Volksstimme: Wer kann zu Ihnen kommen?
Jana Boehringer: Frauen mit ihren Kindern die von Gewalt betroffen oder bedroht sind – nicht nur häusliche Gewalt. In unser Haus können alle Frauen kommen, die sich in Not befinden, auch aus anderen Bundesländern, Landkreisen und Städten. Aus Zerbst waren mehrere Frauen und Kinder schon bei uns, da Zerbst zum Polizeigebiet Dessau gehört und für viele Frauen Dessau näher ist als Köthen.

Die Aufnahme erfolgt unabhängig von ihrer Nationalität und ihrem Aufenthaltsstatus und wird auch von Frauen mit Migrationshintergrund angenommen. Frauen können auch durch ihr soziales Umfeld in Bedrohungssituationen kommen und sich in ihrem Zuhause nicht mehr sicher fühlen, beispielsweise durch Stalking oder als Mobbingopfer. Unter Gewalt verstehen wir sowohl körperliche als auch seelische Gewalt. Körperliche Gewalt ist schlagen, stoßen schütteln oder würgen. Psychische Gewalt die Frauen ertragen müssen äußert sich unter anderem in Form von Einsperren, unbegründeten ständigen Eifersüchteleien, Nachstellen, ständige Kontrolle, Verbot jeglicher sozialer Kontakte, ständige Beleidigungen und Erniedrigungen – teilweise wird die Frau als Eigentum des Mannes betrachtet – finanzielle Kontrolle und Abhängigkeit, die erzeugt wird.

Die Frau ist jetzt da. Und dann?
Nach einer gemeinsamen gründlichen Gefährdungsanalyse mit der betroffenen Frau (auch bei Frauen mit Migrationshintergrund) entscheiden wir gemeinsam, wie wir die Sicherheit der Frauen und Kinder gewährleisten können. Manchmal ist auch die Verlegung in ein anderes Frauenhaus notwendig. Sollte unser Haus voll belegt sein, die Frau ein Haustier mitbringen wollen, körperliche Behinderungen haben, mit denen ein Aufenthalt in unserem Haus nicht möglich ist, werden die Frauen von uns an Frauenhäuser in Sachsen-Anhalt vermittelt. Grundprinzip ist: Wir bieten jeder Frau, die von seelischer oder körperlicher Gewalt bedroht ist, Hilfe an. In einem Erstberatungsgespräch wird geklärt, in welcher Form wir ihr helfen können. Sollte uns eine Aufnahme nicht möglich sein, arbeiten wir mit Netzwerkpartnern und anderen Frauenhäusern zusammen, damit der Frau geholfen werden kann.

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Welche Hilfe und Unterstützung können Sie denn geben?
Voraussetzung für den Aufenthalt im Frauenhaus ist es nicht, dass die Frau sich vom Partner trennt. Voraussetzung ist auch nicht, dass die Frau Anzeige erstattet. Oberstes Ziel unserer Arbeit ist die finanzielle und die psychische Stabilisierung der Frau und ihrer Kinder.

In Gesprächen erstellen wir gemeinsam mit der Frau einen Hilfeplan und legen fest, welche Hilfen Priorität haben. Dieser Plan wird immer wieder gemeinsam aktualisiert. Für die finanzielle Stabilisierung stellen wir gemeinsam mit der Frau Anträge bei Behörden, eröffnen mit ihr bei Bedarf ein eigenes Konto, vermitteln Kontakte zu Anwälten, zum Jugendamt, zur Ausländerbehörde, Schuldenberatung, und klären gemeinsam mit den Müttern, welche Hilfe die Kinder brauchen, beispielsweise Gespräche mit Schule und Kindergarten, Hausaufgabenunterstützung und Beschäftigungsangebote.

Für die psychische Stabilisierung helfen wir Frauen und Kindern, das Erlebte aufarbeiten zu können und zur Ruhe zu kommen, damit sie ihren eigenen Lebensplan überdenken, überarbeiten und vielleicht neugestalten kann. Um dieses Ziel zu erreichen, führen wir viele Gespräche oder bieten Entspannungstechniken an. Wenn notwendig, helfen wir auch bei der Suche nach Therapeuten und Psychologen.

Aber es bleiben immer Angebote. Sie sind kein Zwang. Die Frau lebt auch bei uns im Haus selbst bestimmt und kann soziale Kontakte außerhalb des Hauses mit Freunden und Eltern pflegen, unter der Bedingung, Standort und Gesehenes im Haus für sich zu behalten. Sie versorgt ihre Kinder und sich eigenständig und sorgt mit für die Sauberkeit ihres eigenen Zimmers und des Frauenhauses.

Wie vielen Frauen und Kindern bietet das Schutzhaus derzeit Obhut?
Im Kinder- und Frauenschutzhaus können sechs Frauen und zehn Kinder leben. Jede Frau hat mit ihren Kindern ein eigenes Zimmer. Derzeit haben wir noch freie Plätze.

Wie lange bleiben die sie im Schnitt bei Ihnen?
Im Durchschnitt bleiben die Frauen zwischen drei und sechs Monate im Haus. Die Aufenthaltsdauer hat sich in den letzten Jahren verlängert, da die meisten Frauen mehrere Probleme haben, die erst gelöst werden müssen. Außerdem ist es schwieriger geworden, Wohnraum innerhalb der Vorschriften des Jobcenters zu finden.

