Volksstimme: Haben Sie eine Zahl, wie viele Mitarbeiter im Gesundheitsamt mit Corona beschäftigt sind?

Claudia Ludwig: Insgesamt? Mehr als 70, davon 22 allein zur Kontaktverfolgung. Diese Zahl variiert aber zeitweise.

 

Kann man sagen, dass Sie am Limit arbeiten?

Ja, das kann man so sagen. Da reichen keine acht Stunden täglich. Dazu kommen die Wochenenden. Und es geht ja vor allem auch um die Dauer. Die Pandemie beschäftigt uns ja nicht erst seit acht Wochen, sondern seit vielen Monaten. Und es verändert sich im Laufe der Zeit so viel. Die Empfehlungen des Robert Koch Instituts (RKI) haben sich verändert, unsere Arbeits- und Herangehensweise hat sich entsprechend verändert. Wir müssen uns ja an das Infektionsgeschehen anpassen. Wir haben am Anfang Kontaktpersonen, die in Quarantäne waren, täglich angerufen, nachgefragt wie es ihnen geht und ein Symptom-Tagebuch geführt. Das ist schlichtweg nicht mehr möglich.

Wie sieht es momentan mit der Rückverfolgung aus? Ist dies bei der Vielzahl der Neuinfektionen von täglich 40, 50 oder sogar mehr als 60 überhaupt noch möglich?

Eine Kontaktpersonen-Nachverfolgung betreiben wir noch. Aber wir sind ja bei der Rückschau auf die Angaben und Hinweise des jeweils Betroffenen angewiesen. Und wenn der sagt, er kann sich die Infektion selbst nicht erklären, weil er ja seine Kontakte eingeschränkt hat, und er kenne niemanden in seinem Umfeld, der positiv getestet wurde, dann ist eine Rückschau für uns nicht möglich. Diese war lange hilfreich, möglich und auch zielführend, aber an diesem Punkt sind wir nicht mehr.

An welchem Punkt sind Sie jetzt?

Wir sind an dem Punkt, wo jeder, der positiv getestet wurde oder eine Kontaktperson ist, sich isoliert und in häusliche Quarantäne geht und jeglichen Kontakt meidet.

Muss ich mich beim Gesundheitsamt melden, wenn ich beispielsweise durch einen Schnelltest positiv getestet wurde oder eine Kontaktperson bin?

Doch, natürlich ist eine Rücksprache mit dem Gesundheitsamt nötig. Wir versuchen ja die positiv Getesteten und die Kontaktpersonen zu informieren. Bei so vielen Infizierten, die wir aber im Moment haben, ist es aber teilweise nicht mehr möglich, jeden Einzelfall abzutelefonieren. Das ist unser Anspruch. Das versuchen wir auch umzusetzen, aber es gelingt uns nicht immer.

In Zerbst befanden sich zwei Schulklassen – eine aus der Ganztagsschule Ciervisti und eine aus dem Gymnasium Francisceum – mit insgesamt knapp 50 Schülern in Quarantäne, wurden aber nicht getestet. Es ist bekannt – so wird es jedenfalls immer wieder kommuniziert – dass Kinder und Jugendliche nur schwache bis überhaupt keine Symptome zeigen. Auch wenn sie isoliert sind oder waren, warum wurden keine Tests durchgeführt?

Es gibt zweierlei Maßgaben. Unser erstes Bestreben ist, die infizierten Kinder und die Kontaktpersonen in Quarantäne zu schicken. Wenn die Kinder noch relativ klein sind, also unter zwölf Jahre, werden sie ja ohnehin zu Hause von den Sorgeberechtigten betreut. Damit haben wir oftmals schon erreicht, dass das häusliche Umfeld, das den Kindern sehr nahe ist, mit zu Hause bleibt. Die Kinder müssen nicht zwangsläufig getestet werden. Wir haben aber sehr weitreichend getestet.

Wir haben immer versucht, dort zu testen, wo es nötig und möglich ist. Allerdings müssen wir auch die Laborkapazitäten im Blick haben. Uns haben ja die Schulen zu einem bestimmten Zeitpunkt total überrannt. Wir versuchen immer sofort zu reagieren und alles Mögliche zu tun, aber wenn wir an einem Tag drei oder vier betroffene Einrichtungen haben, mit einem ganz weitreichenden Klassenverband, der als Quarantäne in Betracht kommt, dann ist es nicht möglich zu testen.

Wir hatten die Maßgabe, je kleiner die Kinder sind, desto eher sind wir auch geneigt zu testen. Kleinere Kinder haben oft asymptomatische Verläufe und kleine Kinder können auch Symptome nicht beschreiben. Aber wenn wir in den weiterführenden Schulen, in den oberen Klassenstufen Kohorten haben, die nicht mehr eingrenzbar sind, wo wir über 50, 60 oder mehr Personen reden, ist das mit einer Testung nicht zu händeln. Und das Allerwichtigste und Entscheidende ist, diese Testung ist eine Momentaufnahme.

Wir können zu Beginn der Quarantäne testen, das ist auch die Forderung der Eltern. Das wissen wir. Denn die Eltern sind oftmals diejenigen, die den Druck ausüben und sagen, das kann ja nicht sein, warum testen sie nicht. Dann besteht aber immer noch die Gefahr, dass die Situation im Laufe der Quarantäne umschwenkt. Der Test kann am dritten oder vierten Tag negativ sein, entwickelt sich aber bis zum 14. Tag noch in ein positives Ergebnis. Das heißt, der Einzelne wiegt sich in einer Sicherheit, die auch sehr gefährlich sein kann. Viel, viel wichtiger ist es, die Quarantäne einzuhalten und vor allem auch in der Häuslichkeit eine Isolation vorzunehmen.

Ein Leser berichtete, dass er positiv getestet wurde, sich in Quarantäne befand, nach 14 Tagen nochmals getestet und trotz einer noch vorhandenen Virenlast wieder für gesund erklärt und zur Arbeit geschickt wurde. Gibt es solche Praxis?

Ja, natürlich. Wer die Krankheit durchgemacht hat und am Ende seiner Isolationszeit keine Symptome mehr hat, wird ja auch in der Regel gar nicht nochmal getestet. Die Virenlast kann da sein, derjenige ist aber nicht mehr infektiös. Das sieht man am Ct-Wert, der sich aus der Labormeldung ablesen lässt. Liegt der Wert deutlich über 30, dann spricht das dafür, dass der Betroffenen die Krankheit durchgemacht hat und ist ein Hinweis auf eine niedrige, Werte über 35 auf eine sehr niedrige Viruskonzentration. Aber ausschlaggebend ist die Symptomfreiheit am Ende der Quarantäne. Zeigt der Betroffenen 48 Stunden vor Ablauf der Isolation noch Symptome, verlängern wir die Quarantäne. Da wir vom RKI die Empfehlung haben, am Ende der Isolation nicht noch einmal zu testen, tun wir das in der Regel auch nicht, ausgenommen sind bestimmte Berufszweige, wie beispielsweise Mitarbeiter von Kliniken und Altenpflegeheimen, wo ein nochmaliger Test empfohlen wird.

Viele Menschen sind verunsichert, können vielleicht die eine oder andere Entscheidung nicht nachvollziehen.

Pauschale Erklärungen sind schwierig, da es auch immer um Einzelfälle und Einzelfallentscheidungen geht. Wir sind das Fachamt. Wir setzen alle Empfehlungen des RKI um. Wir haben hier Ärzte und medizinisches Personal, um die nötigen Entscheidungen treffen zu können. Es ist natürlich für den Einzelnen sehr schwierig bestimmte Sachverhalte zu vergleichen. Ich werbe da bei den Bürgern einfach um Vertrauen in unsere Arbeit, bei der wir uns seit Beginn der Pandemie an die Empfehlungen des RKI halten. Wir treffen keine Entscheidungen, um irgend jemanden zu ärgern. Wir agieren höchst vorsorglich – und das in allen Bereichen. Und wir agieren nicht auf den Einzelfall, was der Betroffene uns vorgibt zu wollen, sondern so, wie es aus unserer Sicht nötig ist, um die Pandemie einzudämmen und wie es aus Sicht des Infektionsschutzes notwendig ist. Das ist ganz wichtig für unsere Arbeit, dass wir die objektive Sicht auf die Dinge beibehalten und so an unsere Arbeit herangehen.

Letzte Frage: Wie sieht es mit den Testkapazitäten aus?

Wir testen wo es nötig ist. Wir testen immer noch sehr weitreichend und großzügig, weil wir von den Laboren das Signal haben, dass Kapazitäten vorhanden sind. Wir setzen mittlerweile auch sehr weitreichend den Schnelltest ein. Wir ha- ben immer noch das Motto: Wir testen lieber etwas zu viel als zu wenig, vor allem in sensiblen Bereichen, aber wir testen nicht sinnlos und auf Teufel komm raus, weil der Einzelne meint, das ist das Mittel der Wahl. So wie ich es eingangs sagte, das Mittel der Wahl ist die Quarantäne und die Isolation. Wie gesagt, der Test ist eine Momentaufnahme. Wir müssten im Zweifel 14 Tage lang jeden Tag testen, um zu schauen, ob sich etwas verändert hat und das können wir nicht.