Dessau/Zerbst l Bereits seit seinem 18. Lebensjahr konsumiert der Zerbster fast täglich Drogen. Von Anfang an war Crystal Meth dabei. Das ist eine lange Karriere. Denn heute ist der Mann 37 Jahre alt. Er sitzt als Angeklagter neben seinem Anwalt Steven Rabold.

Vor der 8. Strafkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau begann gestern das erstinstanzliche Verfahren. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm eine ganze Reihe von Delikten vor: räuberischer Diebstahl, Körperverletzung, Diebstahl und Computerbetrug in vier Fällen.

Emotionen brechen aus ihm heraus

Der Zerbster hat seinem Verteidiger die Vollmacht erteilt, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Er überlässt dem Juristen wohl auch deshalb das Wort, weil das strukturierte Erklären und das präzise Erinnern nicht zu seinen Stärken gehören. Die Aufregung – obwohl er nicht zum ersten Mal auf der Anklagebank sitzt – trägt ihren Teil bei. Und die plötzlichen Emotionen, als er an die paar Tage kurz vor der Inhaftierung am 23. Oktober 2019 zurückdenkt.

Da überwältigen den großen, kräftigen Mann die Tränen. Seiner Mutter zu Liebe habe er vorm Gang ins Gefängnis allein den Entzug in Angriff genommen, schildert er der Kammer unter dem Vorsitz von Siegrun Baumgarten. „Ich habe keinen Bock mehr, von einem Tag in den nächsten zu leben. Ich will auch endlich mal meine Tochter wiedersehen.“ Der Ausbruch der Gefühle wirkt glaubhaft, weil er so unvermittelt kommt.

Geld für mehr Drogen

An einem Tisch gegenüber, etwa sechs oder sieben Meter entfernt, sitzt unterdessen der Psychologe Philipp Gutmann. Er wird zu beurteilen haben, ob es Sinn macht, den Angeklagten für eine Therapie in den Drogenentzug zu schicken. Schließlich hat der Zerbster gleich nach der jüngsten Haftentlassung, die am 28. Juli 2017 war, erneut zu Betäubungsmitteln gegriffen. Und alle ihm nun zur Last gelegten Taten dienten gleichfalls nur dem einen Zweck: Um an Geld für weitere Drogen zu kommen.

So soll er am 30. September 2015 im Eingangsbereich einer Bank in Zerbst einer Frau 1000 Euro entrissen haben. Das Geld hatte sie kurz zuvor abgehoben. „Es war absolut spontan, was ich gemacht habe. Als ich das Bündel Scheine sah, setzte etwas in mir aus“, berichtet der Angeklagte.

Er bestreitet jegliche Gewalt

Überhaupt zeigt er sich überwiegend geständig. Allerdings eben nicht voll umfänglich. Beispielsweise bestreitet er, gegenüber dem Ehemann, der ihn überraschend zügig verfolgte („Der war ja schon betagt.“), gewalttätig geworden sein.

„Ich habe ihn in dem Treppenhaus, das er nach mir betreten hatte, keinen Finger der linken Hand verdreht. Ich habe ihn lediglich mit Schwung zur Seite geschoben“, beteuert der Zerbster. Im Übrigen sei er das Geld kurz darauf komplett losgeworden. Er habe es einem Radfahrer, der ihn verfolgte und die Polizei rufen wollte, in die Hand gedrückt. Dann sei er getürmt. Das Geld freilich gelangte nicht in den Besitz des Ehepaars zurück.

EC-Karte gestohlen

Nur einen Tag später soll der 37-Jährige laut Anklage einer weiteren Geschädigten, mit der er sich über eine Dating-Plattform im Internet verabredet hatte, die Geldbörse mit EC-Karte entwendet haben. In der Folge hob er von dem fremden Konto 290 Euro ab.

Auch das gibt er zu. Nicht aber, dass er einen Tag vor Heiligabend 2016 mit vermummtem Gesicht einen angetrunkenen Spaziergänger im Zerbster Schlossgarten von hinten umklammerte und auch dem die EC-Karte und etwas Bargeld entwendete.

Mit Messer bedroht

„Die Geldbörse habe ich gefunden“, erzählt der Angeklagte seine Version. Und dass er dann die Filiale einer Drogerie-Kette, wo er hochpreisige Waren stehlen wollte, um sie in Drogen umzusetzen, nur verlassen konnte, weil er zwei Verkäuferinnen mit einem Messer bedrohte, stimme ebenfalls nicht. „Da sprach mich niemand an. Ich bin einfach durch die Mitte durch, aufs Rad gestiegen und weggefahren. Ich schwöre, dass ich kein Messer dabei hatte. So was würde ich nicht übers Herz kriegen“, schildert er.

Die Hauptverhandlung wird am kommenden Montag fortgesetzt. Dann wird das Gericht die ersten Zeugen hören. Sie sind nicht nur wichtig, um die Tatabläufe rekonstruieren zu können. Von Interesse ist zudem, was sie zu Ausfallerscheinungen beim Angeklagten berichten können, die eventuell auf Drogen zurückzuführen sind.