Wie finanziert sich das Haus?
Wir erhalten eine anteilige Personal- und Betriebskostenförderung vom Land Sachsen-Anhalt, von der Stadt Dessau eine Fehlbedarfsfinanzierung von bis zu 10.000 Euro, die nur für Personal- und Betriebskosten verwendet werden dürfen. Eigenmittel des Vereins sozial- kulturelles Frauenzentrum Dessau, der Träger des Hauses ist, die sich ergeben aus Spenden und Nutzungsgebühren der Frauen. Eine planbare Gesamtfinanzierung des Projekts ist bisher nicht möglich, da Fördermittel von Stadt und Land die Gesamtkosten nicht decken können.

Mit Eigenmitteln finanziert der Verein Investitionen und Reparaturen am und im Haus. Diese Mittel sind im Voraus schwer kalkulierbar. Sie speisen sich vorwiegend aus den Nutzungsgebühren, deren Höhe immer von der Auslastung des Hauses abhängt. Nicht immer kann der Aufenthalt finanziell abgedeckt werden. Unser Motto ist: Jeder Frau wird geholfen, die Schutz bedarf, unabhängig von den finanziellen Mitteln, über die sie verfügt.

Waren Sie schon einmal „ausgebucht“? Was passiert dann mit den Frauen, die Ihre Hilfe brauchen?
Wir waren schon oft ausgebucht und konnten die Frauen nicht aufnehmen. In diesem Fall beraten wir die Hilfesuchende und vermitteln sie mit ihrem Einverständnis an ein anderes Frauenhaus. Manche Frauen entschließen sich dann zu warten und gehen zu Verwandten, wenn absehbar ist, wann eine Frau auszieht. Da wir auch Frauen beraten, die nicht ins Frauenhaus wollen, bieten wir ihr dann eine Beratung für die Wartezeit an.

Wenn die Frauen nach einer Zeitlang bei Ihnen innerlich gefestigt sind, suchen sie sich dann eine eigene Wohnung bzw. wie geht es dann weiter?
Wenn die Frau einen Neustart für sich und ihre Kinder beschließt, helfen wir bei der Wohnungssuche, dem Umzug, stellen mit ihr die notwendigen Anträge. Manche Frauen kehren zu ihrem Mann zurück. Das liegt in der Entscheidung der Frau. Wir sagen aber allen Frauen, dass sie die Möglichkeit haben, von uns nachbetreut zu werden und jederzeit wiederkommen können oder bei Problemen fragen können.

Frauen gehen auch zu ihrem gewalttätigen Mann zurück?
Den häufigsten Satz, den wir von den Frauen hören, wenn sie zu uns kommen, ist „aber er hat doch gesagt, er liebt mich und tut es nie wieder …“ Jeder Mensch will geliebt werden, und die meisten Frauen lieben sehr tief und mit viel Bereitschaft, Fehler zu verzeihen. Wenn es dann noch gemeinsame Kinder gibt, beide Partner sich gemeinsam etwas aufgebaut haben und noch ein Fünkchen Hoffnung besteht, weil der Partner eine Therapie verspricht oder ihr immer wieder sagt, dass er sich jetzt ganz bestimmt ändert, gehen einige Frauen zurück, um es noch einmal zu versuchen. Wir erklären dann immer wieder, dass wir ihr nicht böse sind wegen dieser Entscheidung und sie jederzeit wiederkommen, sich melden kann, wenn sie Hilfe braucht. Bei wenigen hören wir dann nichts mehr, aber viele kommen dann ein zweites oder drittes Mal.

Standen auch schon einmal Männer vor der Tür zum Frauenhaus und wollten zu ihren Frauen?
Ja, das kam schon vor. Wir versuchen dann mit dem Mann unter Beachtung des Eigenschutzes zu sprechen, wenn er nicht aggressiv wirkt, und ihn vom Platz zu verweisen. Anderenfalls informieren wir die Polizei, mit der wir sehr gut zusammenarbeiten. Bei Hochsicherheitsfällen ist die Dessauer Polizei informiert und bezieht unser Haus in den Streifendienst mit ein.

Erinnern Sie sich noch an ein Schicksal einer Frau oder eines Kindes, das Sie besonders berührt hat?
Ich arbeite jetzt das siebte Jahr im Frauenhaus und fast alle Schicksale haben mich sehr berührt. Keiner Frau fällt es leicht ins Frauenhaus zu gehen, dahinter stecken immer Erlebnisse über einen langen Zeitraum, die einem nahe gehen. Aber es gibt Fälle, die mich besonders berührt haben, weil der Weg zum Neuanfang besonders schwer und es viele Problemlösungen brauchte, ihn zu ermöglichen. Wenn man dann noch Jahre später erfährt, wie glücklich die Frau in ihrem neuen Leben ist, freue ich mich sehr.

Welchen Ratschlag können Sie Frauen geben, die daheim Gewalt erfahren, aber sich nicht trauen auszubrechen und zu Ihnen zu kommen?
Mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir können ihr helfe. Eine Beratung kann telefonisch erfolgen oder durch ein Treffen. Nicht jede Frau, mit der wir telefonieren und mit der wir uns treffen, muss dann ins Frauenhaus. Jede Beratung ist anonym und wir unterliegen der Schweigepflicht.

Das Frauenhaus ist unter (0340) 51 29 49 rund um die Uhr erreichbar und bietet Zuflucht und Schutz.