Volksstimme: Vize-Landrat Bernhard Böddeker hat sich als erster aus der Deckung gewagt. Seit wann steht ihr Entschluss fest, Ihren Hut in den Ring zu werfen?

Andy Grabner: Mit dem Gedanken gespielt habe ich, seitdem unser Landrat Uwe Schulze bekannt gegeben hat, nicht wieder anzutreten und der eine oder andere auf mich zugekommen ist. Der Entscheidungsprozess ist doch eine Weile gereift, insbesondere auch im Kreis der Familie. Als feststand, dass meine Frau vollends hinter mir steht, habe ich die Chance ergriffen und meinen Hut mit in den Ring geworfen.

Sie waren und sind ja recht erfolgreich als Rathauschef in Sandersdorf-Brehna. Warum jetzt das Landratsamt?

Ich bin jetzt 46 Jahre jung oder alt, und es ist aus meiner Sicht eine gute und vielleicht auch die letzte Chance in meiner beruflichen Laufbahn, mich weiterzuentwickeln und eine neue, vielfältige Herausforderung anzunehmen. Ich bin gelernter Diplom-Verwaltungswirt und seit 1997 in der Kommunalverwaltung, seit 1998 in leitender Position tätig. Gern bringe ich meinen gesamten Erfahrungsschatz aus meiner bis dato zwölfjährigen Bürgermeistertätigkeit und meiner über 15-jährigen Mitgliedschaft im Kreistag ein. Die Funktion des Landrats würde ich hoch motiviert, mit ganzer Kraft und Energie, aber auch mit dem erforderlichen Respekt auf der einen Seite und mit Mut auf der anderen Seite begleiten.

Das heißt, Ihr Parteifreund ist nicht der einzige, der mit Erfahrung punkten möchte?

Definitiv nicht. Ich kann zwar nicht mit einem Erfahrungsschatz als Mitarbeiter der Landkreisverwaltung punkten, aber auf alle Fälle mit einer über 20-jährigen Tätigkeit in einer Stadtverwaltung. Nicht zu unterschätzen ist darüber hinaus die Arbeit im Kreistag.

Wie wollen Sie die Anhalt-Bitterfelder von sich überzeugen? Oder anders gefragt, wie wollen Sie den Landkreis auf die gleiche Erfolgsspur bringen wie Ihre Stadt?

Es ist bereits Gutes geschaffen worden, daran würde ich anknüpfen, würde aber auch neue Impulse setzen wollen und die Potenziale, die unser Landkreis unstrittig von Nedlitz im Norden bis Torna im Süden sowie von Dohndorf im Osten bis Schwemsal im Westen zu bieten hat, ausschöpfen und weiterentwickeln. Ich möchte die verschiedenen Facetten von der Wirtschaft bis zur Kultur, als auch die Liebenswürdigkeit unseres Landkreises gemeinsam mit den Kommunen, aber insbesondere mit den Menschen, fördern und ein guter Partner sein. Ich glaube schon, dass ich bisher als Bürgermeister meine Macher-Qualitäten unter Beweis stellen konnte. Ich bin es gewohnt, weit über eine 40-Stunden-Woche hinaus zu arbeiten und für meine Bürger da zu sein. Auch als Landrat würde ich ebenso gestalten und ein großes Stück dazu beitragen wollen, dass unser Landkreis weiterhin als zukunftsfähiger, attraktiver Lebens- und Wirtschaftsraum wahrgenommen wird.

Anhalt-Bitterfeld soll seiner sozialen und ökologischen Verantwortung nachhaltig gerecht werden, sodass auch unsere Kinder und Kindeskinder gut und gerne hier leben können. Einen Schwerpunkt sehe ich zum Beispiel bei der Digitalisierung der Schulen, aber auch der Verwaltung. Gerade diese sehe ich als Dienstleister für die Bürger, für die Unternehmen und für die Kommunen. Die Stärkung des Ehrenamtes, die flächendeckende Anbindung des ÖPNV, der Ausbau von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Verbesserung des Radwegenetzes oder die Stärkung von Kultur und Tourismus sind nur einige Themenfelder, die auf meiner Agenda stehen.

Für die Zerbster ist der Landkreis und Köthen so weit weg, wie die EU und Brüssel. Wie wollen Sie das ändern?

Zerbst ist ein wichtiger Faktor im Landkreis, genauso wie Köthen oder Bitterfeld-Wolfen. Es ärgert mich schon sehr, dass das Zusammenwachsen der ehemaligen drei Landkreise zum gemeinsamen Landkreis Anhalt-Bitterfeld bis heute nicht wirklich optimal geglückt ist. Es muss uns gemeinsam gelingen, dass wir uns mit dem seit nunmehr 13 Jahren existierenden Landkreis identifizieren. Wenn wir Anhalt-Bitterfeld als Ganzes mit Leben füllen können, rückt Zerbst näher an Bitterfeld-Wolfen und Köthen heran und umgedreht. Ich werde mich dafür stark machen, dass die Vorzüge einer jeden Kommune auch entsprechend zur Geltung kommen und bis in die jeweils entfernteste Ortschaft transportiert werden.

Haben Sie da konkrete Ideen? Die Zerbster hatten seit der Kreisgebietsreform immer das Gefühl, als säßen sie am Katzentisch, die dicksten Brocken gingen immer an die anderen. Was sagen Sie den Zerbstern?

Dies kann ich so nicht bestätigen. Sicherlich wünscht man sich immer mehr Investitionen in der eigenen Stadt, das ist auch in Aken, Bitterfeld-Wolfen oder im Südlichen Anhalt nicht anders. Die Investitionen wurden in den zurückliegenden Jahren schon fair verteilt. Das wäre zukünftig auch mein Ansinnen, keine Kommune zu vergessen und die zur Verfügung stehenden Mittel ausgewogen zu investieren. Aus meiner Sicht müssen gemeinsam mit den Oberbürgermeistern und Bürgermeistern entsprechende Prioritäten gesetzt werden, welche es dann gilt zu erhalten und zu entwickeln. Das funktioniert nur gemeinsam im Team.

Momentan wird über den Neubau einer Leistelle diskutiert. Dazu gibt es einen offenen Brief der Gemeinde- und Stadtwehrleiter, die genau diesen Neubau fordern. Wie stehen Sie dazu?

Ich stehe zu einer im Landkreis integrierten Leitstelle, die Disponenten machen einen tollen Job. Die Arbeitsbedingungen, gerade auch in Krisensituationen, müssen stimmen. Ich habe mir die derzeitige Leitstelle angeschaut und kann den Wunsch nach einem Neubau nachvollziehen. Allerdings erwarte ich vor einer Umsetzung auch, dass sämtliche Varianten, welche neben einem Neubau in Frage kämen, von A bis Z geprüft wurden. Schließlich müssen wir sorgsam mit unseren finanziellen Mitteln umgehen.

Als Bürgermeister dürfte Ihnen die Kreisumlage das eine oder andere Mal den Schweiß auf die Stirn getrieben haben. Wie werden Sie als möglicher Landrat mit diesem umstrittenen Thema umgehen?

Insbesondere dem Landrat haben diese Diskussionen wahrscheinlich den Schweiß auf die Stirn treiben lassen (lacht). Das gehört dazu, die Kommunen streiten um eine möglichst niedrige Umlage und der Landkreis hält dagegen. Da es sich hierbei um eine der wenigen Einnahmemöglichkeiten eines Landkreises handelt und damit auch alle wesentlichen Investitionen gedeckelt werden müssen, ist es auch verständlich. Ich sehe allerdings schon die ein oder andere Stellschraube, die vielleicht noch nicht bis ins kleinste Detail justiert worden ist. Wichtig ist immer der sachliche Diskurs, wofür ich stehe. Das zeigt allerdings wieder den dringenden Handlungsbedarf bei der Überarbeitung des Finanzausgleichsgesetzes auf. Es muss auch zukünftig noch möglich sein, dass sich die Kommunen und damit auch der Landkreis entfalten können.

Eine letzte Frage: Ziehen Sie nicht in Uwe Schulzes Büro, bleiben Sie dann in Ihrem?

Ja. ich habe die Entscheidug zur Kandidatur nicht gegen das Amt des Bürgermeisters der Stadt Sandersdorf-Brehna getroffen, sondern für ein mögliches Amt des Landrats. Ich liebe meine Funktion des Bürgermeisters, daran wird sich auch nichts ändern. Solange ich Bürgermeister bin, werde ich weiterhin mit vollem Herzblut und ganzer Kraft die Entwicklung der Stadt vorantreiben.