Zerbst l Die Wiederansiedlung des Wolfes ist ein emotionales Thema. Das wurde beim Bürgerdialog in der Zerbster Stadthalle deutlich. Uwe Stück moderierte die von der Kreisvolkshochschule organisierte Veranstaltung. Die Rückkehr des einst ausgerotteten Raubtieres habe zu Konflikten in der Region geführt, leitete er den Diskussionsabend über den „Wolf in unserer Nachbarschaft“ ein.

Bejagung des Wolfes

Erst Mitte Mai fand Landwirt Jan de Vries nur wenige Meter von den Stallungen bei Hagendorf entfernt ein totes Schaf, die beiden Lämmer fehlten. Vermutlicher Täter: der Wolf. Auch für mehrere Rehrisse am Zerbster Stadtrand soll der graue Räuber verantwortlich sein. Sichtungen in Wald und Flur häufen sich. Bias, Lindau, Natho nannte Jonas Döhring als Beispiele. Er ist Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst, die sich für eine Festlegung eines Akzeptanzbestandes einsetzt und für eine Bejagung des Wolfes ist, der nicht mehr als streng geschützte Art betrachtet werden sollte.

„Man muss dem Problem gegenübertreten und es nicht verharmlosen und eine uneingeschränkte Ausbreitung zulassen“, betonte Döhring. Er hatte neben Politikern und Fachleuten im Podium Platz genommen, nachdem er Ausführungen zur Situation rund um Zerbst gemacht hatte.

„Ich denke, unsere Wälder sind voll mit Wölfen und sie sollten zum Abschuss freigegeben werden“, meldete sich eine Lietzoerin zu Wort. Sie gestand, dass sie Angst vor einer Begegnung mit dem Wolf habe, der seit 2008 in Sachsen-Anhalt wieder heimisch ist.

Schutz der Wölfe

Erst dreimal in den acht Jahren, in denen er im Wolfsmonitoring aktiv ist, stand Prof. Dr. Peter Schmiedtchen dem Wolf direkt gegenüber. Und stets sei jener „panisch geflüchtet“. Aus Sicht des zweiten Vorsitzenden der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe und Mitbegründer der Interessensgemeinschaft „Herdenschutz und Hunde“ ist eine friedriche Koexistenz mit dem Wolf möglich. „Notwendig ist ein konsequenter Herdenschutz“, sagte er. Dazu gebe es nur eine Alternative: die Ausrottung des Wolfes.

Der Versuch einer Bestandsregulierung wäre kontraproduktiv. Das verdeutlichte Antje Weber vom Wolfskompetenzzentrum in Iden (WZI): „Wenn wir regulierend eingreifen, setzen wir einen Prozess in Gang, den wir nicht beeinflussen können.“ In Ländern, wo Wölfe bejagt werden, steige die Reproduktionsrate, erläuterte sie.

Umherziehende Jungwölfe

Laut dem letzten Monitoringbericht 2017/18 konnten in Sachsen-Anhalt 92 Wölfe nachgewiesen werden, davon mindestens 42 Welpen. Diese verteilten sich auf elf Rudel – unter anderem im Steckby-Lödderitzer Forst und im Hohen Fläming. Ihr zwischen 150 und 200 Quadratkilometer großes Territorium würden die Rudel verteidigen, schilderte Antje Weber. Daneben gebe es umherziehende Jungwölfe.

Über die Nutztierrissbegutachtung, die ebenfalls zu den Aufgaben des WZI gehört, informierte Peter Oestreich. Um eindeutig zu klären, ob wirklich der Wolf der Übeltäter war, bleibe oft nur die DNA-Analyse. Schleifspur, Kehlbiss oder das, was vom Tier gefressen worden, seien Indizien, so Oestreich. Oft seien Hunde die eigentlichen Beutejäger. Bei Lämmern zähle ebenfalls der Kolkrabe zu den Angreifern, informierte er.

Strom schützt

„Der beste Schutz ist immer noch der Strom – je mehr, desto besser“, sagte Oestreich. Er wies darauf hin, dass das Land die Kosten für mobile Elektrozäune inzwischen komplett übernehme – das gleiche gilt für die Anschaffung von Herdenschutzhunden. „Uns ist es wichtig, die Weidetierhaltung zu unterstützen“, erwähnte Umweltstaatssekretär Klaus Rehda auch die angedachte Einführung einer Weidetierprämie.

Gleichzeitig sprach er sich gegen den Gesetzentwurf von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) aus, nach dem einzelne Wölfe eines Rudels auch dann getötet werden können, wenn nicht klar ist, welcher Wolf genau zugebissen hat und zwar „bis zum Ausbleiben von Schäden“. Das würde Wölfe zum „unkontrollierten Abschuss freigeben“, kritisierte Rehda.

Hauptsächlich Schafe getötet

Fakt ist: Eine hundertprozentige Sicherheit, Weide- oder Gattertiere vor Wolfsübergriffen zu schützen, gibt es nicht. 2019 hat es in Sachsen-Anhalt bislang 13 vom WZI bestätigte Wolfsrisse gegeben, bei denen 58 Nutztiere – hauptsächlich Schafe – getötet wurden. Die Fälle aus der Einheitsgemeinde Zerbst finden sich nicht in dieser Statistik, deren Vollständigkeit von den hiesigen Jägern angezweifelt wird.

Das Monitoringzahlen würden nicht den tatsächlichen Wolfsbestand widerspiegeln, kritisieren sie. Dem widersprach Antje Weber nachdrücklich. Allerdings bat sie darum, dass die Jäger all ihre Ergebnisse melden. Sie seien bemüht, sichere Hinweise zu sammeln, sagte Jonas Döhring. 2019 wurden dem WZI aus dem Raum Zerbst bislang allein fünf Wildtierrisse gemeldet.