, und Unterstützung aus Lindau selbst, von Ortsbürgermeister Helmut Seidler und dem Heimatverein, war das Projekt stemmbar, schätzt die Geschäftsführerin ein. Partner war auch die hiesige Beschäftigungsgesellschaft.

„Jetzt wissen wir, was wir beim nächsten Weg besser machen“, sagt Elke-Andrea Ciciewski. Die Zeit, ein solches Projekt umzusetzen, sei viel zu eng bemessen gewesen. Enorm aufwendig war zum Beispiel, herauszubekommen, wer die Landeigentümer waren, über die der Weg führen sollte. Sie mussten ebenso um Einwilligung gefragt werden wie etwa Straßenträger und alle Versorgungsträger. Genauestens hätte geprüft werden müssen, ob der Aufbau einer geplanten Weg-Beschilderung nicht etwa Wasser-, Gas- oder Stromleitungen beinträchtigen oder gar beschädigen könnte. „Wir mussten genaueste Karten samt Flurkarten vorlegen. Das dauert“, erläutert Ciciewski. „Jetzt wissen wir das.“ Für das und die nächsten Projekte. Entstehen soll etwa als nächstes ein Wanderweg rund um Jeber-Bergfrieden. Er soll den bestehenden Naturlehrpfad ergänzen.

34 Wanderwege

34 Wanderwege in den Regionen Zerbst, Möckern, Coswig, Wittenberg und Zahna-Elster umfasst das Konzept. Sie sind nach Prioritäten eingestuft. Die Wege der 1. Priorität sollen in den nächsten drei Jahren angelegt werden. Drei bis fünf Jahre sind für Passagen der Kategorie 2 anvisiert.

Kategorie 3 würde sich anschließen, mit einem angestrebten Endpunkt der Umsetzung nach fünf bis sechs Jahren.

Die Wanderwege sind mit einer Gesamtlänge von 428 Kilometern im Plan gelistet. 15 Wege mit knapp 203 Kilometern sollen laut Konzept in den nächsten drei Jahren realisiert werden.

15 weitere Routen in der Kategorie 2 mit 172 Kilometern Länge folgen. Den Abschluss bilden vier Wege mit 53 Kilometern in der Kategorie 3.

Anträge bis 1. März 2016

Derzeit bereitet der Naturpark seine Projektanträge vor, die über das Leader-Programm in der neuen Förderperiode angegangen werden sollen. Sie müssen bis 1. März vorliegen. Das neue Leader-Management, das derzeit ausgeschrieben ist und erst im Januar oder Februar in die Arbeit einsteigt, muss dann die Projekte dürfen. Elke-Andrea Ciciewski setzt daher vor allem auf eine neue Zusammenarbeit mit den Kommunen im Fläming.

„Wir orientieren, dass wir mit den ersten Projekten im Sommer 2016 beginnen und sie bis November des Jahres abgeschlossen haben können.“ Dabei geht der Verein zunächst finanziell in Vorleistung.

Stark schöpft er in seiner Arbeit aus personeller Kontinuität. Das Land hat stets 5-Jahres-Verträge für den Naturpark abgeschlossen. „Diese Größe ist verlässlich und ganz wichtig“, schätzt die Geschäftsführerin ein. „Das ist auch eine Anerkennung für die Bedeutung des Naturparks und seine Arbeit durch die Politik. Der Naturpark hat ein Image und Namen bekommen.“

Im Jahr 2017 läuft der aktuelle Vertrag aus.

Hoher Fläming und Fläming - ein Naturgebiet in zwei Bundesländern, das auch so verwaltet und betreut wird. „Das wird wohl so noch lange bleiben“, schätzt Elke-Andrea Ciciewski ein. „Wir setzen auf gute Zusammenarbeit.“

Ein Fläming - zwei Naturparks

Zwei Unterschiede hat sie ausgemacht. Der Hohe Fläming liegt in einem Landkreis (Potsdam-Mittelmark). Das macht das Agieren zwischen den Partnern dort einfacher.

Der Fläming umfasst mit Anhalt-Bitterfeld, Wittenberg, Dessau-Roßlau und Jerichower Land gleich vier Großkommunen in Form von Kreisen und kreisfreier Stadt.

Zum anderen: Der Hohe Fläming ist eine staatliche Verwaltung. Sie agiert dann oft auch so, findet Ciciewski. „Wir sind flexibler und arbeiten auch unternehmerischer“, stellt sie einen Vorteil auf sachsen-anhaltischer Seite heraus.

Um die Wanderwege zu bestücken und zu betreuen, benötigt der Naturpark Unterstützung. „Wir arbeiten mit den Kommunen, den lokalen Akteuren und den Tourismusverbänden zusammen. Wir suchen Leute mit Fachwissen über die Region. Wir brauchen Leute, die etwas vermitteln können“, bleibt die Naturpark-Chefin nicht beim Wegeanlagen stehen.

Um den Fläming auf den Wanderwegen über Ländergrenzen hinweg ein einheitlicheshes Gesicht zu geben, soll die Beschilderung vereinheitlicht werden. Dazu beitragen soll auch „Frieda Fuchs“, das Fläming-Maskottchen.