Zerbst l Nach dem verheerenden Luftangriff am 16. April 1945 und der folgenden Feuersbrunst blieb nicht viel vom alten Zerbst erhalten. Zu 80 Prozent wurde die Innenstadt zerstört. Nur vereinzelt vermittelt sich heute noch ein Eindruck von der früheren Bebauung. Im Rosenwinkel zum Beispiel, jenem beliebten Fotomotiv abseits der Schloßfreiheit. Aber auch die Klosterhöfe mit ihren Fachwerkhäusern und schmalen Gassen entlang der Stadtmauer locken Touristen an.

Soll als Zufahrt dienen

„Wenn wir diese mittelalterliche Struktur jetzt zerprügeln, dann braucht keiner mehr über das historische Zerbst zu reden.“ Helmut Seidler findet klare Worte. Als „Wahnsinn sondersgleichen“ bezeichnet er das Vorhaben, eine Baulücke zu nutzen, um eine neue Zufahrt von der Breite aus über den Großen Klosterhof zum einstigen Frauenkloster anzulegen. Genau das hat der Stadtrat mehrheitlich beschlossen. Nur drei Gegenstimmen gab es – unter anderem von Helmut Seidler. So soll die Freifläche nun aufgeschottert werden, um der Feuerwehr als Zufahrt zu dienen.

Eine endgültige Lösung sei darin nicht zu sehen, betonte Nico Ruhmer, Amtsleiter für Zentrale Dienste, gegenüber der Volksstimme. Vielmehr solle im Zuge des Ausbaus des Großen Klosterhofs, für den die Stadt nun für 2020 Fördermittel genehmigt bekommen hat, eine dauerhafte Lösung gefunden werden.

Unter Denkmalschutz

Oberste Priorität für Helmut Seidler hat, dieses unter Denkmalschutz stehende Quartier zu erhalten. „Das ist unsere letzte Chance“, gibt er zu bedenken. Um die erforderliche Zufahrtsbreite für Löschfahrzeuge zu erhalten, könnte das Häuschen mit der Nummer 72 versetzt werden, so dass die jetzige Straße „Großer Klosterhof“ entsprechend verbreitet wird, schlägt er vor.

Unterdessen könnten in den Baulücken zweigeschossige Einfamilienhäuser errichtet werden, die den ursprünglichen Charakter des Viertels optisch aufgreifen, aber modernen Wohnqualitäten angepasst sind, schlägt Seidler vor. Als Beispiel wirft er einen Blick nach Frankfurt am Main, auf die so genannte neue Altstadt zwischen Dom und Römer. Dort sind 35 Gebäude neu entstanden, wo lange ein Betonklotz das Bild bestimmte. Darunter befinden sich 15 Rekonstruktionen bedeutender Frankfurter Fachwerkbauten.

„Es schadet nicht, mal über den Tellerrand hinauszuschauen“, findet Helmut Seidler. Er bedauert, dass diesbezüglich in Zerbst „einfach keine Denke“ stattfindet. „Das ist traurig“, erklärt das Stadtratsmitglied, das hier nicht nur seine eigene Meinung wiedergibt, sondern die der Freien Fraktion Zerbst.

Sanierungsgebiet "Altstadt Zerbst"

Und es ist längst nicht der erste Versuch Seidlers, vor allem den Großen Klosterhof ins Bewusstsein zu rücken und eine Lösung für den dortigen „städtebaulichen Missstand“ zu finden, wie ihn die Volksstimme im September 2012 zitierte. Von gravierenden baulichen Problemen redete er damals im Bau- und Stadtentwicklungsausschuss. Jedoch war die Schwerpunktsetzung hinsichtlich der Prioritätenliste für das seit 1992 bestehende Sanierungsgebiet „Altstadt Zerbst“ zunächst eine andere.

Und das obwohl im Zerbster Stadtführer von 1993 geschrieben ist: „Der Klosterhof ist das erste Sanierungsgebiet innerhalb der Stadtmauer und soll in seiner alten Grundform wieder entstehen.“ Darauf wies Volksstimme-Leser Rainer Frankowski hin, der ebenfalls nichts von der angedachten neuen Zufahrt hält. „Unsensibler und stadtzerstörerischer kann man mit der Geschichte und dem alten Zerbster Stadtbild, was sogar den Krieg überlebt hat, wahrlich nicht mehr umgehen“, erklärt der Zerbster.