Zerbst l „Ist das Wahnsinn.“ Alexander Ackermann kommt gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. „Wie filigran das ist“, schaut er sich fasziniert die aus dem Dunkel geholten Ornamente an. Ein greller Scheinwerfer erhellt den engen Raum der Sakristei der Zerbster Bartholomäikirche. „Beeindruckend“, findet auch Christian Sindram die prunkvollen Fürstensärge, die trotz der starken Beschädigungen nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt haben.

Die Beiden gehören zu einem vierköpfigen Team der Fachhochschule Potsdam, das am Mittwochnachmittag spürbar überwältigt in die Behelfsgruft eintaucht. Ihr Hauptaugenmerk gilt vier Kupfersärgen. „Wir befassen uns mit der Erstellung eines Restaurierung- und Konservierungskonzeptes“, erläutert Franziska Ehrenberg. Im Gegensatz zu den drei jungen Männern hat sie ihr Studium zur Metallrestauratorin bereits abgeschlossen und arbeitet nun als Werkstattleiterin mit an dem Projekt, das sie selbst als hochinteressant und sehr spannend bezeichnet.

Detailreiche Schmiedekunst

„Es handelt sich hier um feine Kupfertreibarbeiten, die vergoldet und versilbert sind“, erläutert Franziska Ehrenberg. „Da sieht man das Gold“, zeigt Alexander Ackermann auf eine winzige Stelle in der Kupferpatina, an der das Edelmetall glänzend hervorsticht. Die aus dem 18. Jahrhundert stammenden Särge sind jedoch nicht nur mit Grünspan überzogen, sondern ebenfalls stark deformiert.

Bilder

In ihnen wurden einst der Erbauer der Zerbster Residenz Carl Wilhelm und seine Gattin Sophia sowie die Anhalt-Zerbster Fürsten Johann Ludwig II. und Christian August – der Vater von Zarin Katharina II. – bestattet. Während des Luftangriffs auf Zerbst am 16. April 1945 erlitt das Schloss mehrere Bombentreffer. Bis heute sind die Schäden der Zerstörung sichtbar, von der auch die fürstliche Gruft betroffen war. Diese befand sich im Westflügel, mit dessen Sprengung im Juni 1948 begonnen wurde – zunächst, ohne die dort ruhenden Särge zu bergen. Ihre endgültige Vernichtung konnte durch die Überführung in die Bartholomäikirche allerdings im letzten Moment abgewendet werden. Wohl 1949 wurden die erhaltenen 17 Särge in die Sakristei umgebettet.

Zunehmender Verfall

Jedoch ging man mit ihnen in der Folgezeit nicht glimpflich um. Beim Einbau eines modernen Heizkanals wurden wegen Platzbedarfs drei der Erwachsenensärge und alle acht Kindersärge auf die anderen Prunksärge gestellt, die durch das hohe Eigengewicht zusammensanken und sich nun in einem desolaten Zustand befinden.

So wurde auch der Kupfersarg von Carl Wilhelm mit dem im Inneren ruhenden Holzsarg ziemlich zusammengedrückt. Die 37 Kilo schwere Kopfplatte mit Fürstenkroner, Baldachin und Wappen befindet sich inzwischen in der Werkstatt von Franziska Ehrenberg in Potsdam. „Man könnte sie rückformen“, sagt die junge Frau. „Die originale Oberfläche wird aber verlorengehen“, gibt Christian Sindram zu bedenken. Abgewogen werden muss ebenfalls, ob die Patina entfernt werden soll oder nicht.

Kulturhistorischer Schatz

All das fließt in das Restaurierungs- und Konservierungskonzept ein, das als Entscheidungsgrundlage dient, wie mit den wertvollen Kupfersärgen umgegangen wird, diesem „kulturhistorischen Schatz“, wie es Alexander Ackermann formuliert. Zumindest hier in Deutschland gibt es wohl nichts Vergleichbares, ist sich das Team einig.