Zerbst l Die Pest verbreitete sich im Mittelalter in ganz Europa und forderte unzählige Opfer. Auch in Zerbst hinterließ der „Schwarze Tod“ seine grausamen Spuren. Die Menschen schienen der Seuche gegenüber hilflos. Sie wussten nicht, was der Auslöser der gefährlichen Krankheit war.

„Die Medizin war damals noch nicht so weit“, sagt Agnes-Almuth Griesbach. Die Leiterin des Museums der Stadt Zerbst weiß um die dramatischen Folgen, die die „Gottesgeißel“ für die Bevölkerung hatte und wie man versuchte, dagegen anzukämpfen. Nachgelesen werden kann es in den „Episoden aus der Zerbster Geschichte“ von Heinz-Jürgen Friedrich, die 2001 als Buch veröffentlicht wurden.

Über die Hälfte an Pest gestorben

1396 suchte die Pest die florierende Stadt, in der Handel, Handwerk und das Brauwesen bei den Einwohnern für Wohlstand sorgten, das erste Mal heim. Bis 1680 sollte die Seuche immer wieder wüten und Jung und Alt erbarmungslos in den Tod reißen. Überliefert sind Zahlen für die 1566/67 grassierende Epidemie. In einer Woche seien 213, in einer anderen 297 Menschen verstorben, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, den Heinz-Jürgen Friedrich zitiert. In der Kirchgemeinde St. Nicolai wurden am Ende 2430 Tote gezählt, in der Bartholomäigemeinde weitere 825. Damit fiel über die Hälfte der damaligen Bevölkerung der Seuche zum Opfer.

Die Bestattung erfolgte anscheinend in größter Eile in Massengräbern, von denen zwei 1985 bei Schachtarbeiten für eine Versorgungsleitung vor der Nicolaikirche freigelegt wurden. Die Gebeine lagen kreuz und quer in der Erde. Um ihre Zersetzung zu beschleunigen, seien sie einst mit Kalk abgelöscht worden, schildert Agnes-Almuth Griesbach.

Friedhöfe reichten nicht aus

Bei all den Toten reichten die Friedhöfe an den Kirchen, Kapellen und Klöstern allerdings schließlich nicht mehr aus. Das führte 1582 dazu, dass vor den Toren der Stadt und zwar im Osten – dort, wo die Sonne aufgeht – zunächst der Heidetorfriedhof angelegt wurde, 1595 folgte der Frauentorfriedhof.

Für Fürst Magnus von Anhalt (1455 bis 1524), der sich durch seine Frömmigkeit auszeichnete, war die Pest eine Strafe Gottes für „Unkeusche Afterrede (Nachrede), Trunkenheit, Ehebruch und unreine Sünde“, so der frühere Museumsleiter Heinz-Jürgen Friedrich in seinen „Episoden“. 1505, als der „Schwarze Tod“ erneut über Zerbst hereinbrach, forderte er zur Eindämmung der Epidemie vom Stift St. Bartholomäi einen Fastentag und eine Prozession. Geholfen haben dürfte dies nicht.

Abstand wurde gehalten

„Man erkannte aber, dass man sich schützen und Abstand halten muss“, sagt Agnes-Almuth Griesbach. Wem es möglich gewesen sei, der floh aus der Stadt, um einer Ansteckung zu entgehen. Auch der Physikus, der Stadtarzt, musste Zerbst verlassen, da er von der Seuche verschont bleiben sollte. Stattdessen stellte der Rat der Stadt gut bezahlte Pestärzte ein, wie Heinz-Jürgen Friedrich schreibt. Zugleich seien Isolierhäuser außerhalb der Stadtmauer entstanden, wie es sie unter anderem genauso für Leprakranke gab.

Bekannt ist ebenfalls eine fürstliche Order von 1680, wonach nicht nur der Vieh- und Krammarkt in Zerbst verboten wurde, um eine Einschleppung der wieder einmal grassierenden Pest zu verhindern. Jede Familie sollte sich zudem einen Lebensmittelvorrat an Korn, Gerste, Hopfen, Mehl, Salz und Fleisch für ein halbes Jahr anlegen. Auch sollten die Gassen von Mist, Schutt, totem Aas und „aller Unsauberkeit“ gereinigt werden. Fürst Carl Wilhelm von Anhalt-Zerbst (1652 bis 1718) „hatte sehr wohl eine der Ursachen der fürchterlichen Seuche erkannt“, bezieht sich Heinz-Jürgen Friedrich auf die unhygienischen Verhältnisse, die es dem „Schwarzen Tod“ leicht machten, sich unter den Menschen auszubreiten.