Zerbst l „Der Kieler Zarenverein versucht, unser solides Weltbild über Peter III. zu erschüttern“, erklärt Bürgermeister Andreas Dittmann schmunzelnd zur Eröffnung der Ausstellung im Schalterraum der Kreissparkasse. Mit einer völlig neuen Betrachtungsweise würde der Besucher konfrontiert. Nicht als „dümmlicher Preußenfreund und notwendiges Opfer unserer Zarin, sondern als vielschichtige Persönlichkeit“ werde Katharinas Gatte dargestellt.

Die gebürtige Zerbster Prinzessin selbst ließ – zumindest in ihren bekannten Memoiren – kein gutes Haar an ihm, „obwohl dies anfangs mit gewissen Sympathien einmal ganz anders ausgesehen hatte“, wie Martin Schulz in seinen einleitenden Ausführungen anmerkt. Ihr Umschwenken begründet das Vorstandsmitglied des Kieler Zarenvereins mit der Absicherung der eigenen Herrschaft. Denn nach der Ermordung Peters rief sie sich selbst als Zarin aus, „obwohl sie dazu nach den Regeln europäischer Fürstenhäuser gar nicht berechtigt gewesen wäre, bestenfalls hätte sie Regentin für den gemeinsamen Sohn Paul bis zu dessen Volljährigkeit werden können“, erläutert Schulz den mehr als 50 Anwesenden.

Katharina trifft Peter

„Der Vater ihres Kindes – vielleicht...“, wirft Tatyana Nindel lächelnd ein. Sofort erntet die Vorsitzende des Internationalen Fördervereins Katharina II. Widerspruch. „Doch, doch, doch“, entgegnet ihr Bernhard Mager. Der Kieler ist in die Rolle von Friedhelm von Zobelltitz, dem Hofmarschall Peters III., geschlüpft. Tatyana Nindel selbst verkörpert Katharina die Große, die wenig später persönlich auf ihren geputschten Gatten stößt. Helmut Grieser gibt sich als jener Zar aus, der auch von vielen bis heute unterschätzt wird, als infantil, akolholsüchtig und regierungsunfähig gilt.

Bilder

Aktuelle wissenschaftliche Forschungen und Archivrecherchen erzählen hingegen von einem aufgeklärten Monarchen, der „zielgerichtet eine ganze Reihe zukunftsweisender Reformen durchführte“, so Martin Schulz. Als Beispiele nennt er die Neuordnung der Staatsfinanzen und Steuern, die Verhinderung von Vetternwirtschaft und Korruption, die Aufhebung des Grundbesitzmonopols, Religiöse Toleranz, öffentliche Gerichtsverhandlungen und die Beendigung der Leibeigenschaft.

Abschaffung der Folter

Auch die Abschaffung der Folter gehört zu seinen Verdiensten. Denn Peter „verabscheute zutiefst jede Gewaltanwendung, und so war seine erste große Tat nach Übernahme der Regierung als Zar die Beendigung des Siebenjährigen Krieges mit Preußen“, berichtet Schulz. Tatsache sei, je mehr man sich mit seiner Arbeit und seinen Leistungen befassen, desto mehr erkenne man die historische Bedeutung des Zaren trotz seiner kurzen Regierungszeit – und trotz des Schattens, den Katharina über ihn legen sollte. Entsprechend amüsant gestaltet sich das Geplänkel der beiden großen Persönlichkeiten, das während der Ausstellungseröffnung zu erleben ist. Vergnügt plaudert Katharina mit Peter über die Inschrift, die sein Denkmal tragen soll. Keine Frage, dass jeder seine eigene Bedeutung hervorgehoben haben möchte...

Im Anschluss können Interessenten sich nicht nur in die 15 Aufsteller vertiefen. Hofmarschall Friedhelm von Zobelltitz verrät ihnen noch mehr über Peter. Über 70 Zuhörer sind es letztlich, die dem Vortrag von Martin Schulz lauschen. Anhand vieler Dokumente berichtet er über das Leben und Wirken des als Carl Peter Ulrich von Holstein-Gottorf geborenen Zaren, der mit Katharina weitläufig verwandt war – sie sind Cousin und Cousine II. gewesen – und Anspruch auf die schwedische Krone hatte. Er erzählt von den rund 200 Gesetzen und Verordnungen, die er innerhalb seiner nur 186 Tage während Regierungszeit als Zar erließ, geht auf all seine Reformen noch einmal im Detail ein und gibt dem Bild, das die meisten Zerbster von Peter wohl haben, eine neue Perspektive.

Deutlich wird zudem, wie „eng verwoben die deutsche und russische Geschichte ist“, so Andreas Dittmann. Ähnlich drückt es Martin Schulz auf, der die Hoffnung äußert, dass „es uns vielleicht gemeinsam – dem Zerbster Katharina- Verein und dem Kieler Zarenverein – (...) gelingt, die Leistungen der beiden für Rußland und Deutschland zu würdigen, die eine über 150 Jahre währende Freundschaft begründeten.“ Denn erst wenn Deutsche und Russen miteinander verbündet waren, herrschte Friede in Europa.