Zerbst l Wenn die Güterglückerin Inge Boer heute am Markt auf ihren Rufbus wartet, schaut sie automatisch auf jenen Platz, wo einst der Kiosk von Heinrich Thiele stand. „Ich denke oft an diese schöne Zeit zurück“, sagt Inge Boer wehmütig. Natürlich wusste auch sie wo der Imbiss gestanden hat, denn Inge Boer ist die Nichte von Heinrich Thiele. „Heinrich war der Bruder meines Vaters und wenn ich da so warte, muss ich oft an Heinrich und seinen Kiosk denken“, schildert sie.

Gleich erkannt

„Heute Morgen schlug ich die Zeitung auf – ach je, da war Würstchen Thiele zu sehen. Jeder ältere Zerbster kennt natürlich den Imbiss auf dem Markt bis in die gut 1980er Jahre neben dem Wehrkreiskommando zur Breite Straße hin, zu sehen im Hintergrund den noch unverputzten Giebel des Wehrkreiskommandos“, hat Leser Robert Walk natürlich völlig richtig erkannt.

Mal auf die Schnelle ein frisches Fisch-, Leber- oder Brägenwurstbrötchen dort verzehren, dazu eine Fassbrause, ein Bier, ’nen „Kurzen“ oder Kaffee. „Wer es weniger eilig hatte, konnte auch etwas Zeit in seinem kleinen Gärtchen mit Tischen und Stühlen oder in dem alten Bierfass mit Tisch und Bank verbringen. Daneben ein kleiner überdachter Raum und alles schön mit Glühbirnen beleuchtet“, erinnert sich Robert Walk noch gut an „Worschchen Thiele“, wie Heinrich Thiele in typisch Zerbster Mundart genannt wurde.

Bilder

Für die Ordnung um das Anwesen sei „Ottchen“ (ein Rentner) und für die Brötchenzubereitung „Elli“ zuständig gewesen. „Heute ziert die Ecke zwischen dem Breite-Straße-Block und dem ehemaligen Wehrkreiskommando ein Blumenbeet“, schreibt Robert Walk in seiner E-Mail.

Viele schöne Erinnerungen

„In dieser Woche ist es eine schöne Erinnerung an Heinrich Thiele. Dieser Kiosk hatte einen sehr günstigen Standort am Markt. Da waren auch der Markt und die Alte Brücke noch die Einkaufsmeilen von Zerbst“, schreibt Lothar Platte aus Schora. Von 1960 bis 1962 sei er jeden Tag mit dem Fahrrad nach Zerbst zur Schule gefahren. „Auf dem Rückweg war immer ein Stop an diesem Kiosk angesagt. Da gab es Fischbrötchen für 25 Pfennige. In dem Kiosk daneben gab es Süßwaren. Auf dem Hinterhof war ein schöner Steingarten mit Wasserläufen angelegt. Für den Erweiterungsbau vom Wehrkreiskommando musste dieser schöne Kiosk verschwinden“, erinnert sich Lothar Platte.

„In den 1960er Jahren hat uns ,Worschchen Thiele‘ mal vor dem Erfrieren gerettet“, schildert Gudrun Stamnitz lachend am Telefon. Sie und ihre Kollegen warteten auf den Bus, der sie zur Schicht nach Gommern bringen sollte. „Es waren minus 20 Grad und der Bus kam nicht. Also sind wir alle zu Thiele, der uns vor der klirrenden Kälte gerettet hat“, erzählt Gudrun Stamnitz.

Bonbon-Kocherei

An die Bonbon-Kocherei neben Heinrich Thiele konnte sich auch Hartmut Siebert noch gut erinnern. „Die Bonbons waren viereckig, ziemlich hart und schmeckten Klasse“, erzählt er am Telefon und ergänzt lachend: „Ich kann mich noch erinnern, dass eine Zeitlang jeder der Bonbons kaufen wollte, ein Brikett mitbringen musste, damit er wieder neue Bonbons kochen konnte.“

Heinrich Thiele machte sogar Werbung für seinen Imbiss in den beiden Zerbster Kinos. „In den Tausend sogenannten Tele Tipps lief immer auch ein Werbespot von Heinrich Thiele. „Esst Fisch – Ihr bleibt gesund“, so seine Botschaft vor den Filmen“, weiß Helmut Lehmann zu berichten. Seine Frau wohnte damals gegenüber im Haus des Konsum Kaufhauses. „Bei Thiele habe ich immer auf sie gewartet“, schildert er.

Brötchen für 25 Pfennige

An die leckeren Fischbrötchen für 25 Pfennige, an Thieles Spitznamen oder das große Fass zum Verweilen erinnerten sich auch Andreas Indenbirken, Sylvia Thiem, Helga Reinald, Isolde Wallendorf, Hannelore Falkenberg, Detlef Teßmann, Heinz Stamann, Iris Lackenmacher, der Wohnbereich II des Willy Wegener Altenheims, Bernd Adolph und Helmut Morbach.

Der Volksstimme Kaffee-Pot geht dieses Mal an den Wohnbereich II des Pflegeheims Willy Wegener in Zerbst.