Zerbst l Sie sind nicht nur die absoluten Hingucker, erst recht jetzt zur Weihnachtszeit, wenn sie vom Einbruch der Dunkelheit an in die Nacht und am Morgen wieder bis zum Hellwerden bis in die Breite hinein strahlen. Die Rede ist von den neuen Fenstern in der Zerbster Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi. Ist der Blick erst einmal auf die farbigen Bleiglasfenster gefallen, kann man sich nur schwerlich wieder abwenden. Kürzlich wurden drei weitere dieser Schmuckstücke bei einem Gottesdienst präsentiert.

„Das große Fenster auf der Nordseite der Stiftskirche gehört zu den ersten fünf neu entworfenen Fenstern“, sagte Lindemann zu Beginn des Gottesdienstes und dankte den vielen Spendern, die dieses Kunstwerk finanziert haben. Die Spender seien auf einzelnen Glastafeln namentlich verewigt worden (Infokasten). Ebenso ist es bei den beiden neuen Fenstern auf der Südseite.

„Allein Vorstandsmitglied Ralph Butzke hat im Namen der Volksbank und deren Stiftung 15 000 Euro übergeben“, so Lindemann. Ein Dank in diesem Zusammenhang ging auch an Silke Hövelmann für die große Unterstützung. Der Pfarrer begrüßte auch den Künstler Jochem Poensgen aus Soest und den Seniorchef der Glasmalerei Peters mit seiner Gattin aus Paderborn, die extra zum Gottesdienst nach Zerbst gereist sind.

Sieben neue Fenster

„Insgesamt sind es jetzt bereits sieben neue Fenster, die wir in den letzten zwei Jahren einsetzen konnten“, freut sich Pfarrer Albrecht Lindemann. Die Entwürfe stammen eben von jenem Jochem Poensgen, einem international renommierten Glaskünstler. Sie erzeugen durch dichte Verbleiung und reichhaltige Verwendung opaler und opaker Gläser in hauptsächlich weißer und grauer Färbung eine stark lichtbrechende Wirkung.

„Das sind nicht einfach nur Fenster“, sagt Lindemann stolz. Das Glas dazu komme aus Waldsassen, sei mundgeblasen und es gebe weltweit nur noch einen solchen Handwerksbetrieb, der mundgeblasenes Glas in dieser Vielfalt und Qualität herstellt. „Wenn Jochem Poensgen die Entwürfe fertig hat, werden diese detailliert mit der Glasmalerei Peters in Paderborn besprochen – beispielsweise die Farbfolge. Anschließend wird das Glas bestellt und nach präzisen Vorgaben angefertigt“, erläutert Pfarrer Lindemann.

Wenn das Glas geliefert ist, bestimme Poensgen, welches farbliche Segment wie zugeschnitten und in welcher Tafel es dann verarbeitet wird. „Übrigens ist das Glas nicht bemalt. Es wird schon in den verschiedenen Farbtönen geblasen. Das ist eine extrem hochwertige und heute selten gewordene Handwerkstradition“, zeigt sich der Pfarrer beeindruckt von dieser Handwerkskunst.

Jochem Poensgen hat in weiser Voraussicht bereits alle Fenster in St. Bartholomäi ausmessen lassen. „Natürlich habe ich überlegt, was aus diesem Projekt wird, wenn ich nicht mehr mitarbeiten kann“, sagte der Künstler, der die 80 Lebensjahre schon weit überschritten hat, während des Gottesdienstes. So könne er alle Fenster entwerfen, vorbereiten und bearbeiten. „Und eines Tages, so wie jetzt, wenn durch Spenden Geld da ist, dann muss der Pfarrer nur noch sagen: Ich hätte gerne dieses oder jenes Fenster. Meine Arbeit ist dann bereits getan“, so Poensgen.

Viele Spender

Das alles würde allerdings nicht gelingen, hätte nicht die Firma Peters bereits alle nötigen Glasplatten bei der Hütte bestellt, liefern lassen, bezahlt und auf Lager gelegt. „Es würde niemals eine harmonische Einheit werden, müsste bei jedem einzelnen Fenster Glas beauftragt werden. Oder wenn man schauen müsste, wo bekomme ich jetzt wieder das Geld her“, betonte der renommierte Künstler. Poensgen: „Vorleistungen erbringt man, wenn man optimistisch ist. Optimistisch sind alle Beteiligten und ich auch, dass ich noch erleben werde, wenn auch das letzte Fenster seinen Platz in diesen Mauern findet.“

Aber all diese bemerkenswerten Schmuckstücke könnten nicht den altehrwürdigen Sakralbau zieren, gäbe es nicht die zahlreichen Spender, die diese gläsernen Kunstwerke gestiftet haben. „Das reicht von Spendern, die kleine Beträge beisteuerten, bis hin zu Menschen, die ganze Fenstertafeln bezahlt haben“, sagt Pfarrer Lindemann. Natürlich seien er und die ganze Kirchengemeinde überaus dankbar, dass sich so viele Menschen gefunden haben, die sich für den Erhalt und die schrittweise Restaurierung der Fenster und damit der gesamten Kirche St. Bartholomäi engagieren. „Es sind Spender darunter, die nicht einmal in Zerbst zuhause sind“, betont Pfarrer Lindemann.

Im Übrigen wurde mit dem Einbau der neuen Fenster der erforderliche Schutz des großen Epitaphs (eine Grabinschrift oder ein Grabdenkmal für einen Verstorbenen an einer Kirchenwand) für Fürst Wolfgang von Anhalt aus der Hand Lucas Cranachs des Jüngeren (1568) vor direktem und schädigendem Sonnenlicht hergestellt.

Die Kirchengemeinde ist nun auf der Suche nach weiteren Menschen – Spendern, die sozusagen eine gläserne Patenschaft übernehmen wollen, um die verbliebenen zwei Fenster der Nordseite des Chorraumes und die drei kleinen Fenster der Sakristei ebenfalls nicht nur zu erneuern, sondern durch Poensgens Meisterwerke zu ersetzen.