Zerbst l Eine schmutzige Patina überzieht die drei Stolpersteine in der Mühlenbrücke 6. Sie erinnern an den Maler Willy Schlesinger, seine Frau Rosa und Tochter Margarete. Keiner von ihnen überlebte den Holocaust. Davon erzählen die Inschriften, die allerdings nur schwer lesbar sind.

„Keiner fühlt sich verantwortlich, die Steine mal zu putzen“, bedauert Hans-Hermann Holländer kürzlich am Lesertelefon der Volksstimme. Die Verbrechen der Nationalsozialisten dürften nicht in Vergessenheit geraten, wie er findet. Umso dankbarer ist Hans-Hermann Holländer den vier ehemaligen Francisceern, die die Messingsteine wenige Tage später wieder blank polieren.

Alles ehrenamtlich

„Wir haben keinen Vertrag oder sind keine Verpflichtung eingegangen, die Stolpersteine in Zerbst zu putzen“, sagt Bennet Rietdorf, der die Aktion initiiert und seine Freunde Julian Metz, Johannes Herrmann und Benedikt Schweika zusammengerufen hat. Jeder könne sich die entsprechenden Putzutensilien schnappen und selbst Hand anlegen. „Sogar Julian, der eigentlich in der Pfalz zu Hause und nur zu Besuch bei mir ist, hat sich sofort bereit erklärt, bei der Aktion mitzumachen“, freut sich Bennet.

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Bennet: „Auch wenn wir das Francisceum inzwischen verlassen und unser Abitur abgelegt haben, wollen wir dennoch an der Tradition festhalten, regelmäßig die Stolpersteine zu polieren“, betont der angehende Student. Die Putzaktion sei im Übrigen bereits vor dem Anruf des Lesers bei der Volksstimme geplant gewesen.

Hinter Namen stecken Schicksale

Es gehe nicht um Aufmerksamkeit für die Jungs. „Im Gegenteil, die Stolpersteine haben Namen. Hinter denen verbergen sich Menschen, Zerbster, Gesichter, Schicksale. Darauf wollen wir aufmerksam und die Namen sichtbar machen“, ergänzt Benedikt. Die allermeisten von ihnen seien verfolgt, deportiert, gequält und schließlich auf bestialische Weise ermordet oder in den Suizid getrieben worden.

„Jeder kennt die Gräueltaten während des Nationalsozialismus. Manche leugnen sie auch. Doch die unzähligen Schicksale, auch aus unserer Heimatstadt, bekommen mit den Stolpersteinen Namen“, sagt Benedikt. Darum gehe es, die Namen für alle sichtbar zu halten. „Und es geht um Erinnerungskultur, die unbedingt bewahrt werden muss“, sind sich die vier jungen Männer einig.

Tradition an Jüngere weitergeben

Dem stimmt Stadtsprecherin Antje Rohm zu. Es sei wichtig und wertvoll, sich mit diesem Kapitel der deutschen und insbesondere auch der Zerbster Geschichte zu beschäftigen und auch, dass dies den nachfolgenden Generationen vermittelt und dort weitergetragen wird. „Nicht zuletzt darum sind solche Initiativen, umso mehr, wenn sie direkt von den Jugendlichen ausgehen, sehr hoch zu schätzen“, betont sie.

Das Stolpersteinprojekt in Zerbst entstand 2009 in Kooperation zwischen der Güterglücker Förderschule und des Albert-Schweitzer-Familienwerks Sachsen-Anhalt. Ein Jahr später fand die erste Verlegeaktion statt. Seither wurden die Messingsteine in Abständen immer wieder – auch im Rahmen von Projekten des Zerbster Museums – geputzt.