Zerbst l Zu den diesjährigen Kulturfesttagen wird es eine neues Manfred Bieler Stück geben. Außerdem steht im Frühjahr die Entscheidung über eine Fortsetzung des Prozessionsspiels an. Über beides hat Volksstimme-Redakteur Thomas Kirchner mit dem künstlerischen Leiter Prof. Hans-Rüdiger Schwab gesprochen.

Volksstimme: Herr Professor Schwab, nach den szenischen Lesungen zu Manfred Bieler 2018 und 2019 ist nun ein neues Projekt in Arbeit: das ZAZA-Projekt. Was heißt eigentlich ZAZA?
Prof. Hans-Rüdiger Schwab: Zentralanstalt zur Aufbewahrung verdienter Genossen.

Und worum geht es?
Ein Funktionär, der zuletzt als stellvertretender Minister amtierte, wird nach seinem Tod vor eine Kommission beordert, die über seine Aufnahme in diesen drögen Himmelsverschnitt entscheidet. Hegel, Marx, Lenin, Rosa Luxemburg, die Götter des Sozialismus, gehören ihr an. Hier muss er nun die Etappen seiner Karriere Revue passieren lassen, von kleinen Anfängen in der LPG über den Bezirk, das Militär oder die Tätigkeit als Spitzel bis hin zum vordergründig glanzvollen Ende. Allenthalben jedoch riecht es arg nach moralischem Sumpf.

Die Kühnheit Bielers in seinen Texten gegen die Stasi und die führende Rolle der SED zu schießen, dürfte den Genossen sauer aufgestoßen haben.
Von der Stasi früh ins Bild gesetzt, war man im Politbüro angesichts des „widerwärtigen und schändlichen Machwerks“, das – ja, so hieß es! – einen „direkten Angriff auf die Partei“ darstelle, völlig außer sich. Die deftige Satire veranlasste unmittelbar die Beschlüsse zur Gängelung und Unterdrückung der kritischen Intelligenz auf dem sogenannten „Kahlschlag-Plenum“ des ZK der SED Ende 1965. Bieler – zudem er parallel auch das Drehbuch des später für die Verbotspraxis sprichwörtlich gewordenen Films „Das Kaninchen bin ich“ geschrieben hatte – wurde gemeinsam mit Robert Havemann, Wolf Biermann und Stefan Heym als ideologischer Hauptabweichler genannt und gemaßregelt.

Wer arbeitet alles mit an diesem Projekt?
Wie die beiden letzten Male handelt es sich wieder um eine Kooperation zwischen der für alles Kulturelle so leidenschaftlich begeisternden Essenzen-Fabrik und der auch in neuer Zusammensetzung bereits wunderbaren Theatergruppe des Francisceums unter Leitung von Heike Richert. Ich selbst werde die temporeich zugespitzten, gespielten wie gelesenen Szenen, in denen auch Liedeinlagen enthalten sind, als Moderator verbinden.

Wann und wo ist ZAZA zu erleben?
Anlässlich der Kulturfesttage am 21. März in der Essenzen-Fabrik. Man sollte es nicht versäumen.

Kommen wir zu einem weiteren Ihrer „Zerbster Babys“ – wenn ich das mal so salopp formulieren darf – neben Bieler, dem Prozessionsspiel. Eine erste Hürde ist genommen, der Kulturausschuss stimmte mit großer Mehrheit für eine Fortsetzung. Freut Sie das?
Na ja, zu den Eltern gehöre ich eigentlich nicht. Allenfalls wäre ich eine Art Geburtshelfer oder, angemessener noch, der Patenonkel. Klar freut es mich, und zwar zunächst ausdrücklich für die Stadt, wenn das Kind nun weiter wachsen und gedeihen sollte.

Die nächsten Aufführungen sollen auf dem Schlosshof stattfinden. Abgesehen von den logistischen Vorteilen, warum vor dem Schloss?
Das Prozessionsspiel, Katharina die Große und die Zerstörung Zerbsts im Zweiten Weltkrieg: Eine Aufführung vor der Fassade des Schlosses überblendet drei Jahrhunderte und drei zentrale geschichtlich-kulturelle Erinnerungen der Stadt. Unser Leben ist nur eine Durchgangsstation. All seine Größe, Pracht und Herrlichkeit zerfällt. Darin besteht ja eine Botschaft des alten Stücks aus jener Zeit, als man nicht so töricht war, an unablässigen Fortschritt zu glauben. Sie spiegelt sich im Zustand des Schlosses. Rein aufführungspraktisch übrigens ließe sich die Symbolik der Tür und das Vorhandensein von Fenstern im oberen Stockwerk für manchen theatralen Reiz nutzbar machen, ebenso wie die Erweiterungen der Darstellungsfläche über die eigentliche Bühne hinaus.

Wie viele Bilder des spätmittelalterlichen Spiels gibt es noch, die bei der ersten Aufführung nicht gezeigt wurden?
Die Arche Noah gäbe es etwa (in Zeiten angeblich geschärften ökologischen Bewusstseins ein hochinteressantes Thema) oder die Gewaltherrschaft, die zum Bethlehemitischen Kindermord führt, Taufe und Versuchung Jesu ferner, dazu etliche Heilige, Sebastian darunter, oder Mauritius, ein afrikanischer Märtyrer, sowie Gruppen von Frauen. Daneben sind ergänzende Zwischenspiele denkbar, wie bei der ersten Aufführung über das Wasser. Auf neue Szenen aber – Klammer auf, die übrigens den Zeitrahmen nicht sprengen dürfen!, Klammer zu – kommt es gar nicht an. Zwar bin ich davon überzeugt, dass die „Figuren“ von 2017 in sich stimmig waren – aber eben doch nur als eine Form des jeweils Möglichen. So wird die neue Inszenierung hier und da sicher auch Veränderungen mit sich bringen, nicht nur weil teils neue Mitwirkende hinzustoßen oder alte sich an etwas anderem versuchen mögen. Zur Verdeutlichung, jetzt nur im Konjunktiv gesprochen: Stellen Sie sich vor, wie die Wahrnehmung des Publikums sich wandeln würde, welche produktiven Anstöße dadurch auslösbar wären, wenn man beispielsweise die Passionsszene mit Kindern besetzte oder den Kampf gegen das Böse, den Sankt Georg ausficht, mit Erwachsenen. Jedes Theaterstück vermag immer wieder frisch und fremd vor uns zu erstehen, es hat sozusagen mehrere Leben.

An Stoff für weitere Aufführungen mangelt es also nicht.
In keinem Falle.

Sie haben sicher schon Bilder im Kopf für eine Fortsetzung.
(Lacht) Vielleicht. Aber die endgültige Gestalt der einzelnen Szenen wird sich nicht dort, sondern im Austausch und dem Ausprobieren mit denen ergeben, die nicht nur mitspielen mögen, sondern gern auch eigene Ideen beisteuern.

Die Darsteller können ihre eigenen Ideen und Gedanken einbringen? 
... die wir dann auf ihre Umsetzbarkeit hin überprüfen. Das war schon zuletzt so.

Jetzt geht die Beschlussvorlage zur Fortsetzung des Prozessionsspiels 2022 für den Stadtrat zur Anhörung durch die Ortschaften. Danach entscheidet im Frühjahr der Stadtrat – Fortsetzung: ja oder nein. Was sagen Sie den Kritikern?
Längst bin ich zwar ein Herzens-Zerbster. Dennoch will ich mich zu Aspekten wie der Inanspruchnahme des Bauhofs oder Fragen des Etats – darum im Speziellen ging es ja, wenn ich den Volksstimme-Artikel vom 14. Dezember 2019 über die Sitzung des Kulturausschusses recht verstanden habe – sehr bewusst nicht äußern. Grundsätzlich allenfalls dies: Bei nüchterner Abwägung dürfte für die Stadt als Schauplatz solch einzigartiger Volks-Festspiele doch wohl mehr zu gewinnen als zu verlieren sein. Und auch das noch: Auf keiner der sämtlichen Ebenen, wo man sich mit dem Prozessionsspiel befasst, sind irgendwelche Glücksritter am Werk, sondern Leute, die ernsthaft in gute Lösungen verliebt sind.