Zerbst l Gut 50 Meter vor der Stadtmauer hat Detlef Lohse durch Zufall die eindeutigen Fraßspuren eines Bibers an einem Nuthelauf entdeckt. „Tag für Tag nagt er etwas mehr ab“, schildert er seine Beobachtungen und zeigt auf den Stamm einer Weide. Goldgelb leuchtet das mit scharfen Nagerzähnen freigelegte Holz.

Der Zerbster sorgt sich allerdings nicht nur um den mächtigen Baum, der irgendwann umzufallen droht. Er befürchtet ebenfalls, dass der Biber hier vom Alten Teich aus über den Flussarm weiter in den Schlossgarten wandert und dort womöglich Schaden anrichtet. „Vielleicht ist es ein Jungtier, das ein eigenes Revier sucht“, sagt er. Man könnte ihn einfangen und umsiedeln, überlegt Detlef Lohse. Dabei ist ihm bewusst, dass der tierische Landschaftsgestalter streng geschützt ist.

Einfangen ist keine Lösung

„Ein Einfangen und Umsiedeln der Tiere stellt keine nachhaltige Problemlösung dar“, sagt hingegen Torsten Beyer. Er arbeitet bei der Landesreferenzstelle für Biberschutz, die in der Biosphärenreservatsverwaltung Mittelelbe angegliedert ist. Wie er erläutert, zeigen die Erfahrungen aus Fangaktionen, die fast immer zum Zweck der Wiederansiedlung erfolgten, dass Reviere innerhalb recht kurzer Zeit wieder besiedelt werden.

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Zugleich weist er darauf hin, dass alle Handlungen, die den Biber erheblich stören oder sogar töten, verboten sind. Dazu zählt auch die Beschädigung beziehungsweise Zerstörung seiner Baue und Dämme. „Das sind Ordungswiderigkeiten und unter Umständen sogar Straftaten“, betont Torsten Beyer.

Über 50 Reviere sind bekannt

Im 19. Jahrhundert stand der große Nager bereits kurz vor der völligen Ausrottung. Nur in der Region Mittelelbe überlebte er dank Schutzmaßnahmen in einer kleinen Population. Inzwischen gibt es wieder fast 30.000 Biber in ganz Deutschland.

„In der Einheitsgemeinde Zerbst kennen wir 52 Reviere, von denen etwa 80 Prozent besetzt sind “, sagt Torsten Beyer. „Wir gehen davon aus, dass in einem Familienverband im Schnitt 3,3 Tiere leben, so kommen wir insgesamt auf etwa 140 Biber“, bemerkt er, dass es sich um eine reine Hochrechnung handelt. Das trifft genauso fürs Stadtgebiet zu, wo die Fachleute von fünf Revieren wissen mit schätzungsweise 13 bis 15 Nagern.

Konflikte durch Kompromisse lösen

Seit dem vergangenen Jahr ist ihnen auch bekannt, dass sich anscheinend ein Biber am Alten Teich angesiedelt hat. Torsten Beyer erzählt von der Angst vor einem Rückstau der Nuthe und einer Vernässung der dortigen Wohngrundstücke. Deshalb wurde in Absprache und nach einem Vor-Ort-Termin mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Anhalt-Bitterfeld ein vorhandener Biberdamm entfernt – eine einmalige Aktion, wie er erläutert.

Denn die Beseitigung eines Dammes ist meist keine Lösung. Vielmehr animiert dies den Nager, seine Bau- und Fällaktivitäten noch zu verstärken, wodurch das Problem nur verschärft wird, wie Torsten Beyer ausführt. Nichts desto trotz gibt es Möglichkeiten, um eventuelle Konflikte zwischen Mensch und Biber zu lösen. „Wir versuchen immer, einen Kompromiss zu finde“, sagt Torsten Beyer.

So könnten Bäume beispielsweise durch eine im Boden verankerte Drahthose vor den kräftigen Zähnen der Nager geschützt werden. Ein Quarzsand-Leimgemisch, das die Biber nicht mögen, könnte ebenfalls auf die Stämme aufgetragen werden. „Für den öffentlichen Bereich stellen wir das Material zur Verfügung“, informiert er. Aber auch betroffene Landwirte oder Privatleute berät die Landesreferenzstelle, wie ein Zusammenleben mit dem Biber möglich ist, der in Deutschland außer dem Wolf keinen natürlichen Feind besitzt – mal abgesehen vom Menschen.