Grundschulen in Gefahr

Grundschulen in der Ortschaften der Einheitsgemeinde Zerbst geraten ins Trudeln

Die Grundschulen in Lindau, Dobritz, Steutz und Walternienburg könnten in den kommenden Jahre Probleme bekommen. Grund sind die sinkenden Schülerzahlen in den vier Zerbster Ortschaften. Der Stadtrat steht geschlossen hinter den betroffenen vier Grundschulen.

Von Thomas Kirchner
Die Grundschulen in Zerbst leiden an sinkenden Schülerzahlen.
Die Grundschulen in Zerbst leiden an sinkenden Schülerzahlen. Grafik: proPress Media Mitteldeutschland
In der Grundschule Walternienburg ist die Lage besonders problematisch.
In der Grundschule Walternienburg ist die Lage besonders problematisch.
Foto: Thomas Kirchner

Zerbst - Was macht das Leben im ländlichen Raum, auf den Dörfern wieder so attraktiv? Sind für ältere Menschen eher der Landarzt, Bäcker, Fleischer, der Tante-Emma-Laden gleich nebenan oder die Dorfkneipe wichtig, zählt für junge Familien eine gute Infrastruktur – wie vorhandenes und günstiges Bauland, schnelles Internet, die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr und natürlich Kitas und Schulen.

Ortschaften, die mit letzterem aufwarten können, punkten bei jungen Familien mit Kindern natürlich besonders. Doch die Grundschulen in den Dörfern zu halten, gestaltet sich zunehmend schwierig. Sinkende Schülerzahlen sorgen regelmäßig dafür, dass die vorwiegend kleinen Schulen ins Trudeln geraten. Sie aufzufangen und vor dem Sturz zu bewahren, ist nicht selten zum Scheitern verurteilt.

Mittel- und langfristig sinken Schülerzahlen in allen vier Ortschaftsschulen der Einheitsgemeinde Zerbst

Auch die vier Grundschulen in Lindau, Dobritz, Steutz und Walternienburg blicken unter Umständen turbulenten Zeiten entgegen, wie die vorläufigen Schülerzahlen in den Ortschaften für die nächsten Jahre als Zuarbeit für den Landkreis zum Schulentwicklungsplan zeigen. Selbst die ehemalige Kleinstadt Lindau, heute mit knapp über 1000 Einwohnern, bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont (Grafik). „Es ist noch kein offizielles Papier. Der Landkreis wird sich die Zahlen ansehen und sich eine Meinung dazu bilden, inwiefern diese Zahlen in die Schulentwicklungsplanung einfließen“, erläuterte Evelyn Johannes, stellvertretende Bürgermeisterin kürzlich im Sozial-, Schul-, Kultur- und Sportausschuss.

Berücksichtigt würde dann auch die durchschnittliche Fluktuation, also Zu- und Wegzüge. Besonders drastisch ist die Lage schon jetzt in Walternienburg. „Die Gesamtschülerzahl bewegt sich hier permanent unter der Mindestzahl von 60. Bei den Einschulklassen liegt die Mindestschülerzahl im Übrigen bei 15 Kindern. Hier haben wir bereits eine Ausnahmegenehmigung zur Bildung einer Anfangsklasse trotz Unterschreitung der Mindestschülerzahl und Unterschreitung der Mindestschulgröße beantragt“, informierte Johannes.

Idee eines Schulverbundes mit der Grundschule An der Stadtmauer Zerbst bisher gescheitert

„Leider erfüllt die Grundschule ,An der Nuthe' Walternienburg zum Schuljahr 2021/22 die erforderlichen Kriterien zur Bildung einer Anfangsklasse nicht mehr. Von den entsprechend der Geburten prognostizierten 20 Erstklässlern werden voraussichtlich zwei Kinder eine Förderschule, ein Kind die Bartholomäischule in Zerbst und ein Kind entsprechend einer Ausnahmegenehmigung des Landesschulamtes die Astrid-Lindgren-Grundschule in Zerbst besuchen. Bei zwei Kindern läuft ein Antragsverfahren für eine spätere Einschulung, ein weiteres Kind ist verzogen. Somit rechnen wir mit voraussichtlich 13 Einschülern. Der Trend des vorigen Schuljahres setzt sich leider fort“, heißt es in dem Antrag.

Ein Plan ist, so steht es im Antrag, die Walternienburger Grundschule als Teilstandort eines Schulverbundes mit der Zerbster Grundschule „An der Stadtmauer“ als Hauptstandort zu fusionieren. Der Hauptstandort muss eine Mindestschülerzahl von 80 aufweisen. Doch dieser Plan scheiterte bereits im vergangenen Jahr und bis heute daran, dass die erforderlichen Absprachen in den Gesamtkonferenzen, Elternversammlungen und politischen Gremien sowie mit dem Landkreis als Träger der Schulentwicklungsplanung coronabedingt nicht stattfinden konnten.

Landesschulamt trifft Entscheidung

Ein weiterer Plan und die daraus folgenden Bemühungen der Stadt Zerbst, die zu Gommern gehörenden Ortsteile Dornburg, Lübs und Prödel landkreisübergreifend dem Schulbezirk der Grundschule in Walternienburg zuzuordnen, sind ebenfalls gescheitert. „Auch die Überlegungen, die die Walternienburger Grundschule ins Spiel brachte, Zerbster Kinder nach Walternienburg zu schicken, wurden nicht weiter verfolgt, da die Elternschaft diese Idee verständlicherweise nicht mitträgt“, sagte Johannes.

Die einzige Chance, so Johannes, den Schulstandort Walternienburg zu erhalten, sei ein Schulverbund. „Wir sind hier allerdings nicht Entscheidungsträger. Das Landesschulamt wird uns bei einem Anhörungstermin seine Intentionen mitteilen. Dann werden wir sehen, welche Möglichkeiten wir haben. Zwei kleine Schulen können aber nicht fusionieren, das schließt der Gesetzgeber aus“, betonte Evelyn Johannes.

Bürgermeister Andreas Dittmann, Verwaltung und Stadtrat stehen hinter den Grundschulen

Die Situation werde durch mehrere Faktoren negativ beeinflusst, ergänzte Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD). „Als wir damals über die Rettung der Steutzer Grundschule sprachen, gab es noch einen Dünnbesiedlungsfaktor. Da war die Einheitsgemeinde neben einigen anderen Gemeinden in Sachsen-Anhalt besser gestellt, da aufgrund der dünnen Besiedlung die Mindestschülerzahlen von 60 auf 52 herabgesetzt wurden. Diesen Faktor gibt es nicht mehr“, erklärte Dittmann. Damit schlage das Schulgesetz in seiner vollen Härte zu.

„Das jetzige Schulrecht ließe tatsächlich nur, wenn das schlimmste Szenario eintritt, für zwei Ortsteilgrundschulen eine Andockung an unsere großen Grundschulen in unserer Stadt zu“, so Dittmann. Die beiden verbleibenden Schulen hätten dann nicht die Mindeststärke. „Das macht die Lage so brisant. Wir werden natürlich trotzdem alles in unserer Macht stehende tun, die Schulstandorte zu erhalten, aber die Spielräume sind festgeschrieben“, betonte der Rathauschef. Dittmann: „Wir müssen uns mit der Situation nicht abfinden, sondern auseinandersetzen.“

Bürgermeister, Stadtverwaltung und Stadträte stehen hinter den Grundschulen, das haben sie unmissverständlich klar gemacht. Wie sich die Situation in den vier Schulen in den kommenden Jahren tatsächlich entwickeln wird, bleibt abzuwarten.