Zerbst l Ob umherflitzendes Hängebauchschwein, abgetrennter Ziegenkopf oder ein Herr, der seine Wohnungstür nackt öffnet – wer im Zerbster Rathaus gerade Bereitschaftsdienst hat, muss mit allem rechnen. „Man weiß nie, was kommt“, sagt Ordnungsamtsleiterin Kerstin Gudella. Im Schnitt sind es etwa 15 Einsätze im Monat und „jeder Fall ist individuell“.

Vor allem für Mitarbeiter aus anderen Verwaltungsbereichen sei dies eine Herausforderung. Um jeden bestmöglich auf die vielfältigen Einsätze vorzubereiten, finden regelmäßige Auswertungsrunden statt. „Der Erfahrungsaustausch ist ganz, ganz wichtig“, weiß Kerstin Gudella. Denn der Bereitschaftsdienst muss gewährleistet sein.

Kommunen müssen Bereitschaftsdienst vorhalten

„Wir sind als Kommune verpflichtet sicherzustellen, dass die Aufgaben der Gefahrenabwehr auch außerhalb der Dienstzeit wahrgenommen werden“, verweist die Amtsleiterin auf das Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung des Landes Sachsen-Anhalt. „Das bedeutet, wir müssen eine Rufbereitschaft für die Einheitsgemeinde Zerbst einrichten“, erläutert sie. Eine interne Dienstanweisung regele die Details.

Momentan sind es 22 Verwaltungsmitarbeiter, die bei Bedarf nachts und am Wochenende ausrücken. „Ein Kollege hat immer von Montag bis Montag Bereitschaft“, erzählt Kerstin Gudella. Eine direkte Durchwahl gibt es nicht. „Wir sind über die Leitstelle oder die Polizei erreichbar“, informiert sie. Also über die Notrufnummern 112 oder 110.

Anstieg der Einsätze in letzten Jahren

Läuft dort zum Beispiel eine Beschwerde über eine viel zu laute Feier zu später Stunde oder der Hinweis auf einen angeblichen Wildangler ein, wird der Bereitschaftsdienst genauso angefordert wie bei Vandalismus, Umweltschäden oder freilaufenden Tieren. Auch der durch ein Einbruch ausgelöste Alarm in einer städtischen Einrichtung lässt die Rufbereitschaft ausrücken. „Anonymen Anzeigen gehen wir nicht nach“, betont Kerstin Gudella. Aufgrund der enormen Fläche der Einheitsgemeinde könne es allerdings mitunter bis zu 20 Minuten dauern, ehe der jeweilige Mitarbeiter vor Ort sei, gibt sie zu bedenken.

2018 absolvierte der Bereitschaftsdienst des Rathauses insgesamt 174 Einsätze, 2019 stieg die Anzahl auf 205 an, im ersten Halbjahr 2020 waren es bereits 120. Häufigster Grund sei ruhestörender Lärm, blickt Kerstin Gudella in die Statistik. „Oberste Priorität hat dabei der Eigenschutz der Mitarbeiter“, betont sie. Insofern der nächtliche Radau nicht direkt zu beenden ist, ohne sich in Gefahr zu begeben, wird nur mit polizeilicher Begleitung agiert, wie die Amtsleiterin schildert. Das bedeutet jedoch nicht, dass dem Lärmverursacher – vorausgesetzt, er ist bekannt – keine Ordnungswidrigkeitsanzeige droht. „Es steht übrigens jedem Bürger frei, eine Anzeige einzureichen“, bemerkt Ordnungsamtsmitarbeiter Christian Neuling.

An erste Stelle steht Lärmbelästigung

Allein 46 Mal wurde die Rufbereitschaft im ersten Halbjahr 2020 wegen Ruhestörung angefordert – zum Vergleich: 2019 geschah dies insgesamt 68 Mal. Vor allem im Sommer, wenn viele Menschen mit offenen Fenstern schlafen, sei das ein Problem, sagt Christian Neuling. Manchmal sei auch ein Nachbarschaftsstreit die Ursache. Wenn es Mietshäuser betrifft, wird Kontakt mit dem Eigentümer aufgenommen, um den Konflikt zu lösen. Denn dafür seien sie genauso wenig zuständig. „Es muss eine Gefahr für die allgemeine Sicherheit und Ordnung bedeuten“, erläutert Kerstin Gudella. Es dürfe sich nicht nur einer allein gestört fühlen.

Oft stellt sich auch heraus, dass der Lärmpegel schon öfter überschritten wurde. „Aber erst nach dem dritten oder vierten Mal wird angerufen“, schildert Kerstin Gudella. Sie kann nicht nachvollziehen, warum sich die Bürger in solche Fällen nicht bereits während der Dienstzeiten ans Ordnungsamt wenden. „Da muss man nicht die nächste Nacht abwarten, sondern kann versuchen, es im Vorfeld abzuklären“, meint sie.

Bauhof besitzt eigene Rufbereitschaft

Ebenfalls nicht selten sind Tiereinsätze. Von verletzten Katzen über einzufangende Pferde bis hin zu entwischten Schlangen reicht das Spektrum. Auch freilaufende Hunde sind nicht selten. Hier wird die Rufbereitschaft des Bauhofes hinzugezogen. Diese wird ebenfalls aktiviert, um akute Gefahrenstellen zu beseitigen oder zumindest vorerst zu sichern. Bei Vandalismus beispielsweise, zu dem es im vorigen Jahr verstärkt vor der Zerbster Schwimmhalle kam. Immer wieder musste der Bauhof ausrücken, um Müll aufzusammeln und großflächig verstreute Glasscherben zu entfernen.

Zu den Einsatzarten des Bereitschaftsdienste der Stadtverwaltung gehört zudem der ruhende Verkehr. 2019 hatten sich da immer wieder mal Freibadbesucher gegenseitig zugeparkt, wie Christian Neuling erzählt. Aber auch Obdachlose, die plötzlich eine Bleibe suchen, oder eine verunreinigte Nuthe rufen die Ratshausmitarbeiter nach Ende ihres normalen Arbeitstages auf den Plan.