Zerbst/Magdeburg l Aaro scheint nur zu schlafen, so wie er da in den Händen seiner Mama liegt. „Er war unser zweites Wunschkind“, sagt Sarah Zech. Anfangs habe sich der Junge gut entwickelt, blickt die Magdeburgerin zurück. In der 16. Schwangerschaftswoche änderte sich alles schlagartig.

Bei der Ultraschalluntersuchung fiel der Frauenärztin auf, dass das Köpfchen des Babys ungewöhnlich viel Flüssigkeit enthält. Die Feindiagnostik bestätigte den Befund, dass kaum Gehirnmasse vorhanden ist. Auch die Humangenetikerin hatte leider keine positiven Nachrichten für die junge Frau. Mehrere Krankheiten standen im Raum und am Ende die schmerzliche Aussage, dass die Überlebenschancen für Aaro äußerst gering seien.

Entscheidung für Schwangerschaftsbruch

Plötzlich stand die werdende Mutter vor der Frage, ob sie die Schwangerschaft fortsetzt oder vorzeitig beendet. „Wir haben uns für einen Abbruch entschieden“, erzählt sie mit gefasster Stimme. Vorher ließ sie noch einen Gipsabdruck von ihrem Bauch anfertigen, so wie sie es bereits bei ihrem ersten Sohn Marco getan hatte.

Bilder

Schnell rückte der Termin näher, an dem sich Sarah Zech und ihr Mann von Aaro verabschieden mussten. Für kurze 15 Minuten durfte sie ihn nach der Geburt auf dem Arm halten. Im Hintergrund agierte eine Fremde – diskret machte Lydia Kulot Familienfotos.

Kleiner Junge starb kurz vor Geburt

Bereits mit 18 wurde die Zerbsterin mit dem Thema „Sternenkinder“ konfrontiert. Sie absolvierte damals eine Lehre in Berlin, als sie ein Pärchen kennenlernte, das bereits zwei Kinder besaß. Nun war die Frau wieder schwanger. Doch kurz vor der Geburt starb der kleine Junge. „Sie haben zwei Polaroidfotos erhalten. Ich fand die Bilder so schrecklich“, blickt Lydia Kulot zurück.

Inzwischen ist sie 41 und begeisterte Hobbyfotografin. Frauen und Männer stehen für sie Model. „Eigentlich fotografierte ich immer nur das Leben“, sagt die Zerbsterin. Sie schildert, wie sich das änderte, als ihr Vater an Krebs erkrankt im Sterben lag.

Nach Sinn im Leben gesucht

„Da habe ich nach einem Sinn im Leben gesucht“, sagt sie. Im Internet stieß Lydia Kulot auf „Dein Sternenkind“, eine Initiative, die 2013 durch Kai Gebel ins Leben gerufen wurde und sich über Deutschland, Österreich und die Schweiz erstreckt. Diese bietet Erinnerungsfotos als Geschenk für Eltern, die entweder bereits ein totes Baby auf die Welt bringen müssen oder denen der Tod des Neugeborenen unausweichlich bevorsteht.

Über 600 Fotografen sind bereits registriert – seit 2017 gehört Lydia Kulot dazu. „Ich habe lange überlegt, ob ich es mache“, gesteht die zweifache Mutter. „Wenn du Erfüllung darin siehst, mach’ es“, erhält sie die Unterstützung von ihrem Mann.

Alarm-App auf Handy

Also meldet sie sich an und installiert die Alarm-App auf ihr Handy, mit der die Sternenkind-Fotografen benachrichtigt werden. Kurz darauf schrillt das Telefon das erste Mal auf, dann erneut und weitere Male. „Doch entweder war ich zu weit weg oder es hat beruflich nicht gepasst“, erzählt Lydia Kulot.

Nach einem Dreivierteljahr schließlich folgt ihr allererster Einsatz in einer Dessauer Klinik. In dem Krankenhaus, in dem seit zwei Tagen ihr Vater im Koma liegt, soll sie einen kleinen Jungen fotografieren. „18. Schwangerschaftswoche“, erinnert sie sich. Mit der Berlinerin Katrin Tietze hat die Zerbsterin eine Mentorin, die sie auf diesen Augenblick vorbereitet hat.

Trotz der Sorgen um ihren Papa konzentriert sie sich darauf, das winzige Sternenkind abzulichten. „In dem Moment habe ich Frieden gefunden“, sagt Lydia Kulot. Sie weiß, dass sie das nun öfter machen wird. „Drei Tage später ist mein Vater gestorben. Ich habe nicht geweint. Ich wusste, er passt jetzt auf die Sternchen auf.“

Berührende Schicksale

16 von ihnen - darunter siamesische Zwillinge – hat sie bislang fotografiert und hinter jedem einzelnen verbirgt sich ein ganz individuelles Schicksal, das berührt und sich einprägt. Mal ist ein Herzfehler verantwortlich, mal eine Plazenta-Ablösung oder die um den Hals gewickelte Nabelschnur, weshalb ein Kind die Schwangerschaft nicht überlebt.

Für Lydia Kulot ist jedes Sternchen eine kleine Persönlichkeit, die sie mit Achtung und Respekt behandelt. „Ich bin ein gläubiger Mensch“, sagt die Zerbsterin. „Ich begrüße die Kinder mit ihrem Namen und massiere zuerst die Füßchen.“ Dann erzählt sie mit ihnen und beginnt sie zu waschen, bevor sie ihnen etwas anzieht.

Von Kunstblumen bis Kuschelherzen

Lydia Kulot holt den Koffer hervor, den sie stets zu einem Einsatz mitnimmt. Darin finden sich genähte, gehäkelte und gestrickte Kleidungsstücke – manches nicht größer als die Hand eines Erwachsenen. „Das bekomme ich vom Verein ,Sternchenzauber & Frühchenwunder“, sagt die Zerbsterin. Neben verschiedenen Deckchen, Kunstblumen und anderen Accessoires hat sie ebenfalls Stoffpüppchen und Kuschelherzen dabei, mit denen sie die Sternenkinder ablichtet und die für Eltern und Geschwister zur greifbaren Erinnerung werden – genau wie die Fotos, die sie geschenkt bekommen.

„Wir machen das alles kostenlos“, betont Lydia Kulot. „Es ist ein Ehrenamt, bei dem man selbstständig und mit großer Verantwortung arbeitet“, sagt sie. Ihr ist es längst eine Herzensangelegenheit geworden, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorbenen Babys im Bild festzuhalten.

Sie weiß, wie wichtig es für die Betroffenen ist, etwas Bleibendes zu besitzen. Deshalb lassen sie es zu, dass jemand völlig Fremdes in diesem intimen Moment dabei ist. Lydia Kulot gesteht, dass sie nicht immer die Tränen zurückhalten kann. All die Gefühle und Gedanken in dieser zutiefst traurigen Situation bewegen sie stets aufs Neue und bestätigen ihr zugleich, das Richtige zu tun.

Gemeinsame Fotos mit Mutter und Vater

Behutsam widmet sie sich den zerbrechlichen Wesen, fertigt zauberhafte Porträts an und fängt Details ein. Je nach Wunsch entstehen auch gemeinsame Fotos von Mutter und Vater zusammen mit ihrem Sternenkind. Lydia Kulot versucht, möglichst viele Aufnahmen zu machen, denn es werden die einzigen sein.

Sarah Zech möchte sie keinesfalls missen. „Die Fotos sind mir sehr, sehr wichtig“, sagt die 26-Jährige. Die Bilder würden unglaublich helfen, den schlimmen Verlust zu verarbeiten.

Fotografin und Trauerbegleiterin

Vielen sei die Organisation gar nicht bekannt, weiß Lydia Kulot. Das erfuhr sie bei der ersten Sammelbestattung von Sternenkindern in Magdeburg, an der sie teilnahm. Denn sie wird oft zu den Beerdigungen eingeladen, die sie ebenfalls kostenlos fotografiert. In diesem Augenblick sei sie auch Trauerbegleiter, sagt die Zerbsterin.

In einem Alarmradius von rund 100 Kilometern ist sie im Einsatz. „Ich bin Tag und Nacht erreichbar. Das Handy ist immer an“, sagt Lydia Kulot. Keiner werde im Stich gelassen, betont sie. Dennoch hätte sie gern einen Ersatz, jemanden, der für sie einspringt, wenn sie mal plötzlich nicht kann.

Wenige Sternenkind-Fotografen

Denn noch gebe es in Sachsen-Anhalt zu wenig registrierte Sternenkind-Fotografen. Die Zerbsterin hofft, dass sich das ändert. Wer Interesse hat, kann sich einfach bei „Dein-Sternenkind“ oder bei ihr melden. Das Engagement lohne sich, erzählt sie von der enormen Dankbarkeit, die einem die Betroffenen entgegenbringen.

Lydia Kulot und Sarah Zech sind inzwischen eng befreundet. Die Zerbsterin war nicht nur prompt engagierte Hochzeitsfotografin, als die Magdeburgerin heiratete. Sie freute sich ebenfalls riesig mit, als die 26-Jährige erneut schwanger wurde. „Sie war eine der Ersten, die Milan gesehen hat“, erzählt Sarah Zech.

Aaro lebt in Fotos und im Herzen weiter

Inzwischen ist der aufgeweckte Junge fast acht Monate alt und entdeckt zunehmend die Welt für sich. Irgendwann wird er erfahren, dass er eigentlich zwei Brüder hat. Denn Aaro lebt weiter in den Gedanken und in den Herzen seiner Eltern. Und in den Bildern der Sternenkindfotografin.