Zerbst l „Bilder sind mächtiger als Worte“, sagt Agnes-Almuth Griesbach und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Die Leiterin des Museums am Weinberg steht inmitten der neuen Sonderausstellung zum Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren. Riesige Banner hängen von der Decke. Die schmalen Drucke zeigen Ausschnitte von Originalfotografien, die das völlig zerstörte Zerbst zeigen. Darunter finden sich die Schuttberge vor der Ruine der Nicolaikirche. Aber auch Waggons zur Beseitigung der Trümmer sind zu sehen genauso wie Menschen, die durch die zerbombte Stadt laufen.

Festgelegter Rundgang durch Kreuzgänge

Es handelt sich um vergrößerte Schwarz-Weiß-Aufnahmen, von denen einige auf Folie gezogen zudem die Glasvitrinen verkleiden und sich auf diese Weise in dreidimensionale Ansichten verwandeln. „Da muss man keine großartigen Texte dazu verfassen“, findet Agnes-Almuth Griesbach, dass die Fotos für sich sprechen. Das tun ebenfalls die Sterbeurkunden der insgesamt 574 Frauen, Männer und Kinder, die den Luftangriff auf Zerbst am 16. April 1945 nicht überlebten. Sie hängen an einem Vorhang gleich hinter steinernen Schuttresten.

Gemälde unter anderem von Friedrich Görtitz ergänzen die emotionale Ausstellung, in die jeder ab morgen eintauchen kann. Dann öffnet das Museum nach wochenlanger, Corona-bedingter Schließung wieder. Wie in anderen öffentlichen Einrichtungen sind einige Auflagen zu erfüllen. Um die Einhaltung der Abstandsregeln zu gewährleisten, darf nur eine begrenzte Anzahl an Besuchern gleichzeitig ins Museum. Diese müssen einen Mund-Nasen-Schutz tragen und ihre Hände am Eingang desinfizieren. „Darüber hinaus müssen wir jeden einzeln erfassen“, erläutert Agnes-Almuth Griesbach, dass die Namen und Adressen nach vier Wochen wieder vernichtet werden. So lange sind die Kontaktdaten aufzuheben, falls eine Corona-Infektion nachverfolgt werden muss.

Jeder Besucher wird erfasst

Vorgeschrieben ist auch der Rundgang durch die Kreuzgänge, den die Museumsmitarbeiter flankieren werden. Rechts herum geht es bis auf Weiteres durch die Dauerausstellung, die in Teilen neu arrangiert wurde. „Die Archäologie ist umfangreicher“, weist Agnes-Almuth Griesbach auf die zu den Fibeln und Lanzenspitzen hinzugekommenen Urnen hin. Zu den Exponaten gehört ebenfalls ein unscheinbarer Lehmbrocken. Wie Museumsmitarbeiter Paul Globig erläutert, handelt es sich um den Wandbewurf einer jungsteinzeitlichen Lehmhütte. Mit ihm wurde sozusagen das Flechtwerk abgedichtet. „Das ist ein vergleichsweises großes Bruchstück“, bemerkt er. Wo es gefunden wurde, „wissen wir nicht“. Paul Globig hofft allerdings, dies noch herauszufinden.

Verändert hat sich ebenfalls der Bereich zur Landwirtschaft. Nicht nur Waffeleisen samt eines Eierkuchenrezeptes von 1822 sind dort zu finden. Auch historische Aufnahmen von der Wassermühle in Bone, der Lindauer Burg oder eines Schafstalls in Dobritz nebst diverser Gerätschaften können beispielsweise betrachtet werden. Dazwischen hängen Zeichnungen von Paul Jünemann sowie das letzte des 1969 verstorbenen Zerbster Künstlers gemalte Bild „Der Schäfer“. Vom früheren Alltag der Menschen erzählt derweil die geöffnete Küchenvitrine mit Butterformen, Messbechern und der Mausefalle im Inneren.

Vorerst keine Projekte und Veranstaltungen

Auch in anderen Ecken des Museums lassen sich neue Details entdecken. Unterdessen dient die „Tonne“ vorläufig noch als Lagerraum für die Arbeiten und Kunstwerke aus Nürtingen und Jever, die während der vorzeitig abgebrochenen 55. Zerbster Kulturfesttage zu sehen waren, bislang aber wegen der Corona-Pandemie nicht abgeholt werden konnten.

Nach wie vor wirkt sich die außergewöhnliche Situation durch Covid-19 auf die Einrichtung am Weinberg aus. So ruht derzeit die Museumspädagogik. „Wir müssen schauen, ob wir hier vielleicht sukzessiv wieder etwas anbieten können“, sagt Agnes-Almuth Griesbach. Einige Ideen und auch Anfragen gibt es. Geprüft werden muss, was letztlich in Anbetracht der einzuhaltenden Corona-Regeln praktikabel und sinnvoll wäre, wie die Museumsleiterin ausführt. So sind auch einige Veranstaltungen im Rahmen der Sonderausstellung zu „75 Jahren Kriegsende“ angedacht, die nun ohne die gewohnte offizielle Eröffnung startet.

Das Museum der Stadt ist wie die Sammlung „Katharina II.“ ab 12. Mai wieder dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.