Zerbst l „Nein, lassen Sie mich in Ruhe!“, ruft Katharina lauthals und rennt weg von dem schwarzen Wagen. Stattdessen flitzt sie auf eine junge Frau zu, die ihr entgegenkommt und bittet diese um Hilfe.

„Ihr müsst sofort reagieren“, wendet sich Kathrin Schönwitz an die 16 Mädchen und Jungen. In der nachgestellten Szene vermittelt die Dozentin vom Kinder & Jugend Sicherheitsteam des Landes Sachsen-Anhalt – kurz „KiJu-Team“ – den zukünftigen Abc-Schützen, wie sie sich am besten verhalten, wenn sie aus dem Auto heraus angesprochen werden. „Was müsst ihr auf dem Weg zur Schule oder nach Hause immer sein?“, fragt sie. „Wachsame Indianer“, antwortet der Nachwuchs im Chor. Kurz darauf üben die Fünf- und Sechsjährigen, wie sie sich mit dem „Käse-Brötchen-Trick“ aus einem festen Griff befreien.

Über vier Tage und insgesamt acht Zeitstunden erstreckt sich der Präventionskurs, den die Vorschulkinder der Kita Heide in dieser Woche absolvieren. „Wir sind zum ersten Mal hier“, erklärt Andreas Heilemann. Wie der KiJu-Regionalleiter für Sachsen-Anhalt berichtet, fand zum Auftakt ein Elternabend statt, bei dem die Mütter und Väter über den Inhalt und Zweck der Schulung informiert wurden.

Zu den Schwerpunkten gehört der Umgang miteinander, Hänseleien und Ausgrenzung und körperliche Gewalt sind Stichworte. Aber auch der Unterschied zwischen Räubern und Dieben wird den Sprösslingen verdeutlicht. „Sie sollen Gefahrensituationen abschätzen und entsprechend handeln können“, sagt Heilemann.

Vor allem soll der Nachwuchs lernen, selbstbewusst Grenzen zu setzen und sich nicht vereinnahmen zu lassen. Das ist deshalb wichtig, weil gerade Kinder zwischen drei und sechs Jahren Opfer von Gewalt sind, auch der Missbrauch gehört dazu. Wie der Sicherheitstrainer darlegt, sollen die Mädchen und Jungen lernen, Nein zu sagen. „Wichtig ist auch, dass die Eltern ihre Kinder darin bestärken“, bemerkt er.

Seit 2006 ist das KiJu-Team, das seinen Sitz in Barleben hat, in Sachsen-Anhalt aktiv. „Ursprünglich haben wir im Grundschulbereich begonnen“, erzählt Andreas Heilemann. Elternwünschen folgend weiteten sie ihr Kursangebot auf Vorschüler aus. „So sind wir ebenfalls erfolgreich in den Kitas unterwegs.“

Die Zerbster Kindereinrichtung auf der Heide ist die erste in der Stadt, bei der das Präventionsprojekt läuft. Auf spielerische Weise bringt Dozentin Kathrin Schönwitz den Sprösslingen geeignete Strategien bei, um in alltäglichen Situationen richtig zu reagieren. So erfahren die Mädchen und Jungen im praktischen Training, dass sie sich immer ans Vorderrad stellen sollen, wenn sie ein Fremder vom Beifahrersitz eines Fahrzeugs anspricht. „Dann ist die Autotür dazwischen“, demonstriert Kathrin Schönwitz. Auch das kraftvolle Schreien übt sie mit den Kinder. Das stetige Wiederholen dient neben dem eigenen Erleben der Vertiefung des Gelernten.

„Unsere Kurse sind zu 90 Prozent nachhaltig“, erklärt Andreas Heilemann nicht ohne Stolz. „Die Kinder bauen Ängste ab und werden mutiger“, weiß er. Und sollten sie wirklich einmal mit einer Gefahr konfrontiert und gar Opfer werden, würden sie anders mit dem Geschehen umgehen und wären nicht traumatisiert, führt er aus.

Kostenlos sind die Schulungen nicht. „Wir sind ein gemeinnütziger Verein und müssen uns selbst finanzieren“, begründet Heilemann. Zugleich handelt es sich um eine Investition in die Sicherheit des eigenen Kindes